Mehr Raum für die Gugginger Künstler
Art Brut. Das legendäre „Haus der Künstler“ bekommt nicht nur räumlich Zuwachs: Bald zieht die erste Frau ein.
MARTIN BEHR MARIA GUGGING (SN). Flirrender Farben- und Formenreichtum, so weit das Auge reicht. Auf der Eingangstür begrüßt eine Art Mischwesen aus Mensch und Tier mit blauen Kulleraugen und einem seltsamen Ohrgehänge. Wer das Zimmer, in dem einst der Künstler und psychiatrische Patient August Walla (1936–2001) wohnte, betritt, taucht ein in ein Meer aus Figuren, Symbolen, Botschaften und subjektiven Mythologien: Die Wände und die Decke sind lückenlos bemalt. Das international bekannte „Walla-Zimmer“ ist eines der Höhepunkte im Gugginger „Haus der Künstler“, das derzeit mit einem Kostenaufwand von 2,3 Millionen Euro renoviert und erweitert wird.
„Ende Jänner sind die Arbeiten am Zubau zum alten Pavillon abgeschlossen, dank dieser Neugestaltung wird es mehr Lebensraum für mehr Künstler geben“, erklärt Johann Feilacher, der künstlerische Direktor im Art/Brut Center Gugging. Derzeit wohnen neun Männer (darunter Johann Garber, Franz Kernbeis, Karl Vondal, Günther Schützenhöfer und Heinrich Reisenbauer) im „Haus der Künstler“, Anfang Februar wird eine Frau einziehen. Es ist eine Premiere, da bislang nur Wallas Mutter dort lebte.
Das auf einem Hügel am Rande des Wienerwaldes gelegene Gebäude ist von seinen Bewohnern auch äußerlich künstlerisch gestaltet, die vitale, die Fassade überwuchernde Malerei muss immer wieder restauriert werden. Das gilt auch für die Innenraumgestaltungen von Walla, da dieser in vielen Schichten übereinander gemalt und dabei unkonventionelle Lösungsmittel wie etwa Essig verwendet hatte. Das „Walla-Zimmer“ wird nur für ein interessiertes Fachpublikum geöffnet sein, „für große Besuchermassen“ sei der Raum, in dem sich auch noch die Originaleinrichtung des Künstlers befindet, nicht konzipiert. Im Juni feiert das auf die Pionierarbeit des Psychiaters Leo Navratil (1921–2006) zurückgehende „Haus der Künstler“ sein 25- Jahr-Jubiläum.Gugging als Inspirationsquelle Schon ab 1954 hatte Navratil seinen Patienten ermöglicht, nach bestimmten Regeln zu zeichnen und zu malen. Elf Jahre später erschien sein Buch „Schizophrenie und Kunst“, welches das Interesse an den Arbeiten der Gugginger Patienten erhöhte. Künstler wie Arnulf Rainer, Peter Pongratz, Franz Ringel oder Gerhard Roth besuchten die Kreativen, um selbst Inspiration zu erfahren. Anfang der 1980er-Jahre hatte sich Navratils Wunsch nach einem vom Hospital-Komplex getrennten Wohnbereich erfüllt. „Die Gugginger“, unter ihnen Johann Hauser, Ernst Herbeck, Philipp Schöpke und Oswald Tschirtner, zogen in den Pavillon 11 ein. 1986 folgte Johann Feilacher Leo Navratil nach, „Haus der Künstler“ wird zur offiziellen Bezeichnung des Pavillons, in dem es zu einem tiefgreifenden Wandel kommt. Die Krankengeschichten der Künstler sind nur noch Privatsache, Feilacher lehnt Analysen „krankhafter“ Anteile in den Kunstwerken kategorisch ab. Sein Ziel: „Die Maler und Zeichner noch zu Lebzeiten von ihrer Arbeit und ihren Fähigkeiten profitieren zu lassen.“ Mittlerweile beherbergt das Art/Brut Center Gugging ein Museum, eine Galerie, eine Veranstaltungshalle, ein offenes Atelier, Archiv- und Arbeitsräume.
Neben Arbeiten aus den eigenen Sammlungsbeständen ist derzeit eine Ausstellung der amerikanischen Objektkünstlerin Judith Scott (1943–2005) zu sehen. Scott, sie litt an Taubheit und dem Downsyndrom, umwickelte zahlreiche Alltagsgegenstände mit Wolle, Zwirn und Fäden, verschnürt und verunklärt so das Bekannte. Das Ergebnis: bunte, poetische und organisch anmutende Skulpturen mit reichen Assoziationsmöglichkeiten.
Weitere bis 20. März geöffnete Ausstellungen führen ein in das Werk des vom fantastischen Volksglauben beeinflussten dalmatinischen Künstlers Sava Sekulic sowie in die Kunst aus Neuguinea: „shields“.















