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Kunstberichte

Die Kunsthalle Wien präsentiert "Drawing Restraint", ein Werk des amerikanischen Jungstars Matthew Barney

Pathos und Schwere des mythischen Pinsels

Der Ex-Sportler im Satyrkostüm: Matthew Barney mag’s gern mythisch.  Foto: Michael James O’Brien, Gladstone Gallery

Der Ex-Sportler im Satyrkostüm: Matthew Barney mag’s gern mythisch. Foto: Michael James O’Brien, Gladstone Gallery

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

In Kooperation mit der Londoner Serpentine Gallery zeigt die Kunsthalle Wien den Star der jungen US-Kunstszene, Matthew Barney. Eine englische Zeitung nannte ihn den originellsten lebenden Künstler weltweit, wobei die Bezeichnung "bizarr-fantastisch" passender wäre. Neben dem Überschreiten verschiedener Medien ist Barney auch das Anhäufen von Mythen aus Geschichte, Literatur und bildender Kunst wichtig. Sogar Alchemie ist für den neuen Kunst-Schamanen nach Joseph Beuys Teil des Konzepts.

US-Aktionismus

Die komplexe Arbeit "Drawing Restraint" beschäftigte Barney von 1987 bis 2007. Dabei entwickelte er ein neues Verständnis von Plastik: Durch teils synthetische, teils organische Materialien und auch durch den eigenen Körper wird die ehedem starre Skulptur ersetzt. Die performativen Einlagen zeigen eine starke Verbindung zu den Wiener Aktionisten, deren Wachsbilder künstlich aufbereitet wiederkehren. Foto und Film sind für den Amerikaner Medien, in denen er plastische Ideen mit Hollywood-Zitaten vereinen kann.

Seine raumgreifenden Installationen "Ambergris" und "Holographic Entry Point" sind nicht ganz geruchlose Hybride aus Vaseline, schmierigem Kunststoff, Fischblut, Garnelen- und Muschelschalen. Nichts für Allergiker. Als Mischling zwischen Tier und Mensch gibt sich auch der Künstler in kurzen Videos im Satyrkostüm wilden Tänzen und erotischen Anspielungen hin. Doch es bleibt mit Rücksicht auf die strenge amerikanische Moral bei Andeutungen – Besucher dürfen noch weiter fantasieren. Seine kreisende Jagd nach einem – am eigenen Hinterteil angehefteten – Rattenschwanz erinnert an die letzte Aktion von Günter Brus (1970).

Ein Segment von "Drawing Restraint" knüpft an den Weltroman "Moby Dick" an und verbindet ihn mit japanischen Walfängern. Barney verbindet den japanischen Schöpfungsmyythos, nach dem der Mensch vom Wal abstammt, mit der Essbarkeit des Tieres – deshalb lässt er auch einen Liebesfilm im Kannibalismus enden.

Die synthetisch amerikanische Sicht auf Beuys und den Aktionismus zeigt sich selbst in jenen Bilderrahmen aus Prothesenkunststoff, die kleine, zittrige Zeichnungen umschließen. Vitrinentische aus einem grünen, Glas-ähnlichen Kunststoff erinnern an alte naturwissenschaftliche Präparate, und sind doch versiegelte Gesamtkunstwerksansprüche.

Wenn der ehemalige Sportler dann aber hüpfend, kletternd und springend Wände bezeichnet, ist der amerikanische Kunstmythos vom abstrakten Expressionismus ironisch gebrochen: Jackson Pollock ist jetzt Sprinter um ein Footballfeld.

Matthew Barney

Drawing Restraint

Kunsthalle Wien

Bis 8. Juni

Donnerstag, 06. März 2008

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