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| Warum die Plastik
"Materialität" noch immer braucht |
von Helmuth
Gsöllpointner
In einer Zeit, die von elektronischen
Medien und virtuellen Welten gekennzeichnet ist, bleibt es uns
trotzdem nicht erspart, nach wie vor in einer haptischen
dreidimensionalen Umwelt zu leben.
In unserem
Tagesablauf sind wir von dreidimensionalen Objekten umgeben -
von der Teetasse und den Möbeln im Haus, den Fahrzeugen und
Geräten am Arbeitsplatz und in der Freizeit bis zur
architektonischen Umwelt.
Die Gestaltung dieser Umwelt
stellt eine Überlebensnotwendigkeit dar. Sie bedarf sowohl im
Bereich der geistigen und kultischen Welt als auch bei der
Herstellung der praktischen Dinge des täglichen Lebens
besonders kreativer Fähigkeiten. Kunstuniversitäten bieten für
künstlerisch und gestalterisch begabte Menschen die
Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.
Kunst kann
man zwar nicht lehren, es gibt jedoch eine Anzahl von
objektiven Kriterien, die auch bei der Gestaltung eines
Kunstobjektes zu berücksichtigen sind. Dazu gehören die
Gesetzmäßigkeiten der Komposition, der Technik, Kenntnisse
über Material und seine spezifischen Eigenschaften sowie
allgemein geisteswissenschaftliche Kenntnisse.
Beim
künstlerischen Objekt stehen die abstrakten, emotionalen und
irrationalen Aspekte mehr im Vordergrund, beim Funktionsobjekt
die rationalen, wissenschaftlichen und technischen Faktoren.
Plastiken als Medium religiöser oder profaner
Botschaften stellen auf Grund ihrer Materialität die ältesten
Dokumente der menschlichen Kultur dar. Als künstlerisches
Medium der jüngeren Vergangenheit ist der Begriff im letzten
Jahrhundert durch eine Anzahl von stilistischen Richtungen und
Grenzüberschreitungen erweitert worden, wodurch eine klare
Begriffsbestimmung erschwert wird. Hat man zu Beginn des
vorigen Jahrhunderts unter "Plastik" noch weitgehend figurale
Bildhauerei in Ton, Holz, Stein und Metall verstanden, so
gelten am Ende des selben Jahrhunderts Bezeichnungen wie Body
Art, Land Art, Arte Povera, Fluxus, Installation, Mobile,
Multiple und viele andere Definitionen. Die ernsthaften
Entwicklungen in den einzelnen künstlerischen Sparten sind mit
Grundlagenforschung in der Wissenschaft gleichzusetzen. Leider
werden diese Entwicklungen von Epigonen und Scharlatanen oft
missverstanden. Von ihnen werden Produkte unter dem Motto
"anything goes" oder "why not?" hervorgebracht, die der Laie
von qualitätvollen Arbeiten nicht unterscheiden kann und daher
fehlgeleitet wird.
In der abstrakten Plastik stellt die
Form um der Form willen einen ähnlichen Anspruch wie die Farbe
um der Farbe willen in der Malerei oder die Komposition aus
Tönen in der Musik. Thematische Inhalte wie Zeichen, Symbol
oder literarische Aussage sind der Form
untergeordnet.
Einen Überblick über das breite Spektrum
der Plastik des zwanzigsten Jahrhunderts bietet derzeit die
Ausstellung der Sammlung des Lentos. Die Objekte der
ursprünglich zwölf Großplastiken des "forum metall" am
Donauufer bilden einen Bestandteil der Sammlung. Fazit:
Großplastiken sind identitätsstiftende Zeichen für die
Gesellschaft im urbanen Raum.
Helmuth Gsöllpointner
ist Künstler, emeritierter Kunstuni-Professor (Meisterklasse
Metall) und -Rektor, "forum metall"-Initiator.
vom 28.10.2006 |
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