OÖNachrichten
http://www.nachrichten.at/nachrichten/488783
© Herzenberger
Helmuth Gsöllpointner
Warum die Plastik "Materialität" noch immer braucht
von Helmuth Gsöllpointner

In einer Zeit, die von elektronischen Medien und virtuellen Welten gekennzeichnet ist, bleibt es uns trotzdem nicht erspart, nach wie vor in einer haptischen dreidimensionalen Umwelt zu leben.

In unserem Tagesablauf sind wir von dreidimensionalen Objekten umgeben - von der Teetasse und den Möbeln im Haus, den Fahrzeugen und Geräten am Arbeitsplatz und in der Freizeit bis zur architektonischen Umwelt.

Die Gestaltung dieser Umwelt stellt eine Überlebensnotwendigkeit dar. Sie bedarf sowohl im Bereich der geistigen und kultischen Welt als auch bei der Herstellung der praktischen Dinge des täglichen Lebens besonders kreativer Fähigkeiten. Kunstuniversitäten bieten für künstlerisch und gestalterisch begabte Menschen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Kunst kann man zwar nicht lehren, es gibt jedoch eine Anzahl von objektiven Kriterien, die auch bei der Gestaltung eines Kunstobjektes zu berücksichtigen sind. Dazu gehören die Gesetzmäßigkeiten der Komposition, der Technik, Kenntnisse über Material und seine spezifischen Eigenschaften sowie allgemein geisteswissenschaftliche Kenntnisse.

Beim künstlerischen Objekt stehen die abstrakten, emotionalen und irrationalen Aspekte mehr im Vordergrund, beim Funktionsobjekt die rationalen, wissenschaftlichen und technischen Faktoren.

Plastiken als Medium religiöser oder profaner Botschaften stellen auf Grund ihrer Materialität die ältesten Dokumente der menschlichen Kultur dar. Als künstlerisches Medium der jüngeren Vergangenheit ist der Begriff im letzten Jahrhundert durch eine Anzahl von stilistischen Richtungen und Grenzüberschreitungen erweitert worden, wodurch eine klare Begriffsbestimmung erschwert wird. Hat man zu Beginn des vorigen Jahrhunderts unter "Plastik" noch weitgehend figurale Bildhauerei in Ton, Holz, Stein und Metall verstanden, so gelten am Ende des selben Jahrhunderts Bezeichnungen wie Body Art, Land Art, Arte Povera, Fluxus, Installation, Mobile, Multiple und viele andere Definitionen. Die ernsthaften Entwicklungen in den einzelnen künstlerischen Sparten sind mit Grundlagenforschung in der Wissenschaft gleichzusetzen. Leider werden diese Entwicklungen von Epigonen und Scharlatanen oft missverstanden. Von ihnen werden Produkte unter dem Motto "anything goes" oder "why not?" hervorgebracht, die der Laie von qualitätvollen Arbeiten nicht unterscheiden kann und daher fehlgeleitet wird.

In der abstrakten Plastik stellt die Form um der Form willen einen ähnlichen Anspruch wie die Farbe um der Farbe willen in der Malerei oder die Komposition aus Tönen in der Musik. Thematische Inhalte wie Zeichen, Symbol oder literarische Aussage sind der Form untergeordnet.

Einen Überblick über das breite Spektrum der Plastik des zwanzigsten Jahrhunderts bietet derzeit die Ausstellung der Sammlung des Lentos. Die Objekte der ursprünglich zwölf Großplastiken des "forum metall" am Donauufer bilden einen Bestandteil der Sammlung. Fazit: Großplastiken sind identitätsstiftende Zeichen für die Gesellschaft im urbanen Raum.

Helmuth Gsöllpointner ist Künstler, emeritierter Kunstuni-Professor (Meisterklasse Metall) und -Rektor, "forum metall"-Initiator.

OÖnachrichten vom 28.10.2006
 
   



© Wimmer Medien / OÖNachrichten
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf.
zurück