Der auf Kurt Schwitters schreibend reagierende Interpret
muß aufpassen, denn: "Mit ganz außergewöhnlichem Schaafsinn findet
der geborene Kritiker das heraus, worauf es nicht ankommt." Vorsehen
müssen sich aber auch bemüht ordnende Kunsthistoriker, zum Beispiel die
Leiterin des Kunstforums, Ingried Brugger. Sie behauptet glatt, Schwitters
sei ein gänzlich unerotischer Künstler - seine Kunst allerdings eine
Naturgewalt.
"Naturgewalt", na gut, aber "gänzlich (!) unerotisch"?
Und von welchem Künstler ließe sich das überhaupt sagen? Schon ein spätes
"Liebliches Porträt", der allerdings sehr aus dem Rahmen fallende, vom
Künstler umspielte Knabenkopf auf einem alten Gemälde, das an der
Stirnwand der Eingangshalle als Blickfang dient, widerspricht einer
derartigen Feststellung neben vielen anderen Werken. Schwitters biegt sich
vor Lachen, aber: "Wenn Sie anderer Ansicht sind, so ist das für Merz
gleichgültig."
"Ins Unermeßliche"
Merz. Die Bilder "Merzmalerei", so der Künstler, seien
"abstrakte Kunstwerke", aber sie haben einen hohen Realitätsbezug. Ferner:
"Das Wort Merz bedeutet wesentlich die Zusammenfassung aller erdenklichen
Materialien für künstlerische Zwecke und technisch die prinzipiell gleiche
Wertung der einzelnen Materialien." Damit parallel verläuft des Künstlers
Wunsch, alles miteinander in Beziehung zu setzen, bis daraus die
"Merzsäule" entstehen kann.
Der Gedanke an sie führt zur Verkörperung der Idee vom
"Gesamtkunstwerk". In Hannover, das vorwärts strebe, "und zwar ins
Unermeßliche" - Schwitters wurde dort geboren - entstand durch viele Jahre
hindurch der "Merzbau". Gemerzt mit objets trouvés, überarbeitet mit Holz,
Gips und Ölfarbe als "Kathedrale des erotischen (!) Elends".
Das work in progress formierte sich im Atelier in der
Waldhausenstraße, 1943 fiel darauf eine Bombe. Es wurde rekonstruiert und
ist der Ausstellung jetzt als begehbares Architektur- und
Skulptur-Konglomerat eingefügt wie seinerzeit im Museum des
20. Jahrhunderts im Jahr 1983 im Rahmen der von Harald Szeemann
konzipierten Vorstellung "Der Hang zum Gesamtkunstwerk" (1973/74 war
Schwitters am selben Ort mit einem Werküberblick zu erleben).
Geliebte der 27 Sinne
Jetzt ist es - um das im Kunstforum postierte Gefügte und
Collagierte in seiner unmittelbaren Ausstrahlung auf sich einwirken zu
lassen - förderlich und notwendig, von Erklärungen, Verweisen, Ab- und
Zuleitungen fürs Erste abzusehen. Einfach, mit Anna Blume (einer
dichterischen Erfindung des Künstlers, der Geliebten seiner
"siebenundzwanzig Sinne") gesprochen, um in Stimmung zu kommen. Und zu
erkennen, daß es sich bei Schwitters (auch) um einen Geistesverwandten
Christian Morgensterns handelt, was noch keiner angemerkt zu haben
scheint.
Ein wenig Vorwissen kann natürlich nicht schaden (es wäre
durch einen Blick in den vorzüglichen Katalog zu erwerben). Wichtig aber
ist, die Schwitterschen Gebilde ohne Umschweife auch in ihrem Witz auf
sich einwirken zu lassen, zu erleben, so wie er sich selbst mit seinen
Arbeiten ja stets fort-, vorwärts bewegt hat; mitunter freilich auch
wieder zurück. In Norwegen vor allem, seinem Exil vor dem englischen, wo
er plötzlich Landschaften, Porträts (mußte man die zeigen?) zu malen
begann. Carola Giedion-Welcker sprach einst von "Realitäts- und
Kitscheinbrüchen".
Ständig befand er sich - wie deutlich zu sehen ist - auf
dem Weg, hatte er es mit "Verschiebungen" zu tun (nach einem 1930
entstandenen Bild, das Poliakoff antizipiert). Auch mit einem latent
veränderndem Aufbrechen des Vermixten, Verkochten, Verschwitterten auf
wechselnden Tonleitern wie in der Collage "Doremifasolasido" (1930). -
Kunsthistorischen Einkapselungsunternehmen entzieht sich der Einzelgänger,
und sein Einfluß auf Nachgeborene war groß - nicht nur auf ein paar ihm
gegenüber abfallende, eingeschleuste Adepten - unter ihnen allerdings
Gerhard Rühm, der 1976 über den Wortkünstler Schwitters schrieb. Das war
in einem Katalog der Galerie Klewan mit zwölf Collagen. Eine von ihnen
findet sich jetzt als Leihgabe unter anderen auch aus österreichischem
Privatbesitz wieder, neben oft noch nie publizierten Arbeiten. Insgesamt
eine wunderbar anregende Ausstellung mit großem begleitendem Aufgebot und
vielen Kapriolen.
Bis 16. Juni, tägl. 10 - 19, Fr bis 21 Uhr. Führung
für "Presse"-Club-Mitglieder 18. 4. Info: 01-51414-555.
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