| Salzburger Nachrichten am 04. Mai 2002 - Bereich: seite3
Alle wollen bei Hofe sein
Museumsbauten sind Zeichen. Das Wiener Museumsquartier signalisiert vor
allem, dass hier alle dabei sein wollen, ob es passt oder
nicht.
JANA WISNIEWSKI
Museumsbauten sind und waren immer Zeichen. Heute gelten sie als Zeichen der Architektur im Wettkampf der Städte um Attraktivität, der Globalisierung und des Kulturaustausches und auch für Reichtum. Nach dem Beschluss eines Museumsbaus bleibt meist nur die Frage, wie man das Problem möglichst passend für die örtlichen Gegebenheiten löst. Die Museumsmeilen und Kulturparks sind inzwischen zur Notwendigkeit für jede Stadt mit und ohne Aufholproblem geworden. Wien hat jetzt sein Museumsquartier. Die jahrelangen Streitereien darum, wie es angelegt werden soll, wer und was hineinkommen wird, ob es einen Leseturm geben soll oder nicht, gingen alle in dieselbe Richtung: Mit welchem Konzept kann man Aufmerksamkeit erreichen in einem Umfeld, das sich ausnimmt wie ein Dschungel an Kulturplätzen, eine Vielfalt an Initiativen und vor allem reichlich Kunstgeschichte. So ein neuer Akzent wirkt gleich anders, setzt tatsächlich ein Zeichen in einer Umgebung wie etwa in Bilbao, wo Frank O. Gehrys Guggenheim-Museum ein desolates Stadtquartier wieder in Schwung brachte. Auch in Paris wurden abgewohnte oder "nutzlos" gewordene Quartiere durch Zeichensetzung aufgewertet, wie etwa durch das Centre Pompidou oder durch die neue Nationalbibliothek am Seineufer. Für Wien mit seiner intakten Stadt- und Kultur-Struktur stellt sich hingegen die Frage: welches Zeichen wofür? Beworben wurde das Wiener Museumsquartier mit der schieren Größe seiner Fläche. Zu einem klaren "Ja" für ein aufregendes Architekturkonzept, welches Wien von seiner Geschichte ein wenig loseisen könnte, hat man sich nicht entschließen können. Das Architekturkonzept war und ist Kompromiss. Rückt man von der Idee eines Gesamtkunstwerkes ab, ist ja noch vielerlei bei der inhaltlichen Konzeption möglich. Mit der Mischung von Revitalisierung und neuen Bauten im Innenhof verweist das Wiener Museumsquartier am ehesten auf den Louvre. Dort ging es aber eindeutig um ein neues Kleid für alte Bestände. In Deutschlands Hauptstadt Berlin, wo man sich von der Aufrüstung mit Museen jede Menge zusätzliche Attraktivität verspricht, stehen einzelne Bauten für klare Ausstellungsstrategien.
SN-SPEZIAL
MUSEUMSQUARTIER
Und das Jüdische Museum von Daniel Libeskind ist schon als Architektur alleine zum Publikumshit geworden. Die Museumsinsel dagegen ist ein Versuch, in dieser Stadt ohne richtigen Kern Zentren zu bilden. In Wien ist das nicht nötig. Wofür also kann das Museumsquartier stehen, ein Zeichen sein? Für Architektur? Hätte man ein kühnes Statement österreichischer Architektur favorisiert, wäre man eher auf Coop Himmelblau gekommen. Für den Inhalt? Dieser Ansammlung von Formenvokabularen - ein hermetischer grafitgrauer Block, ein eierschalenfarbener Kubus und dazwischen ein historisches Bauteil - entspricht vielleicht nicht einmal so zufällig die Ansammlung von Prä-sentationskonzepten, Sammlungsresultaten, Vermittlungsstrategien und Produktionsprozessen, die sich aus welchen Gründen auch immer hier festgesetzt haben. Wenn sich hier alle eiligst vom Museum absetzen, dann ist der Name "Museumsquartier" wohl kaum angebracht. Vorläufig wirkt vieles zu wahl- und tatsächlich konzeptlos in diesem Quartier. Die Publikumsmagneten sind die Sammlung Leopold, dann das Museum für Moderne Kunst, dann die Kunsthalle. Hier ist der Gedanke vom "Museumsquartier" stimmig. Aber muss gerade hier ein Privatsammler so schonungslos alles zeigen, was er angesammelt hat? Wäre nicht ein eigenes Schiele-Museum das stärkere Zeichen gewesen?
Das Internet braucht
Und wenn es ein "Museumsquartier" sein soll, warum ist dann das vom Direktor des Kunsthistorischen Museums favorisierte Wotruba-Museum nicht zu Stande gekommen, warum gibt es keine Skulpturensammlung in den Hö-fen und stattdessen Protestcontainer für Netzstrategien? Können die aber überhaupt eine relevante Aussage machen? Denn, Hand aufs Herz, das Internet braucht kein Museumsquartier. Sind Redaktionen von Kunstzeitschriften im Museumsquartier wirklich gut aufgehoben, oder tut ein wenig Distanz nicht doch ganz gut? Nun hat Wien sein Museumsquartier. Will man das Museumsquartier als ein wichtiges, für Wien typisches Zeichen akzeptieren, dann dafür: Dass hier alle bei Hofe sein wollen, ob sie dort hinpassen oder nicht.
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