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Kunstberichte

Warum fasziniert uns ein Musikgenie? Das Jüdische Museum beschäftigt sich damit in der Schau "Mahleriana"

Alle lieben Gustav Mahler – aber warum?

Gustav Mahler:

Gustav Mahler: "Meine Zeit wird erst kommen", in einer Aufnahme aus 1892. jmw

Gustav Mahler:

Gustav Mahler: "Meine Zeit wird erst kommen", in einer Aufnahme aus 1892. jmw

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Wahrscheinlich war es die kongeniale Mischung: Rodin als umstrittener, aber prominentester Bildhauer Europas modellierte 1909 den Kopf des Komponisten Mahler in Paris.

Der nach dem Leben gefertigten Terrakottabüste folgte ein Bronzeabguss, der im Schwindfoyer der Oper in Wien aufgestellt wurde. Die Nationalsozialisten haben diesen Kopf eingeschmolzen, heute stehen 2 von über 50 Nachgüssen wieder in dem Haus, in dem Mahler von 1897 bis 1907 Direktor war; der ehemalige Gobelinsaal der Wiener Staatsoper trägt heute seinen Namen.

Mahler-Starkult

In den 1970er Jahren dirigierte Leonard Bernstein im Musikverein Mahler-Symphonien: das Publikum feierte beide enthusiastisch – der Mahler-Starkult erlebte auch durch Filme von Visconti, der besonders in "Tod in Venedig" unentwegt das Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie spielte, besondere Blüten.

Vom Werden einer Ikone

Es war daher höchst an der Zeit, dass sich eine Ausstellung mit der sogenannten "Mahleriana", mit dem Werden einer Ikone auseinandersetzt. Das Jüdische Museum Wien kommt dieser Aufgabe nun verdienstvoll nach. Die Schau ist noch bis 8. Jänner zu sehen.

Chronologisch werden Mahlers wesentliche Wirkungsstätten in Hamburg, Wien und New York nachgezeichnet.

Aber auch die drei von der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft (IGMG) geretteten "Komponierhäuschen" am Attersee, Wörthersee und in Toblach (Südtirol), sind in der Ausstellung nachgebaut und führen mit den dazugehörigen Dokumenten und Fotos ein kurzes, aber intensives Leben vor – Gustav Mahler ist 1860 in Kalischt in der heutigen Tschechischen Republik geboren und stirbt im Alter von 50 Jahren 1911 in Wien.

Der Ausstellungs-Gestalter Thomas Geisler hat die Exponate vor einer Tapete ausgestellt, die Mahlers Konterfei in Punktgröße zum Biedermeiermuster verwandelt. Die Assoziation zu Andy Warhols Plakat-Kunst liegt nahe, auch Ansteck-Button und CD-Aufdrucke am Cover des Kataloges verstärken diesen Eindruck.

Unveröffentlichtes

Auf den CDs sind bis jetzt unveröffentlichte historische Aufnahmen zu hören, ein Audioguide lässt die Musik zu den jeweiligen Zeitabschnitten abrufen. Wer aber wirklich Hören und Genuss verbinden will, kann dies im eigens mit Breitwandbildschirm und Stereoanlage ausgestatteten Hörraum tun.

Neben mehreren Terrakotten und der Bronze, ist auch die Totenmaske und das ebenfalls 1911 von Rodin aus weißem Marmorblock geschlagene Gesicht als Auftakt in der Schau zu sehen.

Es galt seltsamerweise im Musée Rodin lange als Bildnis Mozarts. In Wien hatten Hanak, Behrens und Wotruba vor dem 2. Weltkrieg Denkmalentwürfe für Gustav Mahler geliefert, der Gang der Geschichte verhinderte aber dieses Vorhaben. Auch die vielen Karikaturen, die vom ruhelosen – nach Schönberg "ewig brennenden" – Dirigenten Mahler gezeichnet wurden, zeigen zumindest teilweise die antisemitische Stimmung schon um 1900.

Kritik bleibt außen vor

Neben der Hassliebe der beiden Komponisten dürfen "Almschi" (Alma Mahler-Werfel) und Tochter Anna in mehreren Filmen zu Wort kommen, die Büsten der Bildhauerin sind allerdings leider nur in Fotografien vorhanden. Trotzdem können sich die zu 80 Prozent aus der IGMG stammenden Noten, Fotos, Plakate und Quellenschriften sehen lassen; man hat die Schau aber auch zum 50-Jahr-Jubiläum sozusagen in ein "Denkmal" für alle Beteiligten verwandelt.

Der Komponist war jedenfalls selbstbewusst genug, um Kritik an seiner Musik stets mit einem stoischen "meine Zeit wird erst kommen" zu kommentieren. Aber nicht nur deshalb ist Kritik das im Starkult ohnehin meist Ausgeklammerte.

Was Wer Wo Wie

MAHLERIANA Vom Werden einer Ikone

(Thomas Geisler, 2005)

Jüdisches Museum Wien

Palais Eskeles

1, Dorotheergasse 11

noch bis 8. Jänner 2006

So.–Do.: 10–18 Uhr

Fr.: 10–14 Uhr

Sa.: geschlossen

http://www.jmw.at/

Wohlfeile Mahler-Schau.

Samstag, 01. Oktober 2005


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