Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Die Kunsthalle Krems und das Forum Frohner beschäftigen sich mit dem Ausnahmekünstler Joseph Beuys

Rarer Kunstgenuss mit Heilfaktor

Fett, Filz und Honig: Joseph Beuys hat diese Materialien zum Kunstwerk erhoben. Der visionäre Künstler polarisierte wie kaum ein anderer. Im Bild:

Fett, Filz und Honig: Joseph Beuys hat diese Materialien zum Kunstwerk erhoben. Der visionäre Künstler polarisierte wie kaum ein anderer. Im Bild: "Titus Andronicus/Iphigenie". Foto: VBK, Wien 2008

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Er war eine der Schlüsselfiguren in der Kunst des 20. Jahrhunderts: Joseph Beuys (1921-1986).

Dem Mann, der dem Hasen die Bilder erklärte und mit seiner Erweiterung der Kunst in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft polarisierte wie kaum ein anderer, sind in Krems zwei Ausstellungen gewidmet. In der Kunsthalle geht es in "Joseph Beuys. Schamane" um die Wiederbelebung eines verlorenen Wissens der Ur- und Frühgeschichte der Menschheit. Das Forum Frohner zeigt mit "Ein Vehikel irgendwo" die Multiples, industrielle Vervielfältigungen seines Werks, die der Künstler für seine neue Kunstpolitik einsetzte.

Der Mann mit dem Hut, der nicht weniger anstrebte, als die Welt für Mensch und Natur zu verbessern, kann durch seine Werke weiter wirken, wie das Interesse des Publikums an zwei Podiumsdiskussionen und einem Impulsvortrag des Beuys-Mitarbeiters Bazon Brock bewies.

Nach einem Jahrzehnt der Stille um seine Person zeigen die beiden Ausstellungen in Krems und eine in Berlin, dass die Enkelgeneration genauer wissen will, warum Beuys seine Werke als Multiples in Tausenderauflage billig unter die Leute verteilte und so geschickt die Medien für sich instrumentalisierte. Heute sind Filzanzug oder Intuitionsbox, selbst seine Postkarten Raritäten, und manche seiner schrecklichen Vorahnungen haben sich erfüllt: Er warnte vor der Kernenergie, thematisierte die Berliner Mauer wie die Türme des World-Trade-Centers. Tschernobyl, die sanfte Revolution 1989 und die fundamentalistischen Anschläge 2001 passierten nach seinem Tod.

Trotzdem ist der Mann, der die Materialien Fett, Filz oder Honig in die plastische Theorie einbrachte und dafür belächelt oder beschimpft wurde, nicht der Nostradamus für die Zeitenwende 2000 gewesen. Seine Werke aus bedeutenden Sammlungen zeigen deutlich, dass er die Öffnung der Kunst in alle Bereiche von Wissenschaft, Politik und Religion forderte, dies aber auch eine Art von Selbstheilung in einer gefährdeten Welt ermöglicht.

Kunstgenuss mit Heilfaktor, aber auch mit Bezauberung und Remythisierung. Deshalb schaute er bis in die Prähistorie zurück, appellierte an unsere Sinnlichkeit, forderte auf, kreativ und visionär zu denken. "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt" oder "Wer nicht denkt fliegt raus" sind heute im wahrsten Sinne geflügelte Worte und zeigen auch seinen Ironiefaktor.

Mitten in den oft rätselhaft anmutenden Objekten läuft in der Kunsthalle der Film zur Aktion "I like America and America likes me", die Beuys 1974 in einer New Yorker Galerie mit einem Kojoten zeigt. Etwa eine Woche verbrachte er mit dem für die indianischen Ureinwohner göttlichen Tier in einem teils heftigen Dialogspiel. Es gehört zur Eigenschaft des Schamanen, mit Tieren zu sprechen.

Fünf Jahre später zog der Künstler mit seinen Werken im Triumph in das Guggenheim Museum ein: Nie zuvor hatte es dort eine Schau für einen Zeitgenossen aus Europa gegeben. Doch er holt uns mit seiner postkolonialistischen Vermessung der Welt heute noch ein.

Aufzählung Bildende Kunst

Joseph Beuys. Schamane

Hans-Peter Wipplinger (Kurator) Kunsthalle Krems, 1. März 2009

Ein Vehikel irgendwo

Forum Frohner, 1. März 2009

Montag, 29. September 2008

Kommentar senden:
Name:
 
Mail:
 
Überschrift:
Text (max. 1500 Zeichen):
Postadresse:*


* Kommentare werden nicht automatisch veröffentlicht. Die Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen. Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird online nicht veröffentlicht.

Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at