| Artikel aus
profil Nr. 25/2002 |
Entschleunigung
Die Documenta11 startete in Kassel mit viel Publikum und
international akklamiert. Okwui Enwezor und seinem Team ist ein
neuer, universalistischer Blick auf die zeitgenössische Kunst
gelungen. |
Cengiz ist ein jugendlicher Bewohner der
Friedrich-Wöhler-Siedlung in einem der unwirtlicheren Außenbezirke
der Stadt Kassel. Eben erklärt er einigen Besuchern, was mit dem
Leben grundsätzlich so los ist: dass die traditionellen politischen
Systeme nichts mehr bringen, konstatiert er selbstbewusst, und dass
nun was Neues her müsse. Allen, die zuhören, bleibt der Mund offen
vor Staunen. Kämpferisch vorgetragene politische Parolen in einer
Arbeiter- und Arbeitslosen-Siedlung, das hat man schon lange nicht
mehr live miterleben dürfen. Und schon gar nicht als Teil einer
Großkunstausstellung wie der Documenta. Aber es funktioniert: Eines
der am meisten besuchten „Kunstwerke“ der Documenta11 bildet das
Projekt des 45-jährigen Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn, das
den Titel „Bataille Monument“ trägt. Erinnert wird hier an den
französischen Philosophen und Kapitalismuskritiker Georges Bataille
(1897–1962), insbesondere an dessen Idee der „produktiven
Verausgabung“. „Indem man viel gibt, fordert man andere heraus,
ebenfalls viel zu geben“, meint Hirschhorn, der inmitten der
Wohnblöcke seiner Vorstellung von Geben Gestalt verlieh. Aus acht
Teilen besteht das Monument, das Hirschhorn in monatelanger Arbeit
mit Leuten aus der Siedlung – gegen Bezahlung – errichtet hat: eine
Art soziale und kommunikative Plastik ganz im Sinne des
Documenta-Übervaters Joseph Beuys. Mit billigsten Materialien wurden
in Bretterbudenästhetik und mit Sprühdosenflair eine Bibliothek,
eine Imbissstube, ein TV-Studio, ein richtiges Denkmal sowie ein
Taxidienst aufgebaut. Nun soll da jeden Tag Programm geboten werden,
für die Anwohner einerseits, die zuerst mal drei Tage gratis Kebab
essen dürfen, dann aber auch für das herbeichauffierte
Kunstpublikum, das in die Basics von Ökonomie und kapitalistischer
Wertproduktion eingeführt wird.
Community-Kunst
Hirschhorns
Bataille-Monument ist ein Glücksfall dieser Documenta, die mit ihrem
Leiter Okwui Enwezor angetreten ist, Politik, Kunst und Gesellschaft
neu zu kartografieren und zu verschränken. Denn die
Widersprüchlichkeiten zeitgenössischer Kunstproduktion, die in allen
Arbeiten der über hundert teilnehmenden KünstlerInnen manifest sind,
könnten hier nicht deutlicher zum Ausdruck kommen: Hirschhorn ist
kein Enfant terrible einer marginalen Sozialarbeiter-Kunst, sondern
ein hoch gehandeltes Mitglied der internationalen, kommerziell
bestens agierenden Kunst-Community. So waren seine Arbeiten nicht
nur Teil von wichtigen Ausstellungen wie der Biennale Venedig,
vielmehr ist er als Künstler mit einer der weltweit potentesten
Galerien, der New Yorker Barbara Gladstone Gallery, liiert. Dass
diese seltsame Verquickung von Kommerz und Engagement, denn darum
handelt es sich beim Kasseler Projekt zweifellos, dennoch
überzeugend umgesetzt wurde – das ist eine der überraschenden
Erkenntnisse dieser elften Documenta.
„Sehschule“
Nachdem diese mit einem
13-Millionen-Euro-Budget ausgestattete größte Kunstschau der Welt
bereits im Vorfeld als „theorielastig“ abqualifiziert worden war und
voreilig auch bemängelt wurde, dass Spaß und Genuss sicherlich zu
kurz kommen würden, haben nun plötzlich die meisten Kritiker der
„Weltverbesserungs“-Documenta gute Noten ausgestellt. Erstaunt
stellt man fest, dass hier nicht nur ermüdendes
Schwarzweißgeflimmere und schwerfällig zu erarbeitende Werkblöcke
gezeigt würden, sondern dass die Documenta „überraschend
vielgestaltig“, eine „Sehschule“ sei. Die Schau, für die man gut und
gern zwei volle Besuchstage einplanen sollte, vermag es nämlich,
Spannungen aufzubauen und ihre Inhalte sinnvoll zu vermitteln. Am
überzeugendsten gelingt das im alten Kulturbahnhof, wo
architekturbezogene Arbeiten das Leitmotiv abgeben: die bunten
Pappmaché-Stadtlandschaften des afrikanischen Künstlers Bodys Isek
Kingelez neben Isa Genzkens fiktiven „New Buildings for Berlin“ oder
David Goldblatts fotografische Soziogramme südafrikanischer
Wohnsiedlungen neben der berühmten Fotoserie der „Siegener
Fachwerkhäuser“ von Bernd und Hilla Becher.
