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15.03.2002 - Ausstellung
Geschwittertes, Vermerztes aus tausend Teilen
Kurt Schwitters (1887 bis 1948) war ein Künstler voller Esprit und mit großem Selbstvertrauen. Ihm gilt eine umfassende, auch überraschende Ausstellung in Kooperation mit der "Presse" im Kunstforum.
VON KRISTIAN SOTRIFFER


Der auf Kurt Schwitters schreibend reagierende Interpret muß aufpassen, denn: "Mit ganz außergewöhnlichem Schaafsinn findet der geborene Kritiker das heraus, worauf es nicht ankommt." Vorsehen müssen sich aber auch bemüht ordnende Kunsthistoriker, zum Beispiel die Leiterin des Kunstforums, Ingried Brugger. Sie behauptet glatt, Schwitters sei ein gänzlich unerotischer Künstler - seine Kunst allerdings eine Naturgewalt.

"Naturgewalt", na gut, aber "gänzlich (!) unerotisch"? Und von welchem Künstler ließe sich das überhaupt sagen? Schon ein spätes "Liebliches Porträt", der allerdings sehr aus dem Rahmen fallende, vom Künstler umspielte Knabenkopf auf einem alten Gemälde, das an der Stirnwand der Eingangshalle als Blickfang dient, widerspricht einer derartigen Feststellung neben vielen anderen Werken. Schwitters biegt sich vor Lachen, aber: "Wenn Sie anderer Ansicht sind, so ist das für Merz gleichgültig."

"Ins Unermeßliche"

Merz. Die Bilder "Merzmalerei", so der Künstler, seien "abstrakte Kunstwerke", aber sie haben einen hohen Realitätsbezug. Ferner: "Das Wort Merz bedeutet wesentlich die Zusammenfassung aller erdenklichen Materialien für künstlerische Zwecke und technisch die prinzipiell gleiche Wertung der einzelnen Materialien." Damit parallel verläuft des Künstlers Wunsch, alles miteinander in Beziehung zu setzen, bis daraus die "Merzsäule" entstehen kann.

Der Gedanke an sie führt zur Verkörperung der Idee vom "Gesamtkunstwerk". In Hannover, das vorwärts strebe, "und zwar ins Unermeßliche" - Schwitters wurde dort geboren - entstand durch viele Jahre hindurch der "Merzbau". Gemerzt mit objets trouvés, überarbeitet mit Holz, Gips und Ölfarbe als "Kathedrale des erotischen (!) Elends".

Das work in progress formierte sich im Atelier in der Waldhausenstraße, 1943 fiel darauf eine Bombe. Es wurde rekonstruiert und ist der Ausstellung jetzt als begehbares Architektur- und Skulptur-Konglomerat eingefügt wie seinerzeit im Museum des 20. Jahrhunderts im Jahr 1983 im Rahmen der von Harald Szeemann konzipierten Vorstellung "Der Hang zum Gesamtkunstwerk" (1973/74 war Schwitters am selben Ort mit einem Werküberblick zu erleben).

Geliebte der 27 Sinne

Jetzt ist es - um das im Kunstforum postierte Gefügte und Collagierte in seiner unmittelbaren Ausstrahlung auf sich einwirken zu lassen - förderlich und notwendig, von Erklärungen, Verweisen, Ab- und Zuleitungen fürs Erste abzusehen. Einfach, mit Anna Blume (einer dichterischen Erfindung des Künstlers, der Geliebten seiner "siebenundzwanzig Sinne") gesprochen, um in Stimmung zu kommen. Und zu erkennen, daß es sich bei Schwitters (auch) um einen Geistesverwandten Christian Morgensterns handelt, was noch keiner angemerkt zu haben scheint.

Ein wenig Vorwissen kann natürlich nicht schaden (es wäre durch einen Blick in den vorzüglichen Katalog zu erwerben). Wichtig aber ist, die Schwitterschen Gebilde ohne Umschweife auch in ihrem Witz auf sich einwirken zu lassen, zu erleben, so wie er sich selbst mit seinen Arbeiten ja stets fort-, vorwärts bewegt hat; mitunter freilich auch wieder zurück. In Norwegen vor allem, seinem Exil vor dem englischen, wo er plötzlich Landschaften, Porträts (mußte man die zeigen?) zu malen begann. Carola Giedion-Welcker sprach einst von "Realitäts- und Kitscheinbrüchen".

Ständig befand er sich - wie deutlich zu sehen ist - auf dem Weg, hatte er es mit "Verschiebungen" zu tun (nach einem 1930 entstandenen Bild, das Poliakoff antizipiert). Auch mit einem latent veränderndem Aufbrechen des Vermixten, Verkochten, Verschwitterten auf wechselnden Tonleitern wie in der Collage "Doremifasolasido" (1930). - Kunsthistorischen Einkapselungsunternehmen entzieht sich der Einzelgänger, und sein Einfluß auf Nachgeborene war groß - nicht nur auf ein paar ihm gegenüber abfallende, eingeschleuste Adepten - unter ihnen allerdings Gerhard Rühm, der 1976 über den Wortkünstler Schwitters schrieb. Das war in einem Katalog der Galerie Klewan mit zwölf Collagen. Eine von ihnen findet sich jetzt als Leihgabe unter anderen auch aus österreichischem Privatbesitz wieder, neben oft noch nie publizierten Arbeiten. Insgesamt eine wunderbar anregende Ausstellung mit großem begleitendem Aufgebot und vielen Kapriolen.

Bis 16. Juni, tägl. 10 - 19, Fr bis 21 Uhr. Führung für "Presse"-Club-Mitglieder 18. 4. Info: 01-51414-555.



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