Schwarz ist nicht Schwarz. Das Black vor dem Metal ist ein anderes als das Noir vor dem Film. Die blauschwarze Tönung der Emo-Haare schlägt sich mit der weicheren Färbung des Existenzialistenrollis. Und was Sigmund Freud in Europa in unserem Unbewussten verborgen fand, war nicht unbedingt dasselbe, was Detektiv Sam Spade in Dashiell Hammetts Krimi-Ikone „Der Malteser Falke“ 1941 in San Francisco meinte: „Jedermann hat etwas zu verheimlichen.“ Mit Schwarz, mit dem Dunklen hat das alles trotzdem zu tun.
Eine Untersuchung zu ihrem Verständnis des amerikanischen „Genre Noir“ zeigen ab heute der 1973 geborene US-Künstler Banks Violette und Kunsthalle-Wien-Direktor Gerald Matt: eine Ausstellung, die erst einmal wunderschön ist. Und dann ziemlich irritiert ob der wilden Mischung, von Miles Davis coolem Jazz zum Krächzen des Dark Metal, von Weegees straighten Straßenfotos und Violettes Umgang mit der überfrachteten, romantischen Symbolik der Neo-Gothics.
Da bricht der wissenschaftliche Zugang. Ein Splittern, das man auch sieht: Eine meterlange Spiegelwand wird durch eine motorisierte Vorrichtung langsam zerstört, bis nur noch eine Ruine bleibt. Wie Violette sie liebt: Das Gerippe einer scheinbar ausgebrannten gotischen Kirche stellte er einmal ins New Yorker Whitney Museum. Vor dieser Spiegelwand aber brennt es – und zwar brennt die verlassene Bühne einer Metal-Band. Gasleitungen führen zu den verkohlten Instrumenten, aus denen sanft die Flammen lodern, es riecht spezifisch, nach Hölle sozusagen. Auf der anderen Seite die nächste Kulisse, eine schwarze Spiegelfront, sie wird nicht zerstört, brennt nicht, weint nicht, keine Effekte, sie ist sich selbst genug, die dunkle Sicht der Dinge. Lauter uralte Klischees eigentlich, hier werden sie fast wieder interessant.
Miles Davis und Pistolen aus Papier
Dieses negative Weltbild ist der schwarze Faden, der in dieser Ausstellung alles verbindet, der den jungen Amerikaner zu Recht mächtigere Geister anrufen lässt: In einem Nebenraum läuft John Hustons „Die Spur des Falken“, einer der ersten Noir-Filme, das Genre entstand in den 40er-Jahren in den USA, nicht in Frankreich. Wiewohl es dort nach dem Krieg rezipiert wurde: in Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (1958) etwa. Miles Davis lieferte den Soundtrack, jetzt klingt er in Wien durch die Kunsthalle, verbindet akustisch, was ästhetisch so heterogen wirkt, atmosphärisch aber eine kulturhistorische Genealogie der amerikanischen Faszination für Gewalt und Verbrechen bildet, an deren Spitze sich Violette selbst stellt.
Schon der Pressefotograf Weegee hat sich nicht ganz uneitel „The Famous“ benannt, er war es dann auch: Seine Fotos des räudigen Verbrechens, der Tatorte, der Ermordeten, der Leichen sind nicht so authentisch, wie sie aussehen – er hat der Dramaturgie gern etwas nachgeholfen. Auch in der Präsentation seiner Fotos, die in der Kunsthalle rekonstruiert wurde: Wie auf Lehrtafeln, unter Schlagworten wie „Murder“ oder „Tragedy“, ins Comichafte gezogen durch ausgeschnittene, dazugeklebte Pistolen!
Lauter Indizien dafür, dass Violettes postminimalistische Installationen nicht nur die Pop-Subkultur Metal in kunstmarkttaugliche Arrangements übersetzen, dass sie uns etwas zu sagen haben: über die „paradoxe Beziehung zur Gewalt in Amerika“, ohne moralische Wertung, wie Violette betont. Am Ende wirkt die Beweislage also doch ziemlich gut für ihn – aber wir wollen das Gesamtbild jetzt auch nicht mutwillig durch zu großen Optimismus zerstören.
Bis 3. Mai, tägl. 10–19h, Do. 10–22h
Artikel drucken