1989 zeigte das MAK erstmals in
Österreich eine große Werkschau des italienischen Stararchitekten Carlo
Scarpa. Der 1906 in Venedig geborene Architekt, der 1978 in Japan an den
Folgen eines Unfalls starb, arbeitete eng mit der Kunsttischlerei Giovanni
Anfodilio zusammen.
Nun gelang es Peter Noever, das Archiv der venezianischen Werkstatt zu
erwerben. Modelle und Zeichnungen der 30 Jahre dauernden Zusammenarbeit
sind daher jetzt in der Wiener Ausstellung zu sehen.
Manischer Zeichner
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| Carlo Scarpa / ©Bild:
MAK |
"Ich will die Dinge sehen, nur darauf kann ich mich verlassen ... Die
Dinge zeigen sich mir bloß, wenn ich zeichne", meinte Carlo Scarpa einmal
zu seiner Entwurfswut. Scarpa verstand sich zwar als Architekt, hatte aber
in seinen Anfangsjahren Schwierigkeiten, als solcher anerkannt zu werden.
Sein Gesuch um Aufnahme in das Register der Architekten wurde auf Grund
mangelnder Berufserfahrung abgelehnt. Seit 1952 arbeitete er als Assistent
an der neuen Architekturfakultät der Universität Venedig.
Die menschliche Figur
Scarpa entwarf neben Glasobjekten für Murano auch Möbel. In diesen
Entwurfszeichnungen tauchen auch immer Köpfe von Personen - meist seiner
Familie - auf. Offenbar nahm Scarpa immer wieder Maß an der menschlichen
Figur.
Mit dieser Methode schloss er an Architekturzeichnungen in Italien seit
der Renaissance an. Seit dem 15. Jahrhundert wurden diese Paramenter durch
die Neuentdeckung des römischen Architekten Marcus Vitruvius Pollio weiter
tradiert. Pollio übersetzte Proportionen des menschlichen Körper in
Architekturdetails.
Die Moderne
Die Auffassung von Gebäuden als Organismus steht Scarpas Idee von
Architektur als lebendiges, offenes System nahe. Gleichzeitig begab sich
Scarpa damit in die Fußstapfen der Moderne. Als Beispiele dafür sind die
Stützbauweise der Villa Tugendhart oder des Barcelona-Pavillons von Mies
van der Rohe zu nennen.
Er studierte eingehend die Bauweise des Amerikaners Frank Lloyd Wright,
die seit der Veröffentlichung der Pläne für das Chicagoer Robie-Haus in
Europa erst in den 50er Jahren bekannt war. Bei seinem Besuch der Schule
Frank Lloyd Wrights in Taliesin/Arizona entdeckte Scarpa, dass seine
finalen Lösungen andere waren als jene Wrights. Und dies, obwohl er von
ähnlichen Fragestellungen ausgegangen war.
Angewandtes Wissen
Scarpa war wohl einer der letzten und wenigen Architekten, denen ein
umfangreiches architektonisches und auch malerisches Wissen zur Verfügung
stand.
Die Lichtregie in Andrea Palladios Villen war ihm geläufig und floss in
die Gestaltung des Erweiterungsbaus der Gipsoteca Canovia in Possagno 1957
ein. Auch in der Zusammenarbeit mit der Werkstatt Anfodilio war Scarpa
immer bereit, von den Handwerkern zu lernen und auf ihre Fähigkeiten der
Materialbearbeitung einzugehen.