Beim Frühstück übt sich . . .
Von Claudia Aigner
...wer ein Meister werden will. Die letzten 21 Jahre hat sich
Walter Schmögner (bis 30. Juni in der Galerie Hofstätter, Bräunerstraße 7)
die Zeit am Frühstückstisch mit so etwas wie Sexattentaten vertrieben. Mit
seinem gespitzten Bleistift (das ist jetzt keine Metapher, es ist wirklich
nur von einem Bleistift die Rede) ist er über ein paar
Kleiderabstinenzlerinnen hergefallen: über die Östrogenbomben auf der
Seite 5 der meistverleugneten Tageszeitung Österreichs (erwischt man einen
Intellektuellen damit, dann werden ihm ja sofort mindestens 50 Punkte von
seinem IQ abgezogen). Vergnüglich deftig und perfekt gezeichnet: Mit
der Methode "Darf' s ein bisserl mehr sein?" hat Schmögner (zumindest auf
der Seite 5) den Penisneid abgeschafft. Weil jedes von Dichands Mädeln
jetzt seinen eigenen Fortsatz hat (aber nun freilich ein Kandidat für
Kastrationsangst ist). Mit herrlich obszönem Humor geht Schmögner auch mit
den Accessoires der Unterwäsche-Muffel um. Ein Fußball ist dermaßen
"hormonbehandelt", dass er schon o. b.-tauglich ist. Das würde die
Fußballbegeisterung vieler Männer gleich viel nachvollziehbarer machen.
Insgesamt ein tadelloser Zeichner. Nicht uninteressant sind die
Lehrtafeln nach dem Muster "Vom Affen zum aufrecht stehenden Mann": von
der Klitoris zur erigierten Männlichkeit. (Einerseits ist das nicht sehr
schmeichelhaft für die Frau, aber immerhin war da die Frau zuerst da.) Und
ist die allgegenwärtige, quasi mit Viagra aufgepäppelte Klitoris eine
Antwort auf Freuds gewagte maskuline Idee, wonach das weibliche
Lustempfinden, um wirklich reif zu sein, von der Klitoris vollständig in
die Vagina rutschen müsse? Streckt da die "unreife" klitorale Sexualität
Freud die Zunge raus? Bääh! Drei Punkte an der Wand hinter zwei
Bildern von Schiele wären wohl ein Appell an den Betrachter, sich den Rest
der "Sammlung Leopold" zu denken ("usw."). Ohne Schiele, aber dafür mit
einem riesigen Drahtknäuel auf dem Boden davor, sind dieselben drei Punkte
(mit Nadeln übersäte Magneten) Teil von Brigitte Ameseders sinnlicher
Installation "etc . . ." (bis 29. Juni in der Galerie Sur, Seilerstätte
7). Nach dem Prinzip "Lawine" wäre die Riesenkugel (als hätte jemand einen
Maschendrahtzaun aufgetrennt und dann alles irgendwie aufgewickelt) ja
ebenfalls "unendlich" erweiterbar. Spannend, wie in einem ziemlich
sauberen Kugelvolumen das absolute Chaos herrscht (ein Kritzikratzi aus
Draht). Auf einem Zebrastreifen geht man anders als auf dem Catwalk
(ein Unterschied wie zwischen dem Meidlinger L und dem
Burgtheaterdeutsch). Deshalb sind die modisch gekleideten Menschen auf den
Leinwänden von Katherina Mair (bis 28. Juni in der Galerie der Alten
Schmiede, Schönlaterngasse 7a) unverkennbar keine Passanten. Diese Models
sind theoretisch mit Haut und Haaren von Gucci. Denn innerhalb ihrer
Körperumrisse haben Stoffmuster von Modedesignern völlig freie Bahn (ohne
sich nämlich auf die bekleideten Körperstellen beschränken zu müssen). Und
die Muster fließen in einem raffinierten Dialog ineinander. Gut gemachte
Bilder.
Erschienen am: 08.06.2001 |
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