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15.11.2001 - Ausstellung
Verloren in der geistigen Heimat Wien
Paul Celan verbrachte 1948 sechs Monate in Wien. Das Jüdische Museum dokumentiert diese Lebensstation in seiner jüngsten Ausstellung.


Den Begriff "displaced", der einer Ausstellung über Paul Celan im Jüdischen Museum Wien den Namen gab, könnte man hier mit "deplaziert" übersetzen, auch wenn das nicht genau dem Wortsinn entspricht. Denn der 27jährige Lyriker war nicht bloß Flüchtling wie viele in der Nachkriegszeit. Er schrieb als Czernowitzer Jude Gedichte in "der Sprache der Mörder", weil sie eben seine Muttersprache war. Er weigerte sich zeitlebens, in einer anderen Sprache zu schreiben, obwohl er immerhin acht Sprachen beherrschte.

Das kommunistische Rumänien - wohin er aus seiner mittlerweile sowjetisch gewordenen Heimatstadt geflohen war - bot einem deutschsprachigen Lyriker wenig Freiraum. So entschloß sich Celan zu Fuß in jene Stadt zu fliehen, die für ihn, obwohl er die Donaumonarchie nicht mehr erlebt hatte, die kulturelle Metropole schlechthin darstellte: Wien. Nach einem halben Jahr kehrte er der Stadt jedoch enttäuscht den Rücken, denn das Wien des Jahres 1948 war vom Idealbild in seinem Kopf einfach zu weit entfernt.

Er fuhr nach Paris, das inzwischen Wien als Ideal des Westens bei osteuropäischen Intellektuellen den Rang abgelaufen hatte. Man kann Celans Wiener Zeit als eine lange Kette von Mißerfolgen sehen: So etwa wurde sein Gedichtband "Der Sand aus den Urnen" mit so vielen Fehlern gedruckt, daß er eingestampft werden mußte. Überdies hatte der ursprüngliche Verleger den Druckkostenbeitrag veruntreut. Celans Handexemplar dieser äußerst seltenen Ausgabe - mit handschriftlichen Korrekturen des Autors - ist wohl das interessanteste Stück der Ausstellung. Deren Kuratoren waren sich der Problematik einer Literaturschau wohl bewußt: "Wir wollten keine weitere fade Literaturausstellung machen", so ein Betreuer.

Ob das gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Man bekommt viele Photos zu sehen, auch politische Plakate aus dieser Zeit, die ahnen lassen, daß die klaustrophobischen Gefühle des Dichters in Wien verstärkt wurden. Fast alle Österreicher, auch Politiker, die im KZ gewesen waren, wollten die Nazizeit vergessen. Es ist klar, daß Celan mit seinen Gedichten über die Judenvernichtung aneckte, sofern er überhaupt wahrgenommen wurde. Seine Lage sah er realistisch: Mit Poesie läßt sich "hier in Wien nicht viel anfangen", schrieb er nach Bukarest. Er sollte recht behalten, wenngleich seine Schwierigkeiten auch in Paris nicht verschwanden und er auch dort in gewisser Weise "displaced" blieb. dx

Bis 24. Februar 2002; Mo.-Fr. und So. 10 bis 18, Do. bis 20 Uhr.



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