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Kunstberichte

Kuscheln mit der Mumie

Aufzählung (cai) Ein gut gemeinter Rat: Nehmen Sie sich ein paar Schokoriegel mit, wenn Sie vorhaben, die Galerie Krinzinger aufzusuchen. Die werden Sie nachher brauchen. Als Antidepressiva. Obwohl: Gusto werden Sie eh keinen mehr haben. Die grauslichen Kreaturen, die da herumliegen und -hängen und die einen Teint haben, schwärzer als der von einer Raucherlunge, sind nicht unbedingt appetitanregend.

In einem Gammelfleisch-Reanimations-Schocker ("Nacht der lebenden Moorleichen", "Die untoten Leichensäcke reiten wieder" oder "Hilfe, eine Mumie kehrt meine Küche aus!") würden diese posthumen Leiber aus Polyurethan wohl nicht sonderlich auffallen. Gut, die anatomische Naivität mildert den Horror ein bissl. Ein gelynchter Hund baumelt auch herum. Wie die Rachefantasie eines Hundstrümmerlopfers, das sich wegen der schamlosen Verdauungstätigkeit von so einem Mistviech die neuen Manolo-Blahnik-Schuhe ruiniert hat. Das Atelier van Lieshout (die Truppe rund um Joep van Lieshout) dürfte gerade eine nekrophile Phase durchmachen. Der Titel des Ganzen ist freilich sehr vital: "Das Leben."

Oh, eine Geburt! Na ja, eher eine Kindesweglegung. Und die Maria verkommt zur plumpen Robo-Kindergärtnerin im Raumanzug, kurz: zu einem Darth Vader. (Na danke!) Und die zwei Bussler mit der rosaroten Unisexstatur (ein schwules Pärchen?) sind in ihrer bescheidenen Ästhetik nichts weniger als peinlich. Zum Glück sind die grandiosen verkrusteten Säcke auch noch da, die äußerst menschlich herumhocken und -kauern und einen mit ihren mysteriösen Vitalfunktionen für alles entschädigen. (Stephen King könnte daraus sicher einen Ich-komme-wieder-Zombie-Roman zaubern, wo alte Textilien auf einem indianischen Friedhof verbuddelt werden, sich selber exhumieren und die Nachtruhe einer Kleinstadt empfindlich stören: "Friedhof der Kuscheldecken.")

Schaulüsterne Bilder

Aufzählung (cai)So aufdringlich schauen Bilder normalerweise ja nicht zurück. (Außer das eigene Spiegelbild.) Diese Bilder dürften nun "erweiterte Selbstporträts" sein: das Ich von Stylianos Schicho plus freizeitende Personen. Enge, intime Ausschnitte, schräge Von-oben-Perspektive. Und mittendrin die vom Starren bereits geröteten Augen des Künstlers. Das ist eindeutig nicht der verbissen narzisstische "Ja, Mr. DeMille, ich bin fertig für meine Großaufnahme"-Blick, sondern der "Ich weiß vielleicht nicht, welches Bild du letzten Sommer angeschaut hast, aber ich weiß, dass du jetzt grad meines begaffst"-Blick. Man fühlt sich als ertappter Voyeur. Als wär’ Kunstbetrachtung was Unanständiges. Der vehemente, betont grafische Realismus, der routinierte Farbauftrag: passt sowieso alles.

Spartanerfußball

Aufzählung (cai)Degas’ Balletteuse bleibt immer eine Ballerina. Selbst wenn man sie umschmeißt, also brutal foult. (Muss am Tutu liegen.) Legt man hingegen Oskar Höfingers "Sieger", ein reduziertes Kerlchen mit euphorischen Extremitäten, um, wird daraus angeblich ein Eiskunstläufer! Und was beweisen diese ganzen markanten Bronzen seit den 1960er Jahren? Tja, dass der Mensch weitgehend auf Anatomie verzichten kann. Die Damen in klassischer Räkelpose (die mussten halt auch sein) brauchen noch recht viel davon, der witzig vereinfachte Fußballer, ein regelrechter "Ballerino", der die Schwerkraft herausfordert wie ein Sesselschaukler, ist genügsamer. (Ein Spartaner.) Der muss übrigens aus einer Spezialbronze gemacht sein: aus einer Kupfer-Zinn-Humor-Legierung.

Galerie Krinzinger (Seilerstätte 16) Atelier van Lieshout Bis 12. Juli Di. bis Fr. 12 bis 18 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr

Galerie Feichtner (Seilerstätte 19) Stylianos Schicho Bis 5. Juli Di. bis Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. 10 bis 16 Uhr

Galerie Chobot (Domgasse 6) Oskar Höfinger Bis 11. Juli Di. bis Fr. 13 bis 18 Uhr, Sa. 11 bis 16 Uhr

Dienstag, 01. Juli 2008

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