DiePresse.com

DiePresse.com | Kultur | Kunst | Artikel DruckenArtikel drucken


Porno-Schau: Dolores macht's auch ohne

06.02.2009 | 19:06 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Am Donnerstag eröffnet die Ausstellung "The Porn Identity" über die "Pornetration" von Kunst und Gesellschaft. Thomas Edlinger und Künstlerin Daschner über Postporno und Porn-Chic.

Die Presse: Sie wollten sich vorhin nicht vor dem Bild eines Kollegen fotografieren lassen, nur vor ihrer eigenen Arbeit. Wie geht es Ihnen als Künstlerin in einer Gruppenausstellung zum Thema Pornografie? Hat man da Angst, in falschen Zusammenhänge zu kommen?

Katrina Daschner: Angst habe ich keine. Die Arbeit, die ich präsentiere, ist sehr geschlossen, macht einen eigenen Raum aus. Außerdem sind in der Ausstellung diverse Positionen vertreten – banal-explizite, fast pseudopornografische, aber auch sehr konzeptuelle Zugänge, die körperpolitische Statements abgeben. Da finde ich mich schon wieder.

Ihre Video-Installation „Dolores“ ist nicht speziell für die Ausstellung entstanden, sie ist von 2005. Es geht dabei um eine neue Version von „Lolita“. Was hat sie mit Pornografie zu tun?

Daschner: Nichts. Es ist eine Umschreibung der literarischen Vorlage von Nabokov, bei der ich durch einen Perspektivenwechsel eine recht effektive Veränderung erreiche – die Geschichte wird nicht mehr aus Humbert Humberts Sicht erzählt, sondern aus Lolitas (die eigentlich Dolores heißt, Anm.). Dadurch gebe ich ihr einen sehr selbstbestimmten neuen Weg durch die Weltliteratur.

Der andere Eingriff, Humbert durch eine ältere Lesbierin zu ersetzen, hat dagegen interessanterweise weniger Einfluss auf die Geschichte...

Daschner: Ja, der Haupteingriff ist der Perspektivenwechsel. Im letzten, am Boden markierten „Raum“ gibt es eine Happy-End-Szene, wo sich Dolores in eine gleichaltrige Frau verliebt und die beiden Sex miteinander haben. Dieses Finale habe ich sehr bewusst gewählt, weil es immer noch genug lesbische Mainstream-Filme gibt, die mit Tod oder einer kaputten Beziehung enden. Damit wird immer noch ganz klar Politik betrieben.

Jetzt war diese Arbeit bereits in Krems zu sehen, und es gab ein Jugendverbot – es muss also doch irgendetwas als „pornografisch“ daran angesehen worden sein.

Daschner: Es gibt eine explizite Sexszene, aber die hat mit Pornografie absolut nichts zu tun, es gibt nicht einmal ein nacktes Geschlechtsorgan, es ist nur lustvoller Sex.

Was ist Pornografie?

Daschner: Das wird ganz stark von dem Umfeld konstituiert, in dem es gezeigt wird – in Japan, einem Dorf in Tirol, in Las Vegas. Die Grenzen sind schwer zu ziehen.

Und für Sie?

Daschner: Das ist uninteressant. Mich interessiert ein postpornografischer Diskurs, der auf einem selbstbestimmten Zugang in der Darstellung von Begehren beruht.

Für Katrina Daschner hat ihre Arbeit nichts mit Porno zu tun. Sie, Thomas Edlinger, lassen „Dolores“ sogar die Ausstellung einleiten. Warum?

Thomas Edlinger: Die Ausstellung handelt ja nicht nur von Pornografie, sondern auch von Kunst, die Bezug nimmt auf pornografische oder postpornografische Strategien. Und eine Umschreibung des vorhandenen Materials, das sehe ich in Daschners Arbeit schon. Es ist ein programmatischer Beginn: eine prototypische männliche Erzählung, aus weiblicher Sicht umgeschrieben.

Postpornografie ist jetzt schon mehrmals gefallen. Was heißt das eigentlich?

Edlinger: Der Begriff wurde von Annie Sprinkle populär gemacht und bedeutet den Ausstieg aus dem fremdbestimmten und den Umstieg in ein selbstbestimmtes Arbeiten mit pornografischen Mitteln. Wobei die Unterscheidung nicht immer ganz einfach ist, das hängt wieder vom Umfeld ab. Man kann Pornografie von gänzlich unterschiedlichen Ansätzen her erzählen – als eine Geschichte der Zensur und der Überschreitung, aus feministischer Perspektive.

