Das Thema passt natürlich besonders nach
Wien: Traumdeutung, Psychoanalyse, seelische Verwundung, die nächtliche
Seite der menschlichen Existenz – das sind die Stichwörter, mit denen
sich der Bereich der von Kunsthalle und Mumok gemeinsam ausgerichtete
Schau "Traum & Trauma" oberflächlich abstecken lässt.
An die im Jahr 2000 von Lynn Gamwell und
Ursula Storch im Wien Museum konzipierte Schau "Träume 1900–2000"
schließt sich diese nunmehrige Doppelschau mit 40 zeitgenössische
künstlerische Positionen an.
Sie beziehen sich nicht nur auf Sigmund Freuds "Unterbewusstsein".
Das freilich dennoch eine Rolle spielt – wie auch Freuds Traumdeutung,
deren Entdeckung zwar 107 Jahre zurück liegt, aber immer noch aktuell
scheint. Für Forschung nach der seelischen Verwundung durch
traumatische Erlebnisse gibt unsere Gegenwart schließlich genug Anlass.
Die Kunst macht selbst aus dem Schmerz zuweilen ästhetische Bilder.
Im Katalog schreibt Elisabeth Bronfen als Spezialistin für nächtlichen
Shakespeare eine Analyse der in der Literatur abgehandelten dunklen
Seiten des Menschen. Die Nacht verhüllt und bringt einen erweiterten
sinnlichen Erfahrungshorizont – deshalb lieben die Künstler die der
Vernunft abgewandte Seite viel mehr.
In der Kunsthalle wird der Betrachter von wunderbaren schwarzen
Nachtvögeln empfangen – einer Wand von Zeichnungen des in New York
lebenden Chinesen Paul Chan.
Schattenwelten
Die fünf Installationen, die das Mumok beherbergt, sind gleich
dahinter in den Hofstallungen untergebracht. An ihrem Ende stehen drei
gezeichnete Filme von William Kentridge aus Johannesburg: Dem Meister
melancholischen Grauens ist die Schlangen schleudernde personifizierte
Nacht des Pergamonaltars nicht entgangen. Sonst dominieren hier
Schatten, Wasser, Mauricio Cattelans Wiedergänger unter Zebradecke,
Spiegel – und natürlich schwache Beleuchtung.
Nari Ward aus Jamaika hat mit "Hunger Cradle" von 1996 eine
unangenehme Anhäufung von leeren Plastikkinderwägen und
Feuerwehrschläuchen geschaffen. Das tote Kind und mysteriöse Spielzeuge
oder ihre zu einem Parallelogramm verzogenen Gitterbetten haben auch
Kiki Smith, Jeff Koons und Robert Gober zu nächtlichen Unorten
montiert.
Der Geschäftsmann Dakis Joannou, auf dessen Sammlung die Schau
basiert, gründete 1983 die Deste Foundation in Athen als eigenes
Ausstellungshaus, 2005 präsentierte er Werke in Paris. Dies ist erst
die zweite Themenschau außerhalb Griechenlands. Joannou hat die
Direktoren von Kunsthalle und Mumok, Gerald Matt und Edelbert Köb,
eingeladen zu kuratieren.
Nächtlicher Horror
Die Grundidee zeigt die Handschrift von Matt, und sein größerer Part
hat mit Abschnitten wie Urs Fischers Paraphrasen zu Richard Wagners
"Parsifal" auch komische Attitüden eines nächtlichen Bühnendramas.
Nachdem die Besucher durch und unter dem roten Netz von Nari Ward
eingeführt werden, begegnen ihnen mit Cindy Sherman, Anna Gaskell und
Paul Mccarthy weitere Profis des Horrorgenres, aber auch ein Duo, Tim
Noble und Sue Webster, aus London, die Schattenbilder an die Wand
projizieren.
Ihre ebenso interessante Installation "He/She" rüttelt auch in den
Hofstallungen auf. Sie kombinierten kunstvoll dubiose Gegenstände aus
Metall, in der Kunsthalle ballen sich Abgüsse ihrer Finger und seines
Penis mit Seitenlicht zum Doppelbildnis an der Wand. Ein Weg durch die
verwandelnde Dunkelheit für alle, die im Sommer Schauer aller Art
lieben.
Traum und Trauma
Werke aus der Sammlung Dakis Joannou
Mumok und Kunsthalle Wien
Zu sehen bis 4. Oktober
Für Fans des Schauderns.
Donnerstag, 28. Juni 2007