Das MAK widmet sich in seiner Schausammlung Walter Pichler

Vom Schmerzbett und anderen Befindlichkeiten


Ein Figurenpark im MAK auf der Suche nach Perfektion: der "Herumsteher", die "Zusammengesetzte Figur" (Kopf von Dieter Roth), die "Bewegliche Figur mit Organzakleid", "Kleiner Rumpf" und "Rumpf" (von links nach rechts).

Ein Figurenpark im MAK auf der Suche nach Perfektion: der "Herumsteher", die "Zusammengesetzte Figur" (Kopf von Dieter Roth), die "Bewegliche Figur mit Organzakleid", "Kleiner Rumpf" und "Rumpf" (von links nach rechts). Ein Figurenpark im MAK auf der Suche nach Perfektion: der "Herumsteher", die "Zusammengesetzte Figur" (Kopf von Dieter Roth), die "Bewegliche Figur mit Organzakleid", "Kleiner Rumpf" und "Rumpf" (von links nach rechts).

Sie wird die letzte in der Reihe der "Fokus"-Ausstellungen des MAK sein - und sie ist Walter Pichler gewidmet, dem zwischen den Künsten seit den 60er Jahren arbeitenden Plastiker und Zeichner. Pichlers Umfeld in den 60ern waren Hans Hollein und Raimund Abraham, doch auch Themen der Wiener Aktionisten wie Schmerz und Gesamtkunstwerk stand er nahe.

Die legendären utopischen Modelle für eine ins All und in die neuen Medien abhebende Menschheit, der "TV Helm" und sein Fauteuil "Galaxy", sind zwar nicht zu sehen, aber für die Schau im MAK hat der Künstler sogar frühe Figuren aus ihren von ihm konzipierten Skulpturenhäusern in St. Martin an der Raab vorübergehend abgezogen.

Mensch, Möbel und Architektur verwachsen
Es ist einerseits eine sehr österreichische Position, obwohl Pichler aus Südtirol nach Wien an die Angewandte zum Studium kam. Ähnlich Bruno Gironcoli hat er, nicht mehr von der Bildhauerei kommend, sondern vom Design, das plastische Gestalten hierzulande einer Reform unterzogen. Andererseits war damals die Idee für einen mit dem Möbel und der Architektur eng verwachsenden Menschen so international wie innovativ: Sie platzierte ihn früh zwischen die Künste.

Seine Skulpturen hält er meist vor dem Kunstmarkt zurück und umbaute die Torsi "Rumpf" und "Kleinen Rumpf" und die "Bewegliche Figur" der 80er Jahre mit an ihre Größe angepassten Häusern, die zum eigenen Museumsdorf anwuchsen. Als Grafiker für einen bekannten Verlag konnte er es sich sogar leisten, auch für seine sensiblen Zeichnungen und Modelle die Käufer selbst auszuwählen. Für eine Ausstellung mit Hans Hollein hat Pichler schon 1963 in der Galerie nächst St. Stephan das Bekenntnis zur neuen Architektur als Manifest verfasst; für das erneuerte MAK von Ex-Direktor Peter Noever trug er 1990 das "Tor zum Garten" bei, das er 2003 adaptierte.

Pichler ist ein langsam und penibel arbeitender Künstler, der vom Weltall und Space-Modell ins Zeitlose wechselte. Als Beiträge der späten 90er Jahre hängen drei große, teils ruderartige Stäbe im Aufgang zur Schau: Dieses Skulpturen-Ensemble soll noch heuer in ein Architekturprojekt einer unterirdischen Kunstkammer eingehängt werden. Bei seinem Wunsch nach Vollendung und dem Spiel mit der ständigen Suche danach bleiben eigentlich nur Achse und Symmetrie statische Momente seiner Kunst; die Figuren, die in den Skizzen seine Modelle bewohnen, sind sehr aufgelöste, zerbrechliche Hüllen - ein Gegensatz wie in der Arte povera, den er auch im Bekleiden mancher Skulptur verstärkt.

Weniger minimalistisch als freundschaftlich ist Pichlers Zusammenarbeit mit Dieter Roth in der "Zusammengesetzten Figur": Obwohl der Kopf von Roth stammt, trägt er die Züge Pichlers. Dessen Werk ist freilich stets autobiografisch aufgeladen: Die Schmerzbetten aus Glas und Metall zeigen das ebenso wie die Schädeldecken-Architekturen aus verschiedenen Materialien. Modelle sind es, die Parallelen erkennen lassen zu anderen Künstlern der aus der Vorkriegszeit stammenden Generation: zu den Aktionisten, Hollein und Gironcoli, auch Noever oder Coop Himmelb(l)au.

Darin klärt sich dann auch die Zeitlichkeit von Walter Pichlers Kunst: Die heute junge Künstlergeneration ist dieser Art männlicher Selbstbespiegelung durch einen wilden und ironischen Rollen- und Geschlechtertausch entflohen.




URL: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/kunst/?em_cnt=399948&em_loc=77
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