Und welchen Ansatz haben Sie gewählt?

Edlinger: Auch verschiedene. Pornografie ist heute ausdifferenziert, wir sprechen schon lange nicht mehr von einer. Ausgegangen sind wir von der Pornografisierung der Gesellschaft bei gleichzeitiger Heimlichkeit der Konsumation. Ich weiß nicht, wie viele Millionen Klicks auf Porno-Seiten es weltweit gibt – aber gleichzeitig fällt es immer noch schwer, unseren Ausstellungskatalog etwa im Flugzeug zu lesen. Dass Pornografie gesellschaftlich durchgesetzt ist, ist ein vorschnelles Urteil, das nicht aufrechtzuhalten ist. Unsere Ausstellung ist ein Versuch, mit dem, was derzeit als Kultur der Stimulation so kursiert, umzugehen. Die Pornografie hat sich durch den Medienwechsel, von Film, Video zu Internet, verändert. Durch die Digitalisierung ist etwa der Zugang auch zur Produktion einfacher geworden, was zur Folge hat, dass sich die Bandbreite vergrößert, die Leute sich nicht nur mit der ihnen vom Markt oktroyierten Pornografie zufrieden geben. Da gibt es durchaus Parallelen zur Popkultur.

Das Nebeneinander der Szenen?

Edlinger: Auch hier ist es schwierig, von einem Pop zu sprechen. Es hat sich eine sogenannte alternative Pornografie entwickelt, die durchaus auch von den Majors aufgenommen wurden.

Ebenfalls mit Pop in Zusammenhang würde ich den Begriff Porn-Chic sehen, der in den vergangenen Jahren auch in der Kunst in Mode und zum Teil in Verruf gekommen ist.

Edlinger: Der Unterschied zwischen Kunst und Pornografie ist recht klar – Kunst hat einen gesellschaftlichen, ästhetischen Mehrwert, dient nicht allein der Erregung. Kunst bedient sich mitunter nur des Schauwerts von Pornografie, als aufmerksamkeitsgerierenden Moment. Der Begriff „Porn Chic“ kommt aber aus der breiten Rezeption von Deep Throat, 1972. Heute meint man mit Porn-Chic aber auch die Durchdringung von Hollywood-Glamour und Porno. Große Diskussionen löste auch die Doku Inside Deep Throat 2005 aus, wo in einer äußerst problematischen Weise männlicher Liberalismus gegen Feminismus ausgespielt wurde. Einer der Standardvorwürfe an feministische Formen des Verbots von Pornografie war ja immer der angeblich damit implizierte Schulterschluss mit der politisch Rechten. Dieser Kurzschluss wird in dieser Dokumentation nahegelegt.

Sie bemerken in ihrem Text mit dem genial geklauten Titel „Ass wide shut“ auch den Trend, dass seit den 90er-Jahren Analsex in den Pornos immer öfter vorkommt. Was bedeutet das?

Edlinger: In den derb gewalttätigen Varianten artikuliert sich ein misogyner Strang der Pornografie – es ist wohl klar, welche Haltung man dazu hat. Man könnte diese Bilder aber auch anders lesen: Die Überbetonung der phallischen Macht, die auf den Frauenkörper einwirkt, kann gerade auf den realen Bedeutungsverlust hinweisen. Der Wunsch nach Beherrschung, Unterwerfung der Frau ist in diesen Produktionen ja schon verhaltensauffällig.

Daschner: Es gibt da noch einen ganz anderen Diskurs – die Theoretikerin Beatrice Preciado sagt zum Beispiel: „Alles ist Dildo, alles ist Loch, alles ist Klitoris.“ Und öffnet dadurch – vereinfacht ausgedrückt – einen körperlichen Diskurs, der nicht mehr unterscheidet zwischen biologisch männlichen und weiblichen Körpern. Alle können penetrieren und alle können penetriert werden.

Edlinger: Das wäre so ein postpornografischer Ansatz.

Daschner: Abgesehen davon hat die wunderbare Entertainerin Margarete Cho schon gesagt: „Never fuck a man in the ass, he will never leave you again.“


© DiePresse.com