Verschwender, Animator und Selbstdarsteller, Angeber, Anführer und
Vorsteller.“ Keine Anwürfe seitens des Boulevards sind das, sondern hier
liegt die – sinnigerweise gegenüber der Klatschabteilung einer Hamburger
Zeitung vorgebrachte – Selbsteinschätzung eines Künstlers vor, der mit
seinem So-Sein-als-ob die allzeit nach schillernden Figuren gierende
Kunst- und Medienszene Deutschlands (später auch Gesamtmitteleuropas, noch
später Österreichs im Besonderen) an der Nase herumführte. Die Rede ist
von Martin Kippenberger (1953–1997). Intensiv verfolgtes Ziel seiner mit
Over- wie Understatement kokettierenden Selbstbezichtigungen: den falschen
Schein der Haute Culture zu entlarven. Ob als Wirt eines Kreuzberger
Punkclubs („S.O. 36“), Bürogründer („Kippenbergers Büro“) angehender
Schriftsteller („Kippermann als Neckermann“), versuchsweiser Schauspieler
(immerhin mit Avantgarde-Regisseurinnen wie Ulrike Ottinger) oder
schlussendlich gefeierter Maler: Kippenberger löste stets Bewegungen aus,
brachte Dynamik ein, schuf, wo er hinkam, Netzwerke.
Naturtalent
Bis Mitte der 90er, als er
44-jährig an den Folgen seines Lebenswandels starb, spielte die Kunstszene
mit: So wie in den 60ern/70ern die Kunstwelt – Stars und Starlets
inklusive – danach gierte, Andy Warhol in seiner „Factory“ das Wasser zu
reichen, um einmal im Leben für 15 Minuten ein Star sein zu dürfen. Oder
wie in den 70ern/80ern die Studenten aller Länder danach trachteten, etwas
vom Charisma des Manns mit dem Filzhut, Joseph Beuys, abzukriegen.
Dabei trug Martin Kippenberger zu diesem seinem Szenestatus nicht
einmal besonders viel bei. Man könnte ihn einfach als Naturtalent
bezeichnen. Oder als „Spieler“, wie Klaus Honnef, Ausstellungsmacher und
profunder Kenner der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartskunst,
konstatierte: „Er spielt einfach mit den falschen Vorstellungen, die sich
an die Rollen heften, in die er schlüpft. Selbstverständlich entspricht
die Art, wie er den Künstler spielt, nicht den herrschenden Vorstellungen
vom Künstler. Seine Handlungen und seine Haltungen betten sich in einen
ganz bestimmten sozialen und kulturellen Zusammenhang ein. Von daher
beziehen sie ihre Impulse, und auf diesen ist seine Praxis ausgerichtet.“
Wie die Katze, die sich in den Schwanz beißt – nur dass der Schwanz, die
Szene, darauf wartet.
Schuhe &Bekleidung
Dabei begann seine
berufliche Laufbahn reichlich verkorkst. Bevor Kippenberger sich fürs
Künstlerdasein entschied, wollte sich der Schulabbrecher nämlich gerne als
Auszubildender bei einem Schuhhaus und Dekorateur-Lehrling in einem
Bekleidungshaus versuchen. Beide Arbeitsverhältnisse zerbrachen auf Grund
seines Drogenkonsums. Nach einer Therapie in Schweden waren es dann die
jungen Maler in Hamburg, die ihm sozialen Halt gaben. Es folgte ein
Studium an der Hamburger Kunstakademie – und der Studienabbruch.
Doch der Bann ist gebrochen, erste Bilderserien entstehen. Die
Kunst-Familie wächst, Berlin ruft. Kippenberger schart Punks, Künstler,
Galeristen, Musiker um sich. Und löst sich, um nach Amerika zu gehen und
von dort die sarkastische Performance „Knechte des Tourismus“
mitzubringen.
Zeitgleich wird Deutschland von den Malerpäpsten beherrscht. Baselitz,
Lüpertz, Kiefer, Richter, Polke haben um 1980 ihren richtig großen
Auftritt. Jüngere wie Oehlen, Büttner, Dokoupil schnuppern zumindest am
Erfolg. Authentizität im Sinn malerischer Souveränität steht hoch im Kurs.
Doch Kippenberger lässt sich nicht beeindrucken und schaltet immer etwas
dazwischen, zwischen sich und die Kunst: Kunst wird sozusagen vermittelt.
Erstes Transportmittel ist die Ironie. Allein die Bildtitel sprechen
Bände: „Bekannt durch Film, Funk, Fernsehen und Polizeirufsäulen“, „Null
Bock auf Ideen“, „Ein Erfolgsgeheimnis des Herrn A. Onassis“. Für „Lieber
Maler, male mir …“ gibt er den Pinsel ganz aus der Hand und delegiert das
Malen. Ein Berufsmaler kommt zu Ehren, leiht Kippenberger auch noch seinen
Vornamen Werner. Der Zyklus wirkt dennoch authentischer als die
authentischste Neue Malerei.
Reisen spielen weiterhin eine große Rolle. Wien und Graz sind in den
80ern erstmals Stationen, Wolfgang Bauer, Jörg Schlick, der Galerist Peter
Pakesch willkommene Sparring-Partner. Künstlerkollege Albert Oehlen
sowieso. Mit ihm veranstaltet er 1983 die Aktion „Erstes Wiener
Fiakerrennen“ und bereist Brasilien. Gemeinsame Musik entsteht, aber auch
ein gefakter Mythos wird lanciert: Mit der Fotoarbeit „Tankstelle Martin
Bormann“ setzt Kippenberger, sogar recht erfolgreich, das Gerücht in die
Welt, den untergetauchten Hitlerkumpan in Salvador aufgespürt zu haben.
Ende der 80er scheint dann etwas Ruhe in die Biografie einzukehren.
Kippenberger wird nicht nur Vater, sondern auch Professor, zuerst am
Städel, dann an der Kassler Gesamthochschule. Er bestreitet
Museumsausstellungen im In- und Ausland. Bloß mit der documenta will es
nicht so recht klappen. Zur VIIIer wird er zwar eingeladen, sagt aber
selbst ab. 1992, bei der documenta IX hingegen, reklamiert er sich
regelrecht hinein und stellt Chefkurator Jan Hoet seine „betrunkene
Laterne“ vor die Nase. Fünf Jahre später lädt ihn dann Catherine David zur
10. Auflage des Kunstfestivals ein, die Realisierung der Kasseler Station
seines weltweiten „M.K.Metro-Net“ sollte er aber nicht mehr erleben. Am 7.
März 1997 ist Martin Kippenberger in Wien gestorben.
Tipp:
MUMOK, Wien: „Nach
Kippenberger“
Eröffnung 11. Juni, 19 Uhr. Bis 31. 8.
Geöffnet:
Di–So, 10–18 Uhr, (Do 10–21 Uhr)
Info: 01/525 00.
http://www.mumok.at/
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