Wie
das eben so ist, mit den institutionalisierten Dingen: Sie halten zwar
an Bewährtem fest, dennoch sind Neuerungen unabdingbar. Was die
Viennafair, Wiens wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst, betrifft,
bleibt sie ihrem bei der Gründung geprägten Motto „Focused on CEE“
treu, das sich zwar nur trocken mit „Schwerpunkt Südost- und Osteuropa“
übersetzen lässt, dafür in der Beteiligung von 45 Galerien aus dieser
Region – die gut ein Drittel der 127 Teilnehmer ausmachen – umso
eindrucksvoller zu Buche schlägt. Damit schließen die CEE-Galerien im
Vergleich zu früheren Jahren als zweitgrößte Gruppe rasant zu den
heimischen Galerien auf, die mit 50 Beteiligungen nur mehr um eine
Nasenlänge voranliegen.
Neue Führung. Womit
wir auch schon bei den vielen Novitäten angekommen sind, die das
bewährte Konzept in die Gegenwart heben. Unter neuer Leitung von Hedwig
Saxenhuber und Georg Schöllhammer, Kuratorenduo und
Herausgeber-Doppelspitze der Wiener Kunstzeitschrift „Springerin“, gibt
es 2011 mit Blick auf die Entwicklung der Weltwirtschaftsmärkte eine
Neuorientierung in Richtung „emerging markets“. Zumal die Präsenz der
jungen Istanbuler Kunstszene Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der
Messe hat. So wurde für die Präsentation ihrer Artspaces und Galerien
unter dem Motto „Diyalog“ eine eigene offene Standarchitektur
entwickelt. Das so entstehende Geviert ist dem „Han“ – dem Innenhof der
historischen Karawansereien – nachgebildet. Zusätzlich gibt es noch
eine offene „Recherche-Zone“, in der sich Regionen mit schwachem
Kunstmarkt präsentieren können. Mit den Ausstellungen der Galerien, den
Solopräsentationen junger Künstler, zahlreichen Diskussionen, einer
„PerformanceNite“ und einer performativen Kunstvermittlungsaktion des
renommierten polnischen Künstlers Pawel Althamer verspricht die
Viennafair-Woche auch dieses Jahr ein Hotspot zu sein.
Pariser Bordell
Bernhard Fruehwirth.
Eigentlich hätte Bernhard
Fruehwirth, Steirer des Jahrgangs 1968, auf der Viennafair gerne eine
„größere“ Neon-Arbeit gezeigt. Aber obwohl ihm die gesamte Koje seiner
Wiener Stammgalerie Mezzanin zur Verfügung stand, reichte der Platz
nicht aus. Und so hat Bernhard Fruehwirth auf eine für seine
Verhältnisse kleinformatige Fotoserie umgestellt: „Samthansen“ aus dem
Jahr 2004. Die Serie ist mit versteckter Kamera im Pariser Bois de Boulogne
entstanden und durch ein Negativdruckverfahren ausgearbeitet worden.
„Samthansen“ geht vom lasziven Treiben in diesem wie ein Zeltdorf
strukturierten Outdoor-Bordell aus, wendet dies mit einem
augenzwinkernden Verweis auf die Kunst aber ins Künstliche.
„Diese Zelte aus Planen wirkten wie Minimalskulpturen, die von den
herumschleichenden Spannern so intensiv angestarrt wurden, wie Kunst
sonst nie betrachtet wird“, sagt Fruehwirth. „Sie betrachteten
sozusagen Skulpturen mit biologischem Innenleben.“ Das Leben mit seinen
Unwägbarkeiten spielt auch in vielen seiner Arbeiten eine Rolle, die
ihren Ausgangspunkt oft in performativen Situationen nehmen, ob nun
zufällig oder herbeigeführt. Im Mittelpunkt steht dabei das Sehen –
oder auch nicht: „Was man nicht sieht“, sagt Fruewirth, „interessiert
mich, glaube ich, noch mehr.“
Werke von Bernhard Fruehwirth kosten von 4800 bis 35.000 Euro. Halle A / Stand A0514, galeriemezzanin.com
Pop-Farben-Queen
Anna Ceeh.
In ihrem Lebenslauf steht
„Videokünstlerin, Fotografin, Festival-Organisatorin und
Musiklabel-Managerin“. Tatsächlich lässt sich die im fünften Monat
schwangere Anna Ceeh, gebürtige Russin des Jahrgangs 1974, die es vor
13 Jahren nach Wien verschlagen hat, nicht auf ein Metier festnageln.
Ihre stets in schrille Post-Pop-Generation-Farben getauchten Arbeiten
sind zwischen Sound, Film, Performance, Fotografie, Grafik und Malerei
angesiedelt. Lila, Gelb, Orange, Blitzblau, Neongrün – kein noch so
schriller Farbton, den Ceeh nicht in filmische, grafische oder
performative Experimente einbezieht. Die einzige Konstante ist, dass
sie sich in ihren Arbeiten immer wieder selbst abbildet, ausgestattet
mit verschiedensten Accessoires der Post-Sowjet-Ära: Pelzmützen,
Strümpfen, Kleidern. „Ich arbeite viel mit diesen Accessoires, sie sind
Teil meines Archivs“, sagt Ceeh. „Das erzeugt und verlangt eine
bestimmte Dynamik, der die Farben standhalten müssen. Die analoge
Fotografie reicht hier nicht mehr aus. Daher habe ich angefangen, mit
den Ausdrucken zu experimentieren, und die Chips der Patronen
umprogrammiert.“ Fehler und Zufall feiern da fröhliche Feste. Ganz
pragmatisch, experimentell – und in diesem Sinn auch politisch.
