Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Wer war Rembrandt?

Berlin feiert Rembrandts Geburtstag mit der größten Ausstellung des Jahres
Illustration
- „Simon bedroht seinen Schwiegervater“ (1635).  Foto: SMB

„Simon bedroht seinen Schwiegervater“ (1635). Foto: SMB

Von Markus Kauffmann

Wie Michelangelo oder Raffael ist auch Rembrandt der Welt nur unter seinem Vornamen bekannt. Doch der war so selten, dass Verwechslungen ausgeschlossen sind. Neben Leonardo ist er der wohl berühmteste Maler der Welt und seine "Nachtwache" fast so populär wie die "Mona Lisa".

Dennoch ist vieles an diesem Mann bis heute ein Rätsel. Das beginnt schon bei seinem Geburtsdatum, das von der Fachwelt auf den 15. Juli 1606 festgelegt wurde, doch ebenso gut ein Jahr später sein könnte. Wir könnten zweimal seinen 400. Geburtstag feiern.

Im offiziellen Rembrandt-Jahr lässt sich Berlin nicht übertrumpfen: Die Ausstellungstrilogie ist größer als in Rembrandts Heimat. Fast 300 Werke, darunter 70 Gemälde, und mehr als 100 Handzeichnungen sowie Druckgrafiken werden in der Gemäldegalerie und im Kupferstichkabinett gezeigt. Hinzu kommen Bilder aus seiner Werkstatt und von seinen Schülern.

Die von der Berliner Gemäldegalerie und dem Amsterdamer "Rembrandthuis" gemeinsam kuratierte Schau heißt "Rembrandt – Genie auf der Suche" und macht sich selbst auf die Suche nach dem Genie. Wer war Rembrandt? War er der große religiöse Maler, der tiefsinnige Psychologe, der meisterhafte Handwerker des Chiaroscuro, der geschäftstüchtige Fließbandproduzent, der anregende Lehrer – oder war er ein Maler, dessen "spätere Bilder aussehen wie mit der Maurerkelle hingespachtelt" (van Houbraken), dessen Figuren enorm hässlich waren und der ganz einfach "nicht schön malen konnte" (Jacob Burckhardt), dessen Farben soßig, dessen Pinselstriche wattig sind?

Bis heute ein Mythos

Verachtet und bewundert – bis heute bleibt er ein Mythos. Rembrandt Harmenszoon van Rijn, 1606 (oder 1607) in Leiden geboren, erhielt eine gute Schulausbildung, was für Mitglieder der katholischen Minderheit damals nicht selbstverständlich war. In Amsterdam gründete er eine Malschule, heiratete die Nichte seines Kunsthändlers, Saskia, die ihn in die Amsterdamer Gesellschaft einführte, sein Lieblingsmodell wurde und ihm vier Kinder gebar. Ihr Tod war der Knick in seinem Leben, das ihn neben Rubens zu einem der angesehensten Maler der Niederlande machte. Er starb 63-jährig in Armut.

Der Mythos Rembrandt wurde durch den Streit um die tatsächliche Urheberschaft der ihm zugeschriebenen Bilder noch genährt. Letzte Gewissheit darüber gibt es bis heute nicht. Lange Zeit warb Berlin mit dem "echten" Rembrandt "Mann mit dem Goldhelm", der sich später als Schülerarbeit herausstellte. Nach der letzten umfassenden Sichtung des Zeichnungsbestands in den 50er-Jahren war eine Neubewertung überfällig. Heute gilt nicht einmal die Hälfte der 126 "rembrandtesken" Zeichnungen des Kupferstichkabinetts als vom Meister selbst geschaffen.

Dennoch konnte Berlin bedeutende Originale aus aller Welt zusammentragen; etwa sein "(Dulwich-)Mädchen am Fenster" (1645) aus London, "Die Heilige Familie" (1640) aus dem Louvre, oder das Bildnis seines Sohnes "Titus van Rijn" (1656/57) aus Wien. Aber auch aus eigenen Beständen steuerte die Gemäldegalerie etwa "Simson bedroht seinen Schwiegervater" (1635) bei. Ergänzt wird die prachtvolle Exhibition durch zwei weitere Ausstellungen im Kupferstichkabinett. Neben Amsterdam, Wien und London besitzt es eine der reichsten Sammlungen von Zeichnungen und Stichen des Niederländers.

Rembrandt – Genie

auf der Suche

Kulturforum Berlin

Bis 5. November

http://www.smb.spk-berlin.de/

Vielfältig.

Donnerstag, 10. August 2006


Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at