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Kunstberichte

Quer durch die Galerien

Autos würden Becel tanken

Was sollen die Kinder auf der Alm denn nehmen, wenn sie Burgen bauen wollen wie die Kinder am Meeresstrand? Zum Glück gibt’s Kühe. Tirolerhaus in der Kuhflade von Erwin Wurm. Galerie Krinzinger

Was sollen die Kinder auf der Alm denn nehmen, wenn sie Burgen bauen wollen wie die Kinder am Meeresstrand? Zum Glück gibt’s Kühe. Tirolerhaus in der Kuhflade von Erwin Wurm. Galerie Krinzinger

Von Claudia Aigner

Man kennt ja diese dramatischen Reanimationsversuche. Auf offener Straße schreit einer verzweifelt: „Sanitäter!“, weil ein andrer keine Vitalfunktionen mehr zeigt (also nicht brummt und hinten kommt auch keine wohlig warme Flatulenz mehr raus) und einfach nicht anspringen will. Panik, Ratlosigkeit.

Dann kommt plötzlich einer aus der Menge geprescht, der einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hat, kommt mit dem Elektroschockgerät herbeigeeilt, das jeder Autofahrer immer dabeihat (mit einer Autobatterie also), legt beherzt die inneren Organe von dem Lebenszeichenlosen frei, zwickt in eines davon mit den Polzangen von seinem Starterkabel hinein, der Erste-Hilfe-Held warnt die Schaulustigen wie in der Notaufnahme-Blut-und-Röchel-Serie „Emergency Room“: „Zurücktreten!“, und dann schockt er den Patienten in den fließenden Verkehr zurück. Die Umstehenden klatschen begeistert, der Retter verbeugt sich und deckt die Innereien des Geretteten wieder zu (schließt die Motorhaube). Und der Auspuff furzt auch schon wieder munter, verbreitet den vertrauten Geruch der Straße.

Galerie Krinzinger: Körperfett im Straßenverkehr

Den Autos vom Erwin Wurm passiert das sicher häufiger. Ich glaub’, der fährt mit ihnen zum McDonald’s zum Tanken und stopft ihnen drei Big Macs, fünf Hamburger Royal mit Käse und ein Happy Meal beim Tank hinein, weil er sich denkt: „Big Mac oder Benzin, fettig ist fettig“, oder weil er die Bezeichnung „McDrive“ immer als Tankstelle missversteht und meint, dass die Autos halt ihre Ernährung umgestellt haben und jetzt Burger essen. Kurz: Er verwechselt Ronald McDonald mit einem Tankwart. (Na ja, eine Tankstelle, also das für Kraftfahrzeuge zugelassene Fast-Drink-Restaurant, ist ja eh irgendwie ein Drive-in.)

Die Folge: Die Pkws sind fettleibig. Die sind nicht mehr so wendig beim Überholen und stehen laut Statistik öfter auf dem Pannenstreifen und haben eine geringere Kilometererwartung, soll heißen: Am Ende wird auf ihrem Kilometerzähler eine niedrigere Zahl stehen als bei den schnittigeren Exemplaren. Weil sie Kandidaten für einen Motorinfarkt sind.

Aber die Autos haben immerhin keine Zellulitis

Dafür sind die Sitze aufgebläht wie fanatische Airbags und das Nummernschild ertrinkt in der Korpulenz. Ja, ab wann ist denn ein Auto übergewichtig? Wenn der Anteil der Knautschzone am gesamten Körpergewicht erheblich über dem Durchschnitt liegt. (Das ist beim Menschen ja genauso. Seine Knautschzone, nämlich der leicht verformbare Körperteil, ist der Bauch, der bei einem Frontalzusammenstoß mit einem anderen Passanten die Wucht des Aufpralls mindert – für den, der den Bauch hat.)