Arbeiten von Anna Ceeh sind von 1000 bis 4500 Euro erhältlich. Halle A / Stand A0404, www.charimgalerie.at
Himmel, Wasser, Mond
Julie Monaco.
Ihre Arbeiten erinnern an
Meeresoberflächen, Wellentäler, Himmelsspektakel, apokalyptische
Szenarien, Mondlandschaften und neuerdings auch an Urwälder oder
sezierte Pflanzen. Allerdings: Einen realen Natur- oder Weltbezug hat
kein einziges der Bilder Julie Monacos. Vielmehr sind sie fast
ausnahmslos aus Bits and Bytes gerechnet, mithin also
computergeneriert. Genau diese Ambivalenz zwischen natürlicher Anmutung
und Wissenschaftlichkeit interessiert die 1973 geborene Wienerin, die
ihr Diplom nach einem „Quer-Durchlauf“ durch die Meisterklassen von
Ernst Caramelle, Michelangelo Pistoletto und Peter Kogler
schlussendlich bei Brigitte Kowanz in medienübergreifender Kunst
gemacht hat. „Meine Arbeit ist ein ständiger Dialog zwischen Analogem
und Digitalem. Diese beiden Pole versuche ich zusammenzubringen. So am
Bild zu arbeiten geht nur anhand von Fraktalen, die es wiederum
ermöglichen, Naturoberflächen zu simulieren. Genau diese Schlaufe hat
mich fasziniert, weil Fraktale selbst in der Natur vorkommen“, erklärt
sie. Erst in ihren neuesten Arbeiten, von denen sie einige auf der
Viennafair zeigt, hat Julie Monaco begonnen, auch die eigene
Handschrift zuzulassen: „Aber nur, um den digitalen Raum zu
erweitern“, wie sie sagt. „Hauptschwerpunkt ist immer das fraktal
generierte Bild.“
Arbeiten von Julie Monaco gibt es um 6000 bis 8000 Euro. Halle A / Stand A0224, www.hilger.at
Zeit und Raum
Sonia Leimer.
Sie ist eine der Durchstarterinnen
der jungen Kunstzene: Von der Bawag-Foundation wurde sie 2010 als
einzige Österreicherin neben internationalen Kalibern wie Phyllida
Barlow und Mike Bouchet gezeigt. Erst vor wenigen Wochen ist sie an der
Art Cologne als „Best of the Best“ mit dem 10.000 Euro dotierten „Audi
Art Award for New Positions“ ausgezeichnet worden: Sonja Leimer, 1977
geborene Italienerin, die in großdimensionierten Installationen ebenso
wie in Fotoserien Themen wie Raum und Zeit und ihr Verhältnis
zueinander verhandelt. Weite und Offenheit sind die entscheidenden
Merkmale ihrer künstlerischen Arbeit. In „Chinese Garden / China Garten
2010“ auf der Viennafair konkretisiert sie diese als „Zeitschichtung“
und setzt anhand fotografischer Detailaufnahmen des Dekors eines in den
1920er-Jahren verkachelten Wiener Ladenlokals – das erst als Metzgerei
und später als Chinalokal fungierte – analytische Schnitte durch
unterschiedliche Zeiten und Kulturen.
Preisrange: 1300 bis 4500 Euro. Halle A / Stand A0212,
www.schwarzwaelder.at
Trauerarbeit
Anna Jermolaewa.
Anna Jermolaewa macht keine
Umschweife: „Ich versuche, in meinen Videos politische Missstände in
Metaphern sichtbar zu machen. Dabei habe ich es gern, wenn man Sachen
auf verschiedenen Ebenen lesen kann – mit Humor und Leichtigkeit.“ Seit
zehn Jahren arbeitet die russische Künstlerin, Jahrgang 1970, mit
Video. „Es ist für mich das schlüssigste Medium, mit dem ich meine
Ideen am besten ausdrücken kann“, sagt Jermolaewa, die bis 1988 als
Aktivistin in Russlands erster demokratischer Partei tätig war. In
diesen Ideen schwingt bei vielen ihrer Arbeiten der Gedanke an die
verlorene Heimat mit, so auch bei ihrer Hauptarbeit für die Viennafair,
wo sie im Rahmen der „Zone 1“ für eine Solopräsentation ausgewählt
wurde. „Fünf-Jahres-Plan“ nennt Jermolaewa diese Skulptur im Raum, und
einem solchen Plan folgen auch einzelne Kapitel des Videos, das im
Grunde beinahe austauschbare Bilder aus einer U-Bahn-Station in St.
Petersburg zeigt, die sich einzig durch Zeitmarker wie Werbung oder
Hintergrundmusik unterscheiden. „Ich habe die Arbeit 1996 begonnen,
2001 und 2006 fortgesetzt und mich zu diesen Aufnahmen verpflichtet, so
lange ich lebe. Es ist eigentlich mein Lebenswerk“, fügt sie hinzu. Ein
Zeitdokument – und wohl auch ein Stück Trauerarbeit.
Ihre Arbeiten kosten zwischen 2000 und 11.000 Euro. Halle A / Stand A0510, kerstinengholm.com
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