20.11.2002 18:46
Der Pinsel als Waffe
Abstrakt und
figurativ, privat-intim und öffentlich: die Malereien von Sue Williams, derzeit
in der Secession
Malereien der US-Amerikanerin Sue Williams, derzeit ausgestellt
in der Wiener Secession, sind abstrakt und figurativ, traditionell und
innovativ, privat-intim und öffentlich zugleich: "Art for the Institution and
the Home".
Wien - Diese armen Maler heutzutage. Die ganze Malereigeschichte lastet
auf ihrem Buckel, wenn sie wieder etwas Neues in Angriff nehmen, ein weiteres
Bild nach dem letzten Bild anfertigen. In Zeiten, wo die Farbfotografie
eigentlich die bessere Malerei ist, tut man gut daran, sich von einer anderen
Seite dieser zähen Disziplin zu nähern. Einen wirklich singulären Stand hat
dabei - mit einigen Ausnahmen aus ihrer jüngsten Produktion - die aus Chikago
gebürtige Malerin Sue Williams.
In der Wiener Secession lässt die 1954
Geborene die vergangenen zehn Jahre Revue passieren, und sie hat trotz
Kontinuität so viele Wandlungen durchgemacht wie einige Künstler in ihrem ganzen
Leben.
Was als Grundkomponente bleibt, ist die grafische
Herangehensweise an das Medium. Von den frühen, leicht verhuschten,
intim-privaten Zeichen-Geschichten, bei denen der quälerisch-neurotische Inhalt
mit naiven Tier- oder Blumenabbildungen konterkariert wird, über die
kalligrafischen Horror-Vacui-Bildexplosionen-Orgien bis hin zu den neuesten
wandfüllenden, komplett abstrakten Farbkringeln. Allem gleich bleibt auch die
hundertprozentige Treffsicherheit jeder Geste, jedes Striches, jeder
Proportion.
Was sich bei einigen zuerst als lyrische Abstraktion,
rhythmisierte Comicgeschichte ausnimmt, gerät bei längerer Betrachtung aus den
Fugen. Pornografische Details und Körperöffnungen werden mit halluzinatiorsch
verzerrten (Körper-)teilen verquickt in einen Maelstrom (sexueller) Anziehung
und Ablehnung. Man denke auch an die Körpergefühlsbilder von Maria Lassnig oder
Matthew Barneys seltsame Prothesen.
Katalogautor Juan Carlos Román
spricht von der Erschöpfung des in die Voyeurrolle getriebenen Betrachters "von
der Verschwommenheit und Zerstäubtheit des Sexuellen, das andauernd gegenwärtig,
aber so schwer zu erkennen ist".
Angst in my pants: Lustig, grotesk,
erbärmlich mühen sich diese Teile ab, im Gegensatz zu den rohen punkigen
Anfängen durchaus ironisch die männlich-heroische Geschichte des Mediums
zerpflückend und auf sie anspielend, auf diese de Koonings und Pollocks, den
amerikanischen abstrakten Expressionismus im Ganzen. Man muss ja nicht gleich
behaupten, dass Williams dabei ausschließlich feministische Politagitation
betreibe.
Die Malerin, deren Professur an der Wiener Akademie der
bildenden Künste seit zwei Jahren Muntean & Rosenblum übernommen haben,
persiflierte Anfang der Neunzigerjahre auch die speziell in ihrer Wahlheimat New
York zelebrierte Correctness, wenn sie unter einen Orgiencomicteppich Are you
porn or anti-porn? schreibt. Als sie einen Haufen (Gummi-)Erbrochenes im
Whitney Museum simulierte, sah dies die Künstlerin als humorigen Gag.
Interpretiert wurde er als Statement gegen Bulimie. "Einmal wurde ich erschossen
und tot liegengelassen", erzählte sie Reportern. Salvador Dalí hätte das sicher
gut gefallen.
Bei den jüngsten, auf den Gestus des (abstrakten) Malens
konzentrierten Arbeiten, souverän gesetzten, in einem Schwung gezogenen
ornamentalen Kringeln in Leuchtfarben, setzt allerdings ein Déjà-vu ein, da
helfen auch die perfekt unperfekten Tropf-und Rinnspuren nichts. Vielleicht,
weil man sich zudem in der mit Ornament und Abstraktion so firmen,
geschichtsträchtigen Secession befindet? (DER STANDARD, Printausgabe,
21.11.2002)