MAK Kunstblättersaal: Zeichnerische Arbeiten von Günter Brus
Ein Modell der Befreiung
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Günter Brus: Zurechtweisung des Romantikers (1980, Bleistift auf Papier). Foto: Peter Kasperak/MAK
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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Der bekannte Aktionist und Kunststaatspreisträger Günter Brus wird
heuer siebzig. Im Kunstblättersaal des MAK werden deshalb dreihundert
seiner Zeichnungen, die von 1970 bis etwa 1980 entstanden sind, in der
eng gehängten Schau "Mitternachtsröte" präsentiert. Also Salon- oder
St.-Petersburger-Hängung für einen, der davor als radikaler Gegner der
Museen aufgetreten ist.
Auf die frühe Skandalisierung von Brus’
Aktionen folgte im letzten Jahrzehnt die totale Anerkennung – auch
durch das bürgerliche Publikum. Heute ist die Kunst der sechziger Jahre
museal sanktioniert, das Befreiungsmodell hat die Direktoren erreicht.
Peter Noever ist Generationsgenosse der anerkannten Aktionisten, für
die das Werk – nach Friedrich Nietzsche – ein Kampfplatz war. Jetzt
geben die Soldaten der Avantgarde im Museum den unsichtbaren Gegnern
Kontra.
In Sachen Brus ist es ein doppelter Anachronismus. Die
sprichwörtlichen Eulen, die da meist mit Buntstift auf Papier gebannt
wurden, sollten eigentlich ihr Athen in der Albertina finden, wo aber
die Zeichnung nur noch neben der Malerei zuweilen zweitrangig zu Hause
ist. Welche Direktoren in Wien arbeiten eigentlich nach Auftrag bezogen
auf die Inhalte ihrer Museen? Richtig: die von der Kunstministerin
ungeliebten. Der Aktionismus und die narzisstische Strahlung sowie der
tägliche Ungehorsam hat auch die Kunstpolitik erfasst.
Außerhalb der Vernunft
Sind also die Museen wie die fantasievollen Erfindungen von Brus
Orte außerhalb der Vernunft? Für das Publikum wird der dramatische
Künstlertypus in der Nachfolge Richard Wagners jedenfalls künstlich am
Leben gehalten. Egal wie eurozentristisch er auch sein möge.
Nach der am Rande der Selbstzerstörung abgelaufenen "Zerreißprobe"
1970 hat Brus das revolutionäre Kunstmodell gegen das Zeichnen
getauscht. Bis heute fließen seine Zornausbrüche gegen das
Establishment in Bild-Dichtungen ein – auch als Illustrationen in
Zeitungen, die er an seinem Exil Berlin herausgab.
Achille Bonito Oliva, italienischer Kunstpapst der Aktionsszene,
spricht von Metasprache des heldenhaften Künstlers – die Romantik
bleibt lebendig. Mit ihr klopfen Francisco Goya, William Blake, Edvard
Munch, Alfred Kubin und andere an unser kunsthistorisches Gedächtnis.
Die "Schastrommel" oder die Mappe "Irrwisch" sind die heutigen
Klassiker der Nachmoderne am Kunstmarkt.
Mit Brus zeigt uns der Wiener Aktionismus klar seine
tiefenpsychologische Seite, und nicht selten kommen auch Ritter und
Frauen mit Schlangen der Jahrhundertwende wie kleine, bunte Rülpser
wieder an die Oberfläche. Jeder Befreiungsschlag ist gleichzeitig ein
Herbarium männlicher Sexualängste: "Vorsicht Visionsgefahr" schreibt
Brus in den fragmentarischen "Abbruch der Beziehungen zum Ich". Doch
sagte schon der alte Goya 1828 im französischen Exil in einer seiner
letzten Zeichnungen: "Immer noch lerne ich."
Ausstellung
Günter Brus.
Mitternachtsröte Kathrin Pokorny-Nagel (Kuratorin) MAK Kunstblättersaal Zu sehen bis 25. Jan. 2009
Dienstag, 30. September 2008
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