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Corinne l. Rusch: Irgendwie seltsam

27.10.2010 | 18:00 | von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Die quirlige Fotokünstlerin Corinne l. Rusch erzählt mit ihren Arbeiten gerne Geschichten. Die fallen meist ungewöhnlich und auch ein bisschen morbid aus.

rauenleiber, die unter einem Berg von Fellen, Trophäen, präparierten Köpfen und  Hinterteilen begraben scheinen. Elegante Damen, die zwischen ausgestopften Eisbären, Widdern, Pinguinen, Tigern, Löwen und anderem Getier wie am Laufsteg posieren. Ein Fräulein im Pelzmantel, das sich im mondänen Ambiente einer Hotellobby aus einer Sitzgruppe zu drehen scheint. Eine junge Frau, die sich, das Queue im Anschlag, über einen Billardtisch beugt. Ein Mädchen in Goldschuhen und Glitzerkleid, mit leicht gespreizten Beinen auf einer Tapetenbahn liegend, neben sich eine Farblache, darauf abgenagte Knöchelchen, ein Lichtstrahl. Oder zwei Halbwüchsige, die am dunklen Straßenrand kauern, umgeben von einem Polizisten auf der linken Seite und seinem Motorrad zur Rechten.

Perfekt inszeniert

Es sind Arbeiten aus unterschiedlichen Serien – eine über alpine Grand-Hotels, eine andere über die Natur und ihre Metaphern, eine über den alltäglichen Terror. Alle sind sie in den letzten Jahren entstanden, in denen die Schweizerin mit guatemaltekischen Wurzeln, die 1996 zum Studium nach Wien gekommen ist, verstärkt in der Fotoszene auf sich aufmerksam gemacht hat. Es ist eine Bilderwelt, die üppig, wuchernd, rätselhaft, aufgeladen und unheimlich ist. Perfekt inszeniert, zieht sie einen mit ihrer Gratwanderung zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit in den Bann und strahlt einen fast magischen Zauber aus. Dämmerung und Dunkelheit spielen darin ebenso eine Rolle wie grelles Scheinwerferlicht.

Vollgestopft mit diesen Eindrücken geht es durchs trotz Mittagszeit düstere Treppenhaus hinauf in den obersten Stock. Nimmt’s Wunder, dass sich in diesen Gedankenpulk hinein der einzige aus einer schmal geöffneten Tür herausbrechende Lichtstrahl als Wegweiser anbietet? Und dass später beim Interview direkt aus dem Küchentisch ein fast unablässiges Knarzen kommt und das Notebook, als Rusch es hervorholt, um Bildmaterialien auszuheben, wie ein Frosch quakt? Nun, just diese Effekte hat die quirlige Schweizerin gerade nicht inszeniert. Aber ansonsten überlässt die studierte Bühnenbildnerin wenig dem Zufall. So tauchen in der kleinen Künstlerwohnung hinter dem Westbahnhof, in der alles seinen wohlüberlegten Platz hat, immer wieder auch unvermutet Requisiten auf wie etwa ein überm Bett neben einer Waschbärentrophäe montiertes Hinterteil eines Rehkitzes.

Fast barock

In einer anderen Ecke des Zimmers stehen fein säuberlich in Luftpolsterfolie gepackt etliche gerahmte Fotografien. Die Arbeiten sind groß, aber nicht überdimensioniert, jede der meist querformatigen Arbeit wird in eben der Größe ausgearbeitet, die nötig ist, um die Information zu transportieren. Dadurch, dass Rusch jeden Quadratzentimeter sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich Farbigkeit, Komposition und Lichtführung durchgestaltet, kommen manche von ihnen wie Reinszenierungen barocker Gemälde daher. Jedes erzählt eine eigene, stets irgendwie seltsame Geschichte.

Woher dieser Drang zum Erzählerischen kommt, der sich in Ausstellungen in Form einer Gesamtinszenierung niederschlägt? „Ich habe immer schon gern inszeniert und mit Texten gearbeitet“, sagt sie. Das ist auch der hauptsächliche Grund, warum Corinne L. Rusch, die sich seit ihrem zwölften Lebensjahr mit Fotografie beschäftigt, nach zwei Jahren in Zürich nach Wien gewechselt ist, um dort bei Bernhard Kleber Bühnenbild zu studieren. „Ich hätte schon gern Fotografie studiert und ich habe mich auch umgesehen. Aber es gab keine Schule, die mich wirklich angezogen hätte“, sagt sie. „In der Bühnenbildklasse hatten wir hingegen viele Möglichkeiten, die gestellten Aufgaben frei zu lösen. So habe ich mein Interesse an Inszenierungen und Texten vor allem im Medium Fotografie umgesetzt.“

Dafür betreibt sie auch für jede einzelne ihrer mittels Mittelformatkamera analog hergestellten Fotografien einen Aufwand, der der Erarbeitung einer Szene gleichkommt. Die Inspiration nimmt sie indirekt aus der Literatur und aus Filmen, vor allem aber aus ihren Träumen. Die Aufnahmen selbst entstehen meist an Originalschauplätzen, manche Serien finden eine Fortsetzung im Studio, bisweilen wird auch das Studio als Schauplatz thematisiert. „Die Suche nach einer Location ist teilweise eine Riesenrecherche, aber dann weiß ich meist auch schon die Geschichte. Danach mache ich ein Storyboard und überlege mir: Welche Requisiten brauche ich? Wo stehe ich? Wo steht das Model?“ Das ist ein Prozess, der nicht selten viele Monate in Anspruch nimmt. Die Bilder einer Serie, für die sie teils mit Laienmodels arbeitet, teils selbst modelt, haben zwar inhaltlich einen Zusammenhang, aber ansonsten nichts weiter miteinander zu tun. „Ich sehe sie eher wie Frames aus einem Film“, sagt Corinne L. Rusch.

Dass ihren Bildern, die immer auch von Verlorenheit und Einsamkeit erzählen, auch eine gewisse Morbidität eingeschrieben ist, weiß sie: „Meine Bilder sollen aber nicht nur morbid sein. Diese Grand-Hotels in den Schweizer Bergen etwa, die selbst so viel Geschichte und Geschichten in sich tragen, sind Paläste in einer kargen Landschaft, die brutal und schön zugleich ist. Mit meinen Bildern will ich auch diese Schönheit vermitteln.“


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