Nach sieben total im Zeichen der Merz-Kunst stehenden Wochen fühlt
Ingried Brugger sich in der Rolle der Schwitters-Direktorin pudelwohl.
Besonders stolz macht die Leiterin des Kunstforums das „Umfeld der
Reaktionen“: „Seit Cézanne haben wir nicht mehr so eine positive
Medienresonanz gehabt. Dadurch, daß die Ausstellung neu zusammengestellt
ist, entstand wirklich auch eine inhaltliche Diskussion.“ Zwar, räumt
Brugger ein, sei die Schau, verglichen etwa mit Malewitsch, finanziell
kein großer Erfolg. Das wäre aber auch nicht zu erwarten gewesen. „Anders
als in Deutschland, wo jedes Kind mit Schwitters aufwächst, ist er für das
hiesige Publikum ein nahezu Unbekannter.“
Stark angesprochen haben hingegen die Künstler. „Das freut mich um so
mehr, als Künstler doch immer im Diskurs ihrer Zeit gefangen sind. Diesmal
aber nehmen sie wirklich teil und diskutieren Schwitters – die älteren
genauso wie die ganz jungen.“ Darf sich ein Ausstellungshaus punkto
Besucherzahlen eine derart noble Zurückhaltung leisten? Brugger: „Für eine
Institution, die Cézanne, Kandinsky und andere big names gebracht hat, ist
es wichtig, auch einmal schwierige Themen anzufassen. Schwitters ist ein
Unbekannter unter den Großen. Zu Unrecht. Zumindest konnten wir ihn mit
dieser Ausstellung einigen Zigtausenden Besuchern näherbringen.“
Lange Nächte & Radikalsatiren
Daß die, die hier gewesen sind, mehrheitlich begeistert sind, zeigt ein
Blick ins Gästebuch. Getreu dem Schwitterschen Ursprungsgedanken liegt es
bei seinem „Merzbau“ auf. Die Rekonstruktion dieser dreidimensionalen
Riesen-collage stellt eine der Hauptattraktionen der Ausstellung dar.
„Herzlich-Merzlich“, ist da zu lesen. Oder: „Kunst … ist eine Schnecke …
mein Zuhause.“
Und ein drittes Mal heißt es: „Möchte hier mal eine Nacht verbringen“.
Der Wunsch geht übrigens bald in Erfüllung: Im Rahmen der „Langen Nacht
der Musik“ bringt mit Gerhard Rühm – Wiener-Gruppe-Mitglied, konkreter
Poet, bildender Künstler, Pianist, Vortragender – einer der begabtesten
Interpreten zeitgenössischer Dichtung die „Ursonate“, Schwitters
lautmalerisches Opus Magnum, und andere Texte zur Aufführung.
In derselben Nacht kommt mit Franzobel ein weiterer literarischer
Nachfahre von Schwitters zu Wort. Zusammen mit dem Posaunisten Bertl
Mütter präsentiert er „Radikalsatiren ohne Pointe … beschleunigte
Unterhaltung, ein Feuerwerk mit Turbo, radikalen Unterhaltungsunderground,
eine neue Dimension an Witz, etwas Ungeheuerliches, Wahnsinn, kräftige
Schmierenposie.“ Das merzt!
Bank Austria Kunstforum: „DadaSa – Dada am Samstag“:
8. 6. ab 19 Uhr. Die Ausstellung „Schwitters“ läuft bis 16. 6.
Karel Appel
Abstrakte Figürlichkeit: Mit Karel Appel, Jahrgang
1921, führt das Kunstforum im Herbst die Reihe der großen,
zeitgenössischen Malereiausstellungen fort. In die Kunstgeschichte schrieb
sich der Niederländer ein durch seine Gründungsmitgliedschaft bei der
revolutionären Künstlervereinigung CoBrA, 1948–1951. Das Kollektiv war aus
dem Bedürfnis entstanden, in der Kunst wie in der Gesellschaft einen
radikalen Bruch herbeizuführen. Handlungsorte waren Kopenhagen, Brüssel
und Amsterdam – und immer wieder Paris, wo sich Appel 1950 niederläßt.
Wichtige Kontakte entstehen, ab 1957 reist er verstärkt nach Amerika und
trifft dort auf die Künstler des Abstrakten Expressionismus. Bis heute ist
Appel einer kraftvollen, zwischen Art Brut, Figur und Abstraktion
pendelnden Malweise treugeblieben. Im Bild: Nobody‘s Puppets #1, 1994
(„Karel Appel“, 5. 9.–13. 10.)
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