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Augen Auf: Junge Kunst

05.05.2011 | 15:29 | von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Sehen, staunen, entdecken. Die siebente Ausgabe der Viennafair bietet auch genügend Junge Kunst. Das „Schaufenster“ hat sich umgesehen.

Wie das eben so ist, mit den institutionalisierten Dingen: Sie halten zwar an Bewährtem fest, dennoch sind Neuerungen unabdingbar. Was die Viennafair, Wiens wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst, betrifft, bleibt sie ihrem bei der Gründung geprägten Motto „Focused on CEE“ treu, das sich zwar nur trocken mit „Schwerpunkt Südost- und Osteuropa“ übersetzen lässt, dafür in der Beteiligung von 45 Galerien aus dieser Region – die gut ein Drittel der 127 Teilnehmer ausmachen – umso eindrucksvoller zu Buche schlägt. Damit schließen die CEE-Galerien im Vergleich zu früheren Jahren als zweitgrößte Gruppe rasant zu den heimischen Galerien auf, die mit 50 Beteiligungen nur mehr um eine Nasenlänge voranliegen.

Neue Führung. Womit wir auch schon bei den vielen Novitäten angekommen sind, die das bewährte Konzept in die Gegenwart heben. Unter neuer Leitung von Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer, Kuratorenduo und Herausgeber-Doppelspitze der Wiener Kunstzeitschrift „Springerin“, gibt es 2011 mit Blick auf die Entwicklung der Weltwirtschaftsmärkte eine Neuorientierung in Richtung „emerging markets“. Zumal die Präsenz der jungen Istanbuler Kunstszene Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Messe hat. So wurde für die Präsentation ihrer Artspaces und Galerien unter dem Motto „Diyalog“ eine eigene offene Standarchitektur entwickelt. Das so entstehende Geviert ist dem „Han“ – dem Innenhof der historischen Karawansereien – nachgebildet. Zusätzlich gibt es noch eine offene „Recherche-Zone“, in der sich Regionen mit schwachem Kunstmarkt präsentieren können. Mit den Ausstellungen der Galerien, den Solopräsentationen junger Künstler, zahlreichen Diskussionen, einer „PerformanceNite“ und einer performativen Kunstvermittlungsaktion des renommierten polnischen Künstlers Pawel Althamer verspricht die Viennafair-Woche auch dieses Jahr ein Hotspot zu sein.

 

Pariser Bordell

Bernhard Fruehwirth.
Eigentlich hätte Bernhard Fruehwirth, Steirer des Jahrgangs 1968, auf der Viennafair gerne eine „größere“ Neon-Arbeit gezeigt. Aber obwohl ihm die gesamte Koje seiner Wiener Stammgalerie Mezzanin zur Verfügung stand, reichte der Platz nicht aus. Und so hat Bernhard Fruehwirth auf eine für seine Verhältnisse kleinformatige Fotoserie umgestellt: „Samthansen“ aus dem Jahr 2004. Die Serie ist mit versteckter Kamera im Pariser Bois de Boulogne entstanden und durch ein Negativdruckverfahren ausgearbeitet worden. „Samthansen“ geht vom lasziven Treiben in diesem wie ein Zeltdorf strukturierten Outdoor-Bordell aus, wendet dies mit einem augenzwinkernden Verweis auf die Kunst aber ins Künstliche.  „Diese Zelte aus Planen wirkten wie Minimalskulpturen, die von den herumschleichenden Spannern so intensiv angestarrt wurden, wie Kunst sonst nie betrachtet wird“, sagt Fruehwirth. „Sie betrachteten sozusagen Skulpturen mit biologischem Innenleben.“ Das Leben mit seinen Unwägbarkeiten spielt auch in vielen seiner Arbeiten eine Rolle, die ihren Ausgangspunkt oft in performativen Situationen nehmen, ob nun zufällig oder herbeigeführt. Im Mittelpunkt steht dabei das Sehen – oder auch nicht: „Was man nicht sieht“, sagt Fruewirth, „interessiert mich, glaube ich, noch mehr.“

Werke von Bernhard Fruehwirth kosten von 4800 bis 35.000 Euro. Halle A / Stand A0514, galeriemezzanin.com

 

Pop-Farben-Queen

Anna Ceeh.
In ihrem Lebenslauf steht „Videokünstlerin, Fotografin, Festival-Organisatorin und Musiklabel-Managerin“. Tatsächlich lässt sich die im fünften Monat schwangere Anna Ceeh, gebürtige Russin des Jahrgangs 1974, die es vor 13 Jahren nach Wien verschlagen hat, nicht auf ein Metier festnageln. Ihre stets in schrille Post-Pop-Generation-Farben getauchten Arbeiten sind zwischen Sound, Film, Performance, Fotografie, Grafik und Malerei angesiedelt. Lila, Gelb, Orange, Blitzblau, Neongrün – kein noch so schriller Farbton, den Ceeh nicht in filmische, grafische oder performative Experimente einbezieht. Die einzige Konstante ist, dass sie sich in ihren Arbeiten immer wieder selbst abbildet, ausgestattet mit verschiedensten Accessoires der Post-Sowjet-Ära: Pelzmützen, Strümpfen, Kleidern. „Ich arbeite viel mit diesen Accessoires, sie sind Teil meines Archivs“, sagt Ceeh. „Das erzeugt und verlangt eine bestimmte Dynamik, der die Farben standhalten müssen. Die analoge Fotografie reicht hier nicht mehr aus. Daher habe ich angefangen, mit den Ausdrucken zu experimentieren, und die Chips der Patronen umprogrammiert.“ Fehler und Zufall feiern da fröhliche Feste. Ganz pragmatisch, experimentell – und in diesem Sinn auch politisch.