Ein Modell von so einem „Fat Car“, das an den Treffen der Selbsthilfegruppe „Adipositas im Straßenverkehr“ teilnehmen könnte (und das jetzt langsam auf Becel oder wenigstens erdölarmes, fettreduziertes Benzin umsteigen sollte), parkt bei der Krinzinger auf dem Gabentisch. Aber eigentlich geht es um Häuser. Aus dem Haus Moller von Adolf Loos (und das hat wirklich kein Gramm zu viel, weil der Loos das Gewicht von sämtlichen Ornamenten eingespart hat und überhaupt auf die funktionale Figur seiner Häuser geachtet hat) macht der Wurm ein „Haus Mollig“, eine barock quellende Masse, die man nicht mehr als Babyspeck beschönigen kann. Als hätte Rubens es gebaut. („Helene Fourment, als Bauwerk interpretiert“ – oder so.)

Gut, Bewegungsmangel ist ein Risikofaktor für Übergewicht. Und eine Immobilie lungert eben sportlos in der Gegend herum. Ohne Mobilität. Aber müssten da nicht mehr Gebäude . . .? Das fragt sich auch ein üppig speckiges Häuschen in einem Video, das zur Selbsterkenntnis gelangt, dass Beleibtheit für Häuser nicht vorgesehen ist und deshalb Korpulenz eventuell das ist, was man Kunst nennt. Ich vermute ja, dass der Wurm, an dem ich seine konsequent originelle Fantasie schätze, ein Deformitätsfetischist ist und eine sadistische Lust an der kreativen Verunstaltung hat.

Der hat sich sicher an einem Kuhhintern inspiriert

Das Guggenheim wiederum lässt er schmelzen. Das schwimmt schon auf seiner Soße. Wie das Tirolerhäuschen, das sich rustikal aus einer Kuhflade erhebt, als wär’s die Vision einer Schmeißfliege, der der Traum vom Eigenheim im braunen Naturprodukt auf der Alm erscheint. Eine Hütte im Heimatstil, wie von einem „Kackitekten“ hingesetzt, der sich an einem Kuhhintern inspiriert hat. Oder will uns der Wurm damit sagen, dass sich Häuser am Land verbreiten wie die Kuhfladen (ein Umstand, der als Zersiedelung bezeichnet wird) und das Landschaftsbild durch planlose Verdauung äh: Verbauung ruiniert wird? Oder will er Kinder dazu anregen, aus alternativen Materialien, nicht immer bloß aus Sand, kühne Burgen zu errichten?

Galerie Knoll: Wasserfarben unterm Gefrierpunkt

Sarah, Hannah, Otto usw. Der Knoll ist voll. Mit Namen. Ein paar hat Wilhelm Scherübl mit Neonröhren etwas sperrig in die Galerie hineingeschrieben. An den Wänden hat er in den Listen von Künstlern auf Einladungskarten die Nachnamen gestrichen, die den Menschen ins Telefonbuch und den Künstler in die Kunstgeschichte einordnen. Und von einem Zeitungsartikel hat er nur Sigmar, Butz und die andern übriggelassen. Die sind da jetzt verteilt wie Touristen auf dem Stephansplatz außerhalb der Saison. Oder bei der Familienaufstellung.
Mehr beeindruckt als die konzeptuellen Menschenansammlungen haben mich die „Minusaquarelle“ (könnten auch Unter-Null-Bilder heißen), wo Scherübl den Winter (den echten, nicht den, wo die Erbsen von Iglo Winterschlaf halten, im Gefrierfach) dazu anstiftet, seine Aquarelle fertig zu malen. Eingefärbte, nasse Blätter legt er in die Kälte, bis spannungsreich beschauliche Landschaftsbilder von erstaunlich sensibler Dichte herauskommen.

Quer durch die Galerien

Galerie Krinzinger

(Seilerstätte 16)

Erwin Wurm. "Am I a House?"

Bis 29. Oktober

Di. bis Fr. 12 Uhr bis 18 Uhr

Sa. 11 Uhr bis 16 Uhr

Galerie Knoll

(Gumpendorfer Straße 18)

Wilhelm Scherübl. Sarah Hannah Otto Eva Jean Tony Noah .

Bis 29. Oktober

Di. bis Fr. 14 Uhr bis 19 Uhr

Sa. 11 Uhr bis 15 Uhr

Freitag, 30. September 2005


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