rauenleiber, die unter einem Berg von Fellen, Trophäen, präparierten Köpfen und Hinterteilen begraben scheinen. Elegante Damen, die zwischen ausgestopften Eisbären, Widdern, Pinguinen, Tigern, Löwen und anderem Getier wie am Laufsteg posieren. Ein Fräulein im Pelzmantel, das sich im mondänen Ambiente einer Hotellobby aus einer Sitzgruppe zu drehen scheint. Eine junge Frau, die sich, das Queue im Anschlag, über einen Billardtisch beugt. Ein Mädchen in Goldschuhen und Glitzerkleid, mit leicht gespreizten Beinen auf einer Tapetenbahn liegend, neben sich eine Farblache, darauf abgenagte Knöchelchen, ein Lichtstrahl. Oder zwei Halbwüchsige, die am dunklen Straßenrand kauern, umgeben von einem Polizisten auf der linken Seite und seinem Motorrad zur Rechten.
Perfekt inszeniert
Es sind Arbeiten aus unterschiedlichen Serien – eine über alpine
Grand-Hotels, eine andere über die Natur und ihre Metaphern, eine über
den alltäglichen Terror. Alle sind sie in den letzten Jahren
entstanden, in denen die Schweizerin mit guatemaltekischen Wurzeln, die
1996 zum Studium nach Wien gekommen ist, verstärkt in der Fotoszene auf
sich aufmerksam gemacht hat. Es ist eine Bilderwelt, die üppig,
wuchernd, rätselhaft, aufgeladen und unheimlich ist. Perfekt
inszeniert, zieht sie einen mit ihrer Gratwanderung zwischen
Natürlichkeit und Künstlichkeit in den Bann und strahlt einen fast
magischen Zauber aus. Dämmerung und Dunkelheit spielen darin ebenso
eine Rolle wie grelles Scheinwerferlicht.
Vollgestopft mit
diesen Eindrücken geht es durchs trotz Mittagszeit düstere Treppenhaus
hinauf in den obersten Stock. Nimmt’s Wunder, dass sich in diesen
Gedankenpulk hinein der einzige aus einer schmal geöffneten Tür
herausbrechende Lichtstrahl als Wegweiser anbietet? Und dass später
beim Interview direkt aus dem Küchentisch ein fast unablässiges Knarzen
kommt und das Notebook, als Rusch es hervorholt, um Bildmaterialien
auszuheben, wie ein Frosch quakt? Nun, just diese Effekte hat die
quirlige Schweizerin gerade nicht inszeniert. Aber ansonsten überlässt
die studierte Bühnenbildnerin wenig dem Zufall. So tauchen in der
kleinen Künstlerwohnung hinter dem Westbahnhof, in der alles seinen
wohlüberlegten Platz hat, immer wieder auch unvermutet Requisiten auf
wie etwa ein überm Bett neben einer Waschbärentrophäe montiertes
Hinterteil eines Rehkitzes.
Fast barock
In einer anderen Ecke des Zimmers stehen fein säuberlich in
Luftpolsterfolie gepackt etliche gerahmte Fotografien. Die Arbeiten
sind groß, aber nicht überdimensioniert, jede der meist querformatigen
Arbeit wird in eben der Größe ausgearbeitet, die nötig ist, um die
Information zu transportieren. Dadurch, dass Rusch jeden
Quadratzentimeter sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich Farbigkeit,
Komposition und Lichtführung durchgestaltet, kommen manche von ihnen
wie Reinszenierungen barocker Gemälde daher. Jedes erzählt eine eigene,
stets irgendwie seltsame Geschichte.
Woher dieser Drang zum
Erzählerischen kommt, der sich in Ausstellungen in Form einer
Gesamtinszenierung niederschlägt? „Ich habe immer schon gern inszeniert
und mit Texten gearbeitet“, sagt sie. Das ist auch der hauptsächliche
Grund, warum Corinne L. Rusch, die sich seit ihrem zwölften Lebensjahr
mit Fotografie beschäftigt, nach zwei Jahren in Zürich nach Wien
gewechselt ist, um dort bei Bernhard Kleber Bühnenbild zu studieren.
„Ich hätte schon gern Fotografie studiert und ich habe mich auch
umgesehen. Aber es gab keine Schule, die mich wirklich angezogen
hätte“, sagt sie. „In der Bühnenbildklasse hatten wir hingegen viele
Möglichkeiten, die gestellten Aufgaben frei zu lösen. So habe ich mein
Interesse an Inszenierungen und Texten vor allem im Medium Fotografie
umgesetzt.“
Dafür betreibt sie auch für jede einzelne ihrer
mittels Mittelformatkamera analog hergestellten Fotografien einen
Aufwand, der der Erarbeitung einer Szene gleichkommt. Die Inspiration
nimmt sie indirekt aus der Literatur und aus Filmen, vor allem aber aus
ihren Träumen. Die Aufnahmen selbst entstehen meist an
Originalschauplätzen, manche Serien finden eine Fortsetzung im Studio,
bisweilen wird auch das Studio als Schauplatz thematisiert. „Die Suche
nach einer Location ist teilweise eine Riesenrecherche, aber dann weiß
ich meist auch schon die Geschichte. Danach mache ich ein Storyboard
und überlege mir: Welche Requisiten brauche ich? Wo stehe ich? Wo steht
das Model?“ Das ist ein Prozess, der nicht selten viele Monate in
Anspruch nimmt. Die Bilder einer Serie, für die sie teils mit
Laienmodels arbeitet, teils selbst modelt, haben zwar inhaltlich einen
Zusammenhang, aber ansonsten nichts weiter miteinander zu tun. „Ich
sehe sie eher wie Frames aus einem Film“, sagt Corinne L. Rusch.
Dass
ihren Bildern, die immer auch von Verlorenheit und Einsamkeit erzählen,
auch eine gewisse Morbidität eingeschrieben ist, weiß sie: „Meine
Bilder sollen aber nicht nur morbid sein. Diese Grand-Hotels in den
Schweizer Bergen etwa, die selbst so viel Geschichte und Geschichten in
sich tragen, sind Paläste in einer kargen Landschaft, die brutal und
schön zugleich ist. Mit meinen Bildern will ich auch diese Schönheit
vermitteln.“
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