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Salzburg
Em busca da Identidade – Auf der Suche nach der Identität Aktuelle Kunst aus Brasilien
von Martin Engler

Erstaunlich differenziert spricht man heuer von chinesischer oder koreanischer Kunst. Die sich wesentlich unterscheidenden Kunstbiotope Mexikos, Argentiniens oder eben Brasiliens werden hingegen immer noch unter dem postkolonialistischen Oberbegriff ‹Lateinamerika› subsumiert. Es ist somit schon der Titel, der für die von der Kraichtaler Blickle Stiftung organisierte und nun im Salzburger Rupertinum zu sehende Ausstellung einnimmt: ‹Auf der Suche nach der Identität – Aktuelle Kunst aus Brasilien›.

Natürlich ist der erste Eindruck gezwungenermassen verwirrend: Es gibt sie nicht, diese mit einem Begriff fassbare zeitgenössische Kunst aus Brasilien. Gleichwohl entspannt sich zwischen Ernesto Neto und Ana Maria Tavares, den bekanntesten Namen dieser Kunstlandschaft, eine vielschichtige, dabei immer fremdbleibende Welt. Auch hier befindet sich das Nationale auf dem Rückzug, ohne allerdings schlicht zum beliebigen, globalen ‹Kunstdorf› zu gerinnen.

Die Installationen Netos etwa lassen sich so in ihrer Relation zu Hélio Oiticica, dem Urahn der brasilianischen Kunst, und seinen ‹Ninhos›, jenen erstaunlichen, archaischen Nestern und Zufluchtsorten, begreifen, wenn der Ausstellungsraum mit ephemeren Binnenräumen besetzt wird. Transparente Gazestoffe werden durch starkfarbige, schwer lastende Pigmenteinschlüsse verspannt und lassen so poetische Gegenwelten entstehen, deren konzentrierte Innerlichkeit und Sinnlichkeit durch eine olfaktorische Note – zuweilen im Übermass – gesteigert wird: Netos Nelkengeruch zieht durch das ganze Haus und verbindet sich erstaunlicherweise mit der technoiden Rauminstallation Tavares’. Deren Edelstahlobjekte bewegen sich zwischen funktionstüchtiger Form und autonomer Skulptur und lassen einen suggestiven, bei aller Vertrautheit doch unzugänglichen Ort entstehen. Der Raum wird durch drehbare, an schlanken Säulen befestigte Sitze und bewegliche Haltegriffe in eine ortlose Metrostation verwandelt, die vom Warteraum zur Bühne mutiert, indem eine computergenerierte Fahrt den Betrachter und vor allem seinen Schatten in eine bedrohliche Welt aus U-Bahn-Schächten, Überwachungsspiegeln und endlosen Rolltreppen versetzt.

Auch im sich dazwischen ausbreitenden Tableau bleibt der Eindruck einer spezifischen Fremdheit beherrschend, wenn beispielsweise José Damasceno Schachfiguren zu wandfüllenden Reliefs oder Geigenkästen zu poetischen, organisch ausbuchtenden Wandobjekten fügt. Besondere Aufmerksamkeit im Feld der acht Brasilianer verdient die Arbeit von Fernanda Gomes, deren powere Kunstmaterialien – Teebeutel, Zigarettenfilter, Fäden oder Drähte – regelrecht aus der Wand herauswachsen, sich in Fugen festsetzen oder ungeordnet auf dem Boden verteilt werden und sich gleichwohl zu raumgreifend suggestiven Installationen verdichten. Die titelgebende Suche nach der – brasilianischen – Identität findet hier eine prägnante ästhetische Umsetzung, wenn in der chaotischen Vielheit des Ausgebreiteten Betrachter und Künstlerin sich gleichermassen um die Konstruktion einer sinnstiftenden Ganzheit bemühen. Mit Katalog. Galleria d’arte Moderna, Bologna, April bis Juni.

Bis 25.3.2001

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Ausgabe: 03 / 2001
Ausstellung: ( - )
Institution: Rupertinum (Salzburg)
Autor/in: Martin Engler
Künstler/in: Ernesto Neto , Ana Maria Tavares , José Damasceno , Fernanda Gomes