Fünf Jahre alte Pläne: Die Museumsplanung von Adolf Krischanitz ist nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit
Ein mickriger Büroturm vor einer bis zu 60 Meter hohen Häuserwand
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Der Turm des 20er Hauses wurde entbehrlich: Mit dem neuen Hauptbahnhof
bekommt das Museum Büro- und Wohnhäuser mit 35 bis 60 Meter Höhe als
Vis-à-vis. Da sieht der Museumsturm mickrig aus. Foto: Atelier
Krischanitz
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Von Hans Haider

Die Erneuerung des ehemaligen Museums des XX. Jahrhunderts im Wiener
Schweizergarten hat zwar begonnen. Doch nach den fünf Jahre alten
Plänen von Adolf Krischanitz.
Das 20er Haus war in den sechziger
und siebziger Jahren die beste österreichische Adresse für die Moderne
und gehört heute zur Österreichischen Galerie Belvedere – deren Namen
die neue Direktorin Agnes Husslein-Arco 2007 auf Belvedere verkürzte.
Inzwischen wird für die Bundessammlungen von Kunst aus dem 20. und
21. Jahrhundert eine strengere Aufgabenteilung vorbereitet. Denn die
klassische Moderne und die Zeitgenossen thesaurieren derzeit parallel
das Belvedere, das Museum moderner Kunst (Mumok), das Leopoldmuseum,
das MAK und die Albertina – sowie die Kunstförderungsbeamten im
Unterrichtsministerium mit ihrer Artothek.
Nachdenkpause
Auch ästhetische und städtebauliche Überlegungen empfehlen eine Nachdenkpause.
Als der Krischanitz-Entwurf für die Generalsanierung und Erweiterung
2003 in einem internationalen Wettbewerb gekürt wurde, hatte der
Expo-‘58-Pavillon von Karl Schwanzer (1918 bis 1975) in derselben
Augenhöhe einzig die Ostbahntrasse als Nachbar.
Krischanitz setzte einen auffälligen Turm an die Arsenalstraße, der
das Museum und die Bahnsteigdächer überragen sollte. Mit dem künftigen
neuen Hauptbahnhof bekommt das Museum jedoch Büro- und Wohnhäuser mit
35 bis 60 Meter Höhe als Vis-à-vis.
Sie lassen das fünfgeschoßige Glashaus, wo Husslein-Arco zwei
Dutzend Schreibtische unterbringen will, zwergenhaft mickrig und
ziemlich alt ausschauen.
Der künftigen Hochhäuserwand kann im Schweizergarten nur
gravitätische Breite Paroli bieten – ohne Bürokobel vor der
dominierenden Horizontale des Museums. Auch die am Turm geplante
"Laufschrift, die den Inhalt nach außen kehren soll" (Krischanitz beim
Spatenstich im Juni 2008) hat sich in den letzten Jahren abgenützt: ein
überstrapaziertes Werbemedium!
Gesucht: Sponsoren
Die Direktorin muss von den auf 18 Millionen Euro geschätzten Baukosten zehn Millionen bei Sponsoren schnorren.
Die Hochhäuser gegenüber werden der Immorent aus dem Konzern der
Erste Bank gehören. Diese Bank (sie baut am Eck Gürtel-Arsenalstraße
ihr Headquarter) will, dem Vernehmen nach, am großzügigsten dem Museum
beistehen.
Und kann problemlos Hussleins Schreibtische bei der Immorent
unterbringen. Ein Gebot der ökonomischen Vernunft – nicht nur wegen der
Baukosten! Ein solches Glashaus verschlingt Heiz- und noch höhere
Kühlungskosten. 2003 dachte niemand an die inzwischen verordneten
Wärmedämmungs-Richtlinien.
Ohne den Turmzubau ist auch dem Denkmalschutz aufrichtiger gedient.
Karl Schwanzers Sohn Martin, ebenfalls Architekt, hat sich mit Berufung
auf Vaters künstlerisches Vermächtnis vehement gegen die
Volumen-Erweiterung von Krischanitz gewehrt. Er wollte – oder sprach
nur davon – den Pavillon der Republik für einen symbolischen Schilling
abkaufen und wo anders neu aufstellen.
Skelett aus Stahl
Die Stahlkonstruktion des Brüssel-Pavillons wird derzeit komplett
abgetragen. Krischanitz, ein Schwanzer-Schüler an der TU, wird das
Skelett ohne große sichtbare Veränderungen der Profile auf neueste
Stahlbau-Standards nachrüsten. Unter dem Straßenniveau wird Raum für
den in der Fritz-Wotruba-Stiftung verbliebenen Restnachlass des 1975
verstorbenen Bildhauers geschaffen.
Jüngst übernahm Krischanitz eine kostentreibende Zusatzaufgabe: ein
weiteres Tiefgeschoss wird ausgebaggert für die Artothek des Bundes.
Die Schieberegale mit Bildern und Graphiken, die teils aus
künstlerischen, teils aus sozialen Motiven angekauft wurden, fanden
bisher samt Verwaltung auf billigen 500 Quadratmetern eines ehemaligen
Postamts in Hetzendorf genug Platz. Nach der Übersiedlung unter das
20er-Haus soll dort auch ein eigener Schauraum eingerichtet werden. Für
Ausstellungen auf Anordnung des Ministeriums für Unterricht, Kunst und
Kultur.
"Museumsachse Süd"
Das Wien-Museum (am Karlsplatz) und das Mumok (im Museumsquartier)
schreien immer lauter nach mehr Stapel- und Ausstellungsräumen. In den
siebziger Jahren stand eine Erweiterung des 20er-Hauses durch ein
weiteres Gebäude im Schweizergarten für die internationale
Gegenwartskunst zur Debatte.
An dieser "Museumsachse Süd" vom Unteren Belvedere bis zum
Heeresgeschichtlichen Museum wären solche Neubauten bestens platziert –
wegen der Nähe zum Hauptbahnhof und zur Belebung eines neuen Stadtteils
für 13.000 Einwohner.
Doch gegen einen Neubau im Schweizergarten gibt es gute Gründe: Der
gepflegte Park gegenüber den massiven Hochhaustürmen soll nicht
verkleinert – und auch nicht durch einen unnötigen Büroturm
verunstaltet werden.
Printausgabe vom Freitag, 02. Jänner 2009
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