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Kunstberichte

Ausstellung

Jean Tinguely: Kunst als Selbstvernichtungsmaschine

Lachen mit Tiefgang: Ein Modell des

Lachen mit Tiefgang: Ein Modell des "Cyclope" von Jean Tinguely und Niki de St. Phalle. Foto: Christian Baur/VBK Wien

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Der Schweizer Künstler Jean Tinguely (1925–1991) bezeichnete sich selbst als einen Dieb, Parasiten der Technik, Stibitzer und Schmarotzer. Nun sind seine Kunst-Maschinen wieder zu Gast in Wien. Seine letzte Schau, "Nachtschattengewächse", hatte Tinguely im "KunstHaus" 1991 noch selbst konzipiert. Siebzehn Jahre nach seinem Tod kuratiert der Vizedirektor des Baseler Tinguely-Museums, Andreas Pardey, die Retrospektive mit Maschinenplastiken und Zeichnungen. Der Kontakt der Gruppe Nouveau Réalistes zu Wien war schon früh über Friedensreich Hundertwassers Pariser Jahre entstanden. Daniel Spoerri als einzig noch lebender prominenter Vertreter lebt heute hier und in der Toskana.

Der Schweizer Tinguely war kinetischer Bildhauer als er 1951 nach Paris kam und sich auch an Happenings mit Robert Rauschenberg beteiligte, bevor sich 1960 die Gruppe um Yves Klein, Niki de St. Phalle, Bernhard Luginbühl und Spoerri bildete.

Tinguelys Méta-Matics-Fantasiemaschinen waren aus hässlichem Industrieabfall kombiniert. Die kleinen können automatisch zeichnen, die größten von ihnen sich selbst vernichten. Davon ist "La Vittoria" – ein Riesenphallus, der in Mailand 1970 öffentlich unter Zischen und Rauchen seinen Geist aufgab –, durch eine Serie von Zeichnungen und Fotos zu sehen. Die situationistische und gegen bürgerliche Kunst revoltierende Haltung behielten die Künstler der Gruppe so lange bei, bis ihre Werke ins Museum wanderten.

"Das Definitive – das ist das Provisorium", verkündete Tinguely sein Manifest des Zufälligen, Vorläufigen und immer sehr Humorvollen. Dafür sind die Philosophen Martin Heidegger oder Henri Bergson im zweiten Stock der Schau besondere Zeugen. Niki schoss auf ihre Assemblagen und ließ dabei Farbbeutel platzen, Christo verpackte damals Figuren, Spoerri erklärte das Essen zur Kunst und fixierte letzte und andere Abendmähler zu "Fallenbildern". Tinguely arbeitete mit Yves Klein an einer Entmaterialisierung der Kunst, mit Niki baute er eine begehbare Frau für eine Ausstellung. Alles war nur für den Moment, erst später wurde an den Erhalt der Werke gedacht. Auch der Zyklopenkopf im Wald von Fontainebleau hat ein Weiterleben als Gemeinschaftswerk der Gruppe im Centre Pompidou.

Mit diesen "Balubas" oder "Hannibals" haben Besucher bis heute besondere Freude, denn die fast lebensgroßen Plastiken können mit den Füßen auf Knopfdruck bewegt werden und meist ist das Ergebnis zum Lachen: Eine Kunst, die sich selbst karikiert und trotzdem Tiefgang hat.

Aufzählung Ausstellung

Jean Tinguely Retrospektive Andreas Pardey (Kurator) bis 9. November KunstHaus

Donnerstag, 03. Juli 2008

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