diepresse.com
zurück | drucken
06.06.2003 - Ausstellung
Angeber, Animator & Co
Der Mythos des Enfant terrible eilte ihm voraus. Dabei vertrat der Deutsche Martin Kippenberger (1953–1997) auch in künstlerischer Hinsicht eine einzigartige Position. Das Mumok würdigt sein Schaffen nun mit einer umfangreichen Personale.
Von Johanna Hofleitner


Verschwender, Animator und Selbstdarsteller, Angeber, Anführer und Vorsteller.“ Keine Anwürfe seitens des Boulevards sind das, sondern hier liegt die – sinnigerweise gegenüber der Klatschabteilung einer Hamburger Zeitung vorgebrachte – Selbsteinschätzung eines Künstlers vor, der mit seinem So-Sein-als-ob die allzeit nach schillernden Figuren gierende Kunst- und Medienszene Deutschlands (später auch Gesamtmitteleuropas, noch später Österreichs im Besonderen) an der Nase herumführte. Die Rede ist von Martin Kippenberger (1953–1997). Intensiv verfolgtes Ziel seiner mit Over- wie Understatement kokettierenden Selbstbezichtigungen: den falschen Schein der Haute Culture zu entlarven. Ob als Wirt eines Kreuzberger Punkclubs („S.O. 36“), Bürogründer („Kippenbergers Büro“) angehender Schriftsteller („Kippermann als Neckermann“), versuchsweiser Schauspieler (immerhin mit Avantgarde-Regisseurinnen wie Ulrike Ottinger) oder schlussendlich gefeierter Maler: Kippenberger löste stets Bewegungen aus, brachte Dynamik ein, schuf, wo er hinkam, Netzwerke.

Naturtalent

Bis Mitte der 90er, als er 44-jährig an den Folgen seines Lebenswandels starb, spielte die Kunstszene mit: So wie in den 60ern/70ern die Kunstwelt – Stars und Starlets inklusive – danach gierte, Andy Warhol in seiner „Factory“ das Wasser zu reichen, um einmal im Leben für 15 Minuten ein Star sein zu dürfen. Oder wie in den 70ern/80ern die Studenten aller Länder danach trachteten, etwas vom Charisma des Manns mit dem Filzhut, Joseph Beuys, abzukriegen.

Dabei trug Martin Kippenberger zu diesem seinem Szenestatus nicht einmal besonders viel bei. Man könnte ihn einfach als Naturtalent bezeichnen. Oder als „Spieler“, wie Klaus Honnef, Ausstellungsmacher und profunder Kenner der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartskunst, konstatierte: „Er spielt einfach mit den falschen Vorstellungen, die sich an die Rollen heften, in die er schlüpft. Selbstverständlich entspricht die Art, wie er den Künstler spielt, nicht den herrschenden Vorstellungen vom Künstler. Seine Handlungen und seine Haltungen betten sich in einen ganz bestimmten sozialen und kulturellen Zusammenhang ein. Von daher beziehen sie ihre Impulse, und auf diesen ist seine Praxis ausgerichtet.“ Wie die Katze, die sich in den Schwanz beißt – nur dass der Schwanz, die Szene, darauf wartet.

Schuhe &Bekleidung

Dabei begann seine berufliche Laufbahn reichlich verkorkst. Bevor Kippenberger sich fürs Künstlerdasein entschied, wollte sich der Schulabbrecher nämlich gerne als Auszubildender bei einem Schuhhaus und Dekorateur-Lehrling in einem Bekleidungshaus versuchen. Beide Arbeitsverhältnisse zerbrachen auf Grund seines Drogenkonsums. Nach einer Therapie in Schweden waren es dann die jungen Maler in Hamburg, die ihm sozialen Halt gaben. Es folgte ein Studium an der Hamburger Kunstakademie – und der Studienabbruch.

Doch der Bann ist gebrochen, erste Bilderserien entstehen. Die Kunst-Familie wächst, Berlin ruft. Kippenberger schart Punks, Künstler, Galeristen, Musiker um sich. Und löst sich, um nach Amerika zu gehen und von dort die sarkastische Performance „Knechte des Tourismus“ mitzubringen.

Zeitgleich wird Deutschland von den Malerpäpsten beherrscht. Baselitz, Lüpertz, Kiefer, Richter, Polke haben um 1980 ihren richtig großen Auftritt. Jüngere wie Oehlen, Büttner, Dokoupil schnuppern zumindest am Erfolg. Authentizität im Sinn malerischer Souveränität steht hoch im Kurs. Doch Kippenberger lässt sich nicht beeindrucken und schaltet immer etwas dazwischen, zwischen sich und die Kunst: Kunst wird sozusagen vermittelt. Erstes Transportmittel ist die Ironie. Allein die Bildtitel sprechen Bände: „Bekannt durch Film, Funk, Fernsehen und Polizeirufsäulen“, „Null Bock auf Ideen“, „Ein Erfolgsgeheimnis des Herrn A. Onassis“. Für „Lieber Maler, male mir …“ gibt er den Pinsel ganz aus der Hand und delegiert das Malen. Ein Berufsmaler kommt zu Ehren, leiht Kippenberger auch noch seinen Vornamen Werner. Der Zyklus wirkt dennoch authentischer als die authentischste Neue Malerei.

Reisen spielen weiterhin eine große Rolle. Wien und Graz sind in den 80ern erstmals Stationen, Wolfgang Bauer, Jörg Schlick, der Galerist Peter Pakesch willkommene Sparring-Partner. Künstlerkollege Albert Oehlen sowieso. Mit ihm veranstaltet er 1983 die Aktion „Erstes Wiener Fiakerrennen“ und bereist Brasilien. Gemeinsame Musik entsteht, aber auch ein gefakter Mythos wird lanciert: Mit der Fotoarbeit „Tankstelle Martin Bormann“ setzt Kippenberger, sogar recht erfolgreich, das Gerücht in die Welt, den untergetauchten Hitlerkumpan in Salvador aufgespürt zu haben.

Ende der 80er scheint dann etwas Ruhe in die Biografie einzukehren. Kippenberger wird nicht nur Vater, sondern auch Professor, zuerst am Städel, dann an der Kassler Gesamthochschule. Er bestreitet Museumsausstellungen im In- und Ausland. Bloß mit der documenta will es nicht so recht klappen. Zur VIIIer wird er zwar eingeladen, sagt aber selbst ab. 1992, bei der documenta IX hingegen, reklamiert er sich regelrecht hinein und stellt Chefkurator Jan Hoet seine „betrunkene Laterne“ vor die Nase. Fünf Jahre später lädt ihn dann Catherine David zur 10. Auflage des Kunstfestivals ein, die Realisierung der Kasseler Station seines weltweiten „M.K.Metro-Net“ sollte er aber nicht mehr erleben. Am 7. März 1997 ist Martin Kippenberger in Wien gestorben.


Tipp:
MUMOK, Wien: „Nach Kippenberger“
Eröffnung 11. Juni, 19 Uhr. Bis 31. 8.
Geöffnet: Di–So, 10–18 Uhr, (Do 10–21 Uhr)
Info: 01/525 00.
http://www.mumok.at/

 

Martin Kippenberger


© Die Presse | Wien