| Salzburger Nachrichten am 26. November 2002 - Bereich: kultur
Die Kunst muss neu erlebt werden
Diskussion in Wien zur Zukunft des Ausstellungswesens: Nur aktive Auseinandersetzung kann das Publikum faszinieren
WIEN (SN). Zehn Jahre Kunsthalle Wien. Die 1992 ins Leben gerufene Institution und ihr Direktor Gerald Matt nehmen das Jubiläum nicht als Anlass zum Jubeln. Man betrachtet kritisch die Mittel und Strategien, mit denen die Besuchergunst erhalten werden kann. In einem "Karlsplatzgespräch" gab die Kunsthalle Wien in ihrem "Project Space" das Thema "Alles oder nichts - Welche Zukunft hat das Ausstellungswesen?" zur Diskussion frei. Ihre Meinungen äußerten der Zürcher Professor für Architektur und Design Marcel Meili, der in Karlsruhe ansässige Philosoph, Medientheoretiker und Publizist Boris Groys und der Direktor der Kunsthalle Wien, Gerald Matt. Welche Zukunft hat es also, das Ausstellungswesen? Alle drei Vortragenden waren sich einig, dass der klassische Museumsbetrieb von seinem Ansehen als Autorität der Kunstvermittlung massiv eingebüßt hat. Eine der wichtigsten Strategien, um sich das Publikum zu sichern, ist es zur Zeit, nicht den Inhalt des Museums, sondern das Museum selbst zum Erreger von Aufmerksamheit zu machen. Marcel Meili diskutierte die Frage, welcher Aspekt der Kunst es ist, der an einem Museum heutzutage interessiert: die Kunst des Gebäudes oder die Kunst der Ausstellung. Vor dem Hintergrund von Museumsbauten wie denen Frank Gehrys oder Daniel Libeskinds Jü-dischem Museum gerät auf jeden Fall die Architektur als Kunst wieder verstärkt in die Diskussion. Ob das allerdings dem Ausstellungswesen nützt, ist eine andere Frage. Boris Groys neigte in seinen Äu-ßerungen zunächst zum Pessimismus. "Die Museen retten sich durch interessante Architektur", beurteilte er diese Handlungsweise. Die gegenwärtige Situation beschriebt Groys als "eine Attacke auf das Kunstsystem", der Kritik am System im 20. Jahrhundert ähnlich. Nur habe damals eine Avantgarde in ihrer Zerstörung des alten Kunstbegriffs, den "das Museum verkörperte", einen neuen Kunstbegriff hervorgebracht. Der "Protest von heute" richte sich nicht "gegen eine herrschende Norm", sondern sei eine "populistische Aktion gegen eine Minderheit".
Museum: Ort historischen Gedächtnisses
"Die Kunst ist dem Diktat der Mode und des Neuen unterworfen," formulierte Groys das Problem der aktuellen Künstler, "wir wissen nicht, ob das, was wir sehen, neu ist oder nicht, denn es fehlen die historischen Bezugspunkte." Daher hob Groys die Bedeutung von Museen und Ausstellungshallen als Orte historischen Gedächtnisses hervor: "Zur Überprüfung der Ansprüche braucht man einen Raum des Vergleichs". Groys' Überlegungen zu geeigneten Strategien stellen nicht das Ereignis des Museums- oder Ausstellungsbesuchs in den Mittelpunkt, sondern das Erlebnis von und die Auseinandersetzung mit Kunst. "Wenn man dem Publikum nur nachläuft, verliert man tendenziell", warnte der Medientheoretiker und forderte dazu auf, dem Publikum die Chance zu geben, "anders wahrzunehmen". Konkret sieht Groys diese Chance derzeit in der Video-Kunst. Im Film sieht Groys das Medium, das im Museum oder der Ausstellungshalle die größten und stärksten Anforderungen an die Kunstbetrachter stellt. Film konfrontiere seine Betrachter mit dem Entstehungsvorgang von Kunst, weil er nicht auf einen Blick erfasst werden kann. Der Betrachter muss verweilen, sich seine Zeit einteilen, selbst entscheiden, wann er genug mitbekommen hat. "Die Entscheidungsprozesse zur Betrachtung rei-ßen die Betrachter aus der Passivität heraus. Man muss entscheiden, man muss begründen", beschrieb Groys die Eindrücke und Vorgänge, die solche Kunst beim Publikum hervorruft. Für ein Ausstellungswesen der Zukunft genüge es also nicht, so Groys, die alten Muster nur zu kopieren und immer Menschen herbeizulocken. "Neue Kunstformen müssen den Rezeptionsvorgang selbst gestalten", lautete die Summe seiner Überlegungen. Das schaffe neue Situationen für das Museum, und das seien Situationen, wie sie nur das Museum schaffen könne. LASZLO MOLNAR
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