Szenen aus der Halbwelt

Von den insgesamt 360 Grafiken, 351 Lithografien und neun Kaltnadelradierungen, die Toulouse-Lautrec in seinem letzten Lebensjahrzehnt geschaffen hat, befinden sich 354 in der Sammlung Gerstenberg.


Wer in den kommenden Wochen das Leopold Museum im Wiener Museumsquartier besucht, wird sich bei seinem Rundgang durch den an sich nüchternen weißen Kubus unversehens in plüschigem Ambiente wiederfinden.

Der Hauptraum der Ausstellung "Toulouse-Lautrec. Das gesamte grafische Werk. Sammlung Gerstenberg", die hier bis 31. August gastiert, soll mit rotem Samt, einer Balustrade und kleinen, angedeuteten Separees an das Pariser Etablissement "Moulin Rouge" erinnern. Hier werden jene Plakate und Grafiken aus der Halbwelt des Montmartre präsentiert, mit denen der aus französischem Hochadel stammende Künstler (1864-1901) berühmt wurde.

"Ein Versuch, Atmosphäre zu bieten"

"Wir wollen den Exponaten eine Art Stütze geben", erläuterte Romana Schuler vom Leopold Museum bei der Presseführung am Donnerstag die Ausstellungsarchitektur von Angela Hareiter, "es ist ein Versuch, Atmosphäre zu bieten." Auch Sammler und Museums-Chef Rudolf Leopold betonte: "Ich habe nicht chronologisch, sondern ästhetisch gehängt." Er habe die Bilder "so angeordnet, dass die Atmosphäre gesteigert wird."

Götz Adriani, der 1986 den nun als Studienausgabe neu aufgelegten Werkkatalog zum grafischen Werk des französischen Künstlers erarbeitet hatte, hat die Ausstellung unter dem Titel "Die Faszination des Augen-Blicks" vor wenigen Monaten in seiner Kunsthalle Tübingen gezeigt. "Wir haben sie aber nicht so inszeniert", betonte er gegenüber der APA, "unsere Präsentation war viel puristischer."

Berühmte Plakate und Satirisches

Tatsächlich unterstreicht die Ausstellungsgestaltung jenes Klischee, das auch Baz Luhrmanns "Moulin Rouge"-Film, in dem Toulouse-Lautrec selbstverständlich nicht fehlen durfte, weiterführte: Der kleinwüchsige Künstler zwischen Bardamen, Tänzerinnen und Animiermädchen, ein Porträtist des Lasters und der Bohemiens. Natürlich finden sich hier all seine berühmten Plakate, und jenes im Sommer 1891 im Auftrag des zwei Jahre zuvor eröffneten "Moulin Rouge" entstandene großformatige Werbeplakat mit der Tänzerin Louise Weber (genannt "La Goulue"), das den rasch wachsenden Ruhm des damals 26-Jährigen begründete, ist gleich zwei Mal vertreten - mit und ohne zusätzlichem Schrifteindruck.

Doch wer möchte, kann sehenswerte Entdeckungen machen: In unauffälligen Tisch- und Grußkarten offenbart sich ein Meister des leichten, karikaturhaften Strichs, in seinen Logen- und Gerichtsszenen zeigt sich Toulouse-Lautrec als beißender Satiriker, der mehr als einmal an Daumier erinnert, zahlreiche Porträts zeigen die Unbestechlichkeit seines Blicks auf die mannigfaltigen Entstellungen von Leib und Seele.

Die Sammlung Gerstenberg

Der Berliner Mathematiker und Gründer der Victoria-Versicherung Otto Gerstenberg (1848-1935) hat vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur umfassend Grafik gesammelt (neben Toulouse-Lautrec etwa Dürer, Goya oder Daumier), sondern vor allem eine bedeutende Impressionisten-Sammlung angelegt, die sich heute noch immer als Beutekunst großteils in Moskau und St. Petersburg befindet.

Die Toulouse-Lautrec-Kollektion war rechtzeitig nach Süddeutschland verbracht worden und konnte so fremdem Zugriff entzogen werden. Heute suchen Gerstenbergs Erben nach einem Museum, das die Sammlung komplett kaufen würde. Rudolf Leopold ("Ich war immer fasziniert von diesem Werk.") bezifferte die möglichen Kosten auf etwa 29 Mio. Euro, nicht ohne anzumerken: "Aber Österreich sind ja Abfangjäger viel wichtiger."

Tipp:

Ausstellung "Toulouse-Lautrec. Das gesamte grafische Werk. Sammlung Gerstenberg", Leopold Museum, 11. April bis 31. August, Werkkatalog: 17,30 Euro, Informationen: 01/525-70.

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