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27.05.2006 - Kultur&Medien / Kultur News
"Und eine Ruh' ist!"
VON ALMUTH SPIEGLER
Interview. Herwig Zens zum Akademie-Adieu über Plüschtanten und Sharon Stone.

S
onst hätt's ihn zerrissen, schlüpft es Herwig Zens heraus. Den Schlusssatz seiner Abschiedsrede von der Akade mie der bildenden Künste, die der Goya-Aficionado nach 19 Jahren als Vorstand des Instituts für künstlerisches Lehramt verlässt, konnte er sich, obwohl letztendlich doch noch hörbar mit der Rührung kämpfend, trotzdem nicht verkneifen: "Die Akademie hat schon viel ausgehalten - und wenn wir in ein paar Jahren eine Frau Rektorin haben sollten, wird sie das auch noch überleben!" Applaus. Abtritt. Na dann Prost.

Alles halb so wild, winkte der Künstler zwei Tage danach, am Donnerstag, beim "Presse"-Interview in seinem Atelier im vierten Wiener Bezirk, nahe dem Südbahnhof, ab. Und lacht. "Da waren Sie einige der wenigen, die das ernst genommen haben. Das war ein internes G'schichterl. Ich bin der ,Intimfeind' - unter Anführungszeichen bitte! - der Gleichbehandlungskommission. Mit der habe ich mich die letzten 15 Jahre lang gehäkelt, im Guten. Wir waren ja sogar schon einmal knapp daran, eine Rektorin zu bekommen, Nahostexpertin Karin Kneissl. Aber Sie werden es nicht glauben: Die haben die Frauen des Hauses hinausgebissen. Nicht die Männer, wir hätten sie gerne gehabt, weil Männer sich untereinander nie so ruppig und blöd benehmen, wenn an der Spitze eine Dame steht . . ."

Wenige kennen die innere Konstitution des als Schlangengrube verrufenen Schillerplatzes besser als der 1943 in Himberg geborene Zens, der hier bereits studierte - beschreiben kann sie keiner launiger. Worin sich der Charakter der Akademie von der Angewandten unterscheide? "Ein plastischer Vergleich: Wenn Sie zwei Studenten die Kärntner Straße entlanggehen sehen, der eine mit Lederhose, der andere mit Nadelstreif und Handy - dann gehört der zweite zur Angewandten." Eine Lederhose? "Meinetwegen zerrissene Jeans. Aber eher Lederhosen. Wir haben fast nur Leute aus den Bundesländern bei uns. Vielleicht, weil die Kunsterzieherausbildung bis vor gar nicht langer Zeit nur hier stattgefunden hat. Und wenn der BE-Lehrer wieder nach Hartberg oder Bludenz zurückgeht, wird er seinen Schülern eben die Akademie empfehlen."

Verbissen focht Zens noch seinen letzten Kampf im Haus, für die Rückkehr des Kupferstichkabinetts, das Rektor Stephan Schmidt-Wulffen aus Platzgründen der Albertina zur Verwahrung übergeben hat. Vielleicht ein Grund, warum Schmidt-Wulffen seinem Abschied am Dienstagabend fernblieb? "Er war krank, lassen wir es bei dieser offiziellen Version", meint der zynische Zeichner und Druckgrafiker nur. "Schmidt-Wulffen ist ein glänzender Taktiker, hat seinen Macchiavelli von hinten nach vorn gelesen und trickst alle aus. Vor allem aber stört mich, dass er keinerlei Identifikation mit dem Haus hat. Er würde morgen genauso gut die Uniqa leiten und hat noch immer nicht kapiert, was diese alte Plüschtante am Schillerplatz eigentlich ist."

Und zwar? "Eine geschützte Anstalt. Die Studenten haben ein geheiztes Atelier, können sich 24 Stunden nur mit ihrer Kunst beschäftigen - und das wissenschaftliche Personal kann auch machen, was es will. Da kann einer im Chemielabor 30 Jahre die Traglackfarbe im byzantinischen Reich untersuchen und es wird niemanden stören!" Eine gute Sache? "Wenn das Ding so klein ist wie wir und so wenig kostet, ja. Die Musikakademie etwa kostet 20 mal so viel!"

Zens liebt dieses Haus, sagt er, und verlässt es doch ohne Wehmut. Bis Sonntag noch in der Aula zu sehen ist das 40 Meter lange Zeugnis seiner fast 30-jährigen manischen Tagebuch-Radierungen sowie der Druckerleistung Kurt Zeins. Falls das Kupferstichkabinett wieder zurückkehrt, soll dieses Meisterstück von einer Stiftung der Akademie geschenkt werden. Was bald eintreffen könnte, wie Zens verschmitzt meint. Schließlich stehen im Herbst 2007 Rektors-Wahlen an - "und er weiß, dass ihn die Auslagerung den Kopf kosten könnte". Denn so etwas tue man nicht: "Schon gar nicht mit dem Schröder! (Albertina-Direktor Klaus Albrecht, Anm.) Man kann doch nicht einen Bären zur Aufsichtsperson einer Schafherde machen!", habe er, Zens, der Schröder seit 30 Jahren kenne und ihm natürlich auch Qualitäten bescheinige, dem Rektor gesagt: "Sie glauben doch nicht, dass wir das je wieder zurückkriegen, hier mitten am Balkan?"

Überhaupt ist dem Totentanz-Spezialisten die neue Albertina ein Dorn im Auge: Aus einer der weltgrößten Grafiksammlung sei "eine x-beliebige Kunsthalle" geworden, schimpft er. "Und wenn Sharon Stone jetzt vor Schiele-Aquarellen stehen muss und die Fotografen knallen ihr Blitzlicht drauf, damit das in allen Zeitungen ist - da hört's sich bei mir überhaupt auf! Das ist der Tod für so ein Blatt, nimmt automatisch einen Teil der Substanz weg. Da genügt nur ein Blitzlicht." Und der Hase? "Der hat schon gar nicht ausgestellt zu werden, der soll in seinem Kastl liegen - und eine Ruh' ist."

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