Arbeiten von Anna Ceeh sind von 1000 bis 4500 Euro erhältlich. Halle A / Stand A0404, www.charimgalerie.at

 

Himmel, Wasser, Mond

Julie Monaco.
Ihre Arbeiten erinnern an Meeresoberflächen, Wellentäler, Himmelsspektakel, apokalyptische Szenarien, Mondlandschaften und neuerdings auch an Urwälder oder sezierte Pflanzen. Allerdings: Einen realen Natur- oder Weltbezug hat kein einziges der Bilder Julie Monacos. Vielmehr sind sie fast ausnahmslos aus Bits and Bytes gerechnet, mithin also computergeneriert. Genau diese Ambivalenz zwischen natürlicher Anmutung und Wissenschaftlichkeit interessiert die 1973 geborene Wienerin, die ihr Diplom nach einem „Quer-Durchlauf“ durch die Meisterklassen von Ernst Caramelle, Michelangelo Pistoletto und Peter Kogler schlussendlich bei Brigitte Kowanz in medienübergreifender Kunst gemacht hat. „Meine Arbeit ist ein ständiger Dialog zwischen Analogem und Digitalem. Diese beiden Pole versuche ich zusammenzubringen. So am Bild zu arbeiten geht nur anhand von Fraktalen, die es wiederum ermöglichen, Naturoberflächen zu simulieren. Genau diese Schlaufe hat mich fasziniert, weil Fraktale selbst in der Natur vorkommen“, erklärt sie. Erst in ihren neuesten Arbeiten, von denen sie einige auf der Viennafair zeigt, hat Julie Monaco begonnen, auch die eigene Handschrift  zuzulassen: „Aber nur, um den digitalen Raum zu erweitern“, wie sie sagt. „Hauptschwerpunkt ist immer das fraktal generierte Bild.“

Arbeiten von Julie Monaco gibt es um 6000 bis 8000 Euro. Halle A / Stand A0224, www.hilger.at

 

Zeit und Raum

Sonia Leimer.
Sie ist eine der Durchstarterinnen der jungen Kunstzene: Von der Bawag-Foundation wurde sie 2010 als einzige Österreicherin neben internationalen Kalibern wie Phyllida Barlow und Mike Bouchet gezeigt. Erst vor wenigen Wochen ist sie an der Art Cologne als „Best of the Best“ mit dem 10.000 Euro dotierten „Audi Art Award for New Positions“ ausgezeichnet worden: Sonja Leimer, 1977 geborene Italienerin, die in großdimensionierten Installationen ebenso wie in Fotoserien Themen wie Raum und Zeit und ihr Verhältnis zueinander verhandelt. Weite und Offenheit sind die entscheidenden Merkmale ihrer künstlerischen Arbeit. In „Chinese Garden / China Garten 2010“ auf der Viennafair konkretisiert sie diese als „Zeitschichtung“ und setzt anhand fotografischer Detailaufnahmen des Dekors eines in den 1920er-Jahren verkachelten Wiener Ladenlokals – das erst als Metzgerei und später als Chinalokal fungierte – analytische Schnitte durch unterschiedliche Zeiten und Kulturen.

Preisrange: 1300 bis 4500 Euro. Halle A / Stand A0212,
www.schwarzwaelder.at

 

Trauerarbeit

Anna Jermolaewa.
Anna Jermolaewa macht keine Umschweife: „Ich versuche, in meinen Videos politische Missstände in Metaphern sichtbar zu machen. Dabei habe ich es gern, wenn man Sachen auf verschiedenen Ebenen lesen kann – mit Humor und Leichtigkeit.“ Seit zehn Jahren arbeitet die russische Künstlerin, Jahrgang 1970, mit Video. „Es ist für mich das schlüssigste Medium, mit dem ich meine Ideen am besten ausdrücken kann“, sagt Jermolaewa, die bis 1988 als Aktivistin in Russlands erster demokratischer Partei tätig war. In diesen Ideen schwingt bei vielen ihrer Arbeiten der Gedanke an die verlorene Heimat mit, so auch bei ihrer Hauptarbeit für die Viennafair, wo sie im Rahmen der „Zone 1“ für eine Solopräsentation ausgewählt wurde. „Fünf-Jahres-Plan“ nennt Jermolaewa diese Skulptur im Raum, und einem solchen Plan folgen auch einzelne Kapitel des Videos, das im Grunde beinahe austauschbare Bilder aus einer U-Bahn-Station in St. Petersburg zeigt, die sich einzig durch Zeitmarker wie Werbung oder Hintergrundmusik unterscheiden. „Ich habe die Arbeit 1996 begonnen, 2001 und 2006 fortgesetzt und mich zu diesen Aufnahmen verpflichtet, so lange ich lebe. Es ist eigentlich mein Lebenswerk“, fügt sie hinzu. Ein Zeitdokument – und wohl auch ein Stück Trauerarbeit.

Ihre Arbeiten kosten zwischen 2000 und 11.000 Euro. Halle A / Stand A0510, kerstinengholm.com

 


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