 Max Raffler (1902-88) Porträt Gisela Pfeiffer,
1971 Ausschnitt
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Von Doris
Krumpl
Bis 3.
2. | |
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"Die Naive - Aufbruch ins verlorene Paradies": Das KunstHausWien
präsentiert etwa 200 Arbeiten aus der gut 4000 Objekte umfassenden
Privatsammlung der Münchner Galeristin Charlotte Zander.
Wien - Globalisierung war für sie ein Fremdwort. Demzufolge sind
sie ausgestorben, die Künstler der Naive. Demzufolge leb(t)en sie
noch im "verlorenen Paradies". Dahin bricht derzeit das
KunstHausWien auf, mit menschenfreundlicher, zumeist
herzenserwärmender Kunst im 10. Bestandsjahr in Folge - ohne
Subvention und mit 45 Fixangestellten, wie man nicht ohne Stolz
berichtet.
Nun also "Die Naive"? Ein Terminus, den Charlotte Zander als
Begriff wie "Die Moderne" in die Kunstgeschichte implementieren
will. Um das zu untermauern, eröffnete die charismatische, über 70
Jahre alte Dame 1996 ein gleichnamiges Museum in Schloss Bönnigheim
bei Stuttgart. Gleichzeitig verachtet sie aber auch den Terminus im
Deutschen, der leicht mit "dumm" oder "tölpelhaft" in Verbindung
gebracht wird. Sympathisch ist ihr der amerikanische Begriff "the
self-taught", obwohl nicht alle Autodidakten sind.
Allein das Lesen der unterschiedlichen Biografien versetzt in
Staunen. Viele der Maler konnten weder lesen noch schreiben,
begannen ihre Werke in späten Jahren, verdingten sich als
Viehhirten, Briefträger oder Ringkämpfer. Die deutsche Emma Stern
emigrierte 1935 nach Paris, ihre Söhne kamen in Auschwitz um. Im
Alter von 70 Jahren begann sie zu malen. Skurril der Karosseriebauer
Alois Sauter, Erfinder des Flugzeugs "Sauteral".
Zentrale Stücke von Sammlung wie Ausstellung sind einerseits die
französischen "Maler des heiligen Herzens", allen voran drei
typische Henri Rousseaus, der Zentralfigur der "Bewegung",
andererseits die um Ivan Generalic gruppierte "Schule von Hlebine",
dem an der ungarischen Grenze gelegenen kroatischen Bauerndorf.
Letztere hatte Epigonen der Epigonen, wie Sammlerin Zander
feststellt, "sechs bis acht Motive auf Hinterglas, en masse. Das hat
den Markt kaputtgemacht". Was "Die Naive" keinesfalls sei:
Hausfrauenmalerei oder religiöse Kunst.
Zander muss es ja wirklich wissen: Ihre Liebe zu dieser Kunst,
auch zur verwandten "Art Brut", hat sie bis 1995 als Galeristin -
Galerie Charlotte, München - ausgelebt. Votivgaben hatten einst ihre
Sammeltätigeit angestachelt. Nach deren diebstahlbedingtem Verlust
wandte sich Zander zunächst den Malern des heiligen Herzens zu, von
denen im KunstHaus Louis Vivin und Camille Bombois ganze Räume
bestückt wurden. Der Gruppenname stammt vom Entdecker, dem deutschen
Kunstschriftsteller Wilhelm Uhde, der die Vorliebe der Künstler für
das Sacre-Coeur-Motiv damit andeutete.
Die Ränder zu anderen Stilrichtungen wie Neuer Sachlichkeit,
modernistischen Tendenzen oder zur Art Brut sind fließend, und auch
dem Vorurteil, dass die Naive heiter und unbedarft sei, stehen hier
geradezu düstere bis surreale Bildschöpfungen entgegen. Die
symbolische Bildhaftigkeit vieler Werke geht über die dekorative
Einfalt und erzählerische Einfachheit, mit denen "die Naive" immer
verbunden wir, hinaus. Kandinsky nannte sie zu Recht das "Große
Reale". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 10. 2001)
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