Ein anderes
Thema sind die Materialexzesse, wie sie in kumulativen Assemblagen
seit den siebziger Jahren ausgiebigst praktiziert werden: zu sehen
etwa in Dieter Roths gigantischem Vermächtnis „Große Tischruine“ –
ein ganzer Raum, vollgefüllt mit zusammengeklebten Tischen, Stühlen,
Malutensilien, Lampen und hunderttausend Kleinstdingen – oder anhand
der schwarzen, sperrigen Gegenstände, die das ganze Lebenswerk der
bereits verstorbenen Iranerin Chohreh Feyzdjou symbolisieren, oder
auch in Georges Adéagbos Rauminstallation, in der Bildfragmente und
Textschnipsel als kulturelle Versatzstücke aus allen Teilen der Welt
angehäuft wurden. Spaß ist da wahrlich keiner mehr, Unsinnlichkeit
aber genauso wenig. Die große Ernsthaftigkeit, die sich in diesen
Arbeiten zeigt, war neben aller Spaßkultur der letzten Jahre eben
auch ein Hauptthema in der bildenden Kunst. Wundern darüber kann
sich nur, wer diese Tendenz verschlafen hat. Das Publikum jedenfalls
nimmt das Angebot erst mal an: Am Eröffnungswochenende kamen bereits
34.000 Besucher. Überall interessierte Mienen, in dutzenden von
Videoräumen drängten sich hunderte von Menschen. Bei Laufzeiten von
durchschnittlich 20 Minuten pro Videovorstellung ist das keine
schlechte Bilanz. Man mag sich offenbar wieder genauer mit den
Dingen auseinander setzen; Entschleunigung ist der geheime Antrieb
dieser Documenta – und Hirschhorns Prinzip der Verausgabung scheint
auch auf anderen Ebenen zu funktionieren.
An manchen Stellen
fällt dieses durchdachte Geflecht zum Teil auseinander,
beispielsweise in der neu adaptierten Binding-Brauerei: Hier erhielt
die Documenta allein 6000 Quadratmeter Ausstellungsfläche dazu.
Kohärent ist da nicht alles, das aber will einem die labyrinthartige
Innenarchitektur des unter anderem in Wien ansässigen
Architekturbüros Kühn Malvezzi auch nicht vormachen. Die kühl
reduzierten, artifiziellen Umbauten in Grau und Weiß heben die Kunst
weit ab von allen äußeren Einflüssen. So war auch auf der anderen
Seite noch nie so wenig öffentliches Spektakel in Kassel zu erleben
wie dieses Jahr. Keine Landvermessungsaktionen, keine 7000 Bäume,
die gepflanzt werden mussten. Die neue Beschaulichkeit wird
vielleicht am besten durch die Geschichte jenes jungen Kasseler
Paares illustriert, das dieses Jahr auf seinen Urlaub verzichtet
hat, um stattdessen die Documenta zu studieren …
Das
Wichtigste aber ist vielleicht, dass hier tatsächlich so etwas wie
neue kulturelle Koordinaten angelegt worden sind, wie es Okwui
Enwezor im Vorfeld bereits erklärt hat: Gleichberechtigt behaupten
sich indische Filmarbeiten neben US-amerikanischen Fotostrecken und
belgische Rauminstallationen neben chinesischen Videostorys. Eine
Ahnung davon, dass sich die Verhältnisse auch abseits der entrückten
Kunstwelt vielleicht einmal ändern könnten, erhält man durch die
Begegnung mit einem mexikanischen Galeristen, der „möglichst schnell
wieder nach Hause fahren“ wollte, um die Fußball-WM im eigenen
Fernsehen live mitverfolgen zu können. Das Übertragungsangebot in
den Ländern der so genannten Ersten Welt war ihm entschieden zu
gering.
Autor: Patricia Grzonka
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