DER SPIEGEL 45/2001 - 05. November 2001
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Kunstmessen
 
Tanzkurs auf dem Vulkan

Auch der Kunstmarkt spürt die Folgen der Terroranschläge. Doch etliche Händler auf der "Art Cologne" ließen sich die Laune nicht verderben - sie setzten auf Betroffenheitskunst.

Es sind auffällig junge Männer, die da stur vor den apokalyptisch lodernden Flammen ausharren und ihre Maschinengewehre griffbereit halten. Ihr gelassener Gesichtsausdruck verrät allerdings, dass der Anblick eines kriegerischen Infernos für sie nichts Neues ist.

Das Feuer ist Kulisse, die Soldaten auf den fünf Porträtfotos des Moskauer Fotografen Sergej Bratkow sind echt. Es handelt sich um Offiziere der russischen Armee, die im vergangenen Jahr in Tschetschenien stationiert waren. Der Moskauer Galerist Wladimir Owtscharenko hatte die Bilder in der vergangenen Woche mit auf die Kölner Kunstmesse "Art Cologne" gebracht. Die Fotografien seien aktueller denn je, schwärmt er. "Jetzt kämpfen wir Russen auf derselben Seite wie die Amerikaner. Jetzt erleben alle den Terror, den wir seit Jahren in Tschetschenien bekämpfen."

Tschetschenien, Terror und Nähkästchenpolitik auf der alteingesessenen Kölner Messe für zeitgenössische Kunst? Wo sonst höchstens über das Angebot der Kollegen oder das Imbissbudenessen zu Gourmetpreisen gