| Artikel aus
profil Nr. 17/2002 |
Tiger oder
Maultier?
Unter Österreichs
Gegenwartskünstlern ist Peter Friedl einer der gefragtesten. In Linz
wird sein Schaffen nun erstmals in breiterem Rahmen
gezeigt. |
Einfach ist er sicher nicht. Weder in
seinen Projekten noch als Person hat es Peter Friedl je auf
Kalkulierbarkeit angelegt. Seine Arbeiten (Videos, Installationen,
Fotografien) unterlaufen gängige Sehgewohnheiten, denn was simpel
oder banal erscheint, hat meist eine komplizierte Vorgeschichte.
Privat hat der 42-Jährige es bisher vorgezogen, einen
kompromisslosen Lebensstil auf Kosten einer geradlinigen Karriere zu
wählen. Seine oft kämpferische Rhetorik hat ihm aber auch, gerade in
Österreich, nicht nur Freunde eingebracht: So hat er sich als
Teilnehmer der Biennale in Venedig 1999 mit dem Kommissär Peter
Weibel wegen der „dilettantischen Organisation“, so Friedl heute,
zerstritten. „Eine Lebenskarriere im üblichen Sinn interessiert mich
nicht“, meint der Künstler, der in Österreich zwar aufgewachsen ist,
aber dann zehn Jahre lang in der Nähe von Venedig, später in Berlin,
New York und seit neuestem auch in Johannesburg lebte und
lebt.
Heimspiel
Da Friedl
aber einer der wenigen österreichischen Künstler von internationalem
Format ist, erstaunt es doch, dass er von hiesigen Institutionen
bisher eher gemieden wurde. Umso erfreulicher die Tatsache, dass mit
der Retrospektive in Linz nun erstmals auch hierzulande ein
repräsentativer Überblick zu den Arbeitsweisen Friedls möglich wird.
Der Künstler verwebt und verdichtet Recherchen von historischen oder
politischen Ereignissen zu visuellen Gebilden, die mehr Fragen
aufwerfen, als sie beantworten: Die simple Suche nach einem
verschwundenen Maultier führt beispielsweise zu der Frage, warum in
den historischen amerikanischen Befreiungskriegen das Versprechen
von „40 Morgen Land und einem Maultier“ an die freigelassenen
Sklaven nicht eingelöst wurde. Oder warum, wie in einer groß
projizierten Videoarbeit vorgeführt, ein richtiger Tiger in einem
Museum mit einer Stoffschlange kämpft.
„Mich interessiert,
was passiert, wenn man relativ komplexe Sachverhalte gestalterisch
auf einem tieferen Niveau abhandelt.“ Gerade diese listige visuelle
Tiefstapelei macht Friedl zu einer der interessantesten Figuren, die
im gegenwärtigen Betriebssystem Kunst eine eigene ästhetische
Sprache behaupten können. Die Methode, die gesellschaftspolitischen
Themen, die Friedl oft aufgreift, über „Distanz und Reibung“ zu
behandeln, fordert zwar dem Betrachter einiges an Auseinandersetzung
ab, ist im Erkenntniseffekt aber um vieles wirkungsvoller als eine
bloße Herangehensweise via Identifikation.
Konkret: Die
DVD-Installation „King Kong“ aus dem Jahr 2001 könnte man als
Hinterfragung des Genres Musikvideo interpretieren oder aber als
Kommentar zu einem besonders krassen Beispiel südafrikanischer
Apartheidpolitik – sowie durchaus auch als Versuch, ein eigenes
Musical zu inszenieren. Friedl hat für diesen Film den texanischen
Underground-Sänger Daniel Johnston, dessen Titel von amerikanischen
Bands wie Sonic Youth und Pearl Jam adaptiert wurden, nach
Johannesburg eingeflogen, um ihn dort in einem Park Texte aus dem
Musical „King Kong“, in dem das Schicksal eines schwarzen Boxers
behandelt wird, rezitieren zu lassen. Wenige, skizzenhafte Details
reichen aus, um die angedeutete Geschichte als große Tragödie
erkennbar zu machen. Dass Friedl dabei keine „billigen
Dritte-Welt-Images“ produziert, ist entscheidend, aber auch, dass er
das Genre nicht überstrapaziert. Denn: Zu viele Fragen gibt es noch
auf der Welt.
Autor: Patricia
Grzonka
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