Den Begriff "displaced", der einer Ausstellung über Paul
Celan im Jüdischen Museum Wien den Namen gab, könnte man hier mit
"deplaziert" übersetzen, auch wenn das nicht genau dem Wortsinn
entspricht. Denn der 27jährige Lyriker war nicht bloß Flüchtling wie viele
in der Nachkriegszeit. Er schrieb als Czernowitzer Jude Gedichte in "der
Sprache der Mörder", weil sie eben seine Muttersprache war. Er weigerte
sich zeitlebens, in einer anderen Sprache zu schreiben, obwohl er immerhin
acht Sprachen beherrschte.
Das kommunistische Rumänien - wohin er aus seiner
mittlerweile sowjetisch gewordenen Heimatstadt geflohen war - bot einem
deutschsprachigen Lyriker wenig Freiraum. So entschloß sich Celan zu Fuß
in jene Stadt zu fliehen, die für ihn, obwohl er die Donaumonarchie nicht
mehr erlebt hatte, die kulturelle Metropole schlechthin darstellte: Wien.
Nach einem halben Jahr kehrte er der Stadt jedoch enttäuscht den Rücken,
denn das Wien des Jahres 1948 war vom Idealbild in seinem Kopf einfach zu
weit entfernt.
Er fuhr nach Paris, das inzwischen Wien als Ideal des
Westens bei osteuropäischen Intellektuellen den Rang abgelaufen hatte. Man
kann Celans Wiener Zeit als eine lange Kette von Mißerfolgen sehen: So
etwa wurde sein Gedichtband "Der Sand aus den Urnen" mit so vielen Fehlern
gedruckt, daß er eingestampft werden mußte. Überdies hatte der
ursprüngliche Verleger den Druckkostenbeitrag veruntreut. Celans
Handexemplar dieser äußerst seltenen Ausgabe - mit handschriftlichen
Korrekturen des Autors - ist wohl das interessanteste Stück der
Ausstellung. Deren Kuratoren waren sich der Problematik einer
Literaturschau wohl bewußt: "Wir wollten keine weitere fade
Literaturausstellung machen", so ein Betreuer.
Ob das gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Man
bekommt viele Photos zu sehen, auch politische Plakate aus dieser Zeit,
die ahnen lassen, daß die klaustrophobischen Gefühle des Dichters in Wien
verstärkt wurden. Fast alle Österreicher, auch Politiker, die im KZ
gewesen waren, wollten die Nazizeit vergessen. Es ist klar, daß Celan mit
seinen Gedichten über die Judenvernichtung aneckte, sofern er überhaupt
wahrgenommen wurde. Seine Lage sah er realistisch: Mit Poesie läßt sich
"hier in Wien nicht viel anfangen", schrieb er nach Bukarest. Er sollte
recht behalten, wenngleich seine Schwierigkeiten auch in Paris nicht
verschwanden und er auch dort in gewisser Weise "displaced" blieb.
dx
Bis 24. Februar 2002; Mo.-Fr. und So. 10 bis
18, Do. bis 20 Uhr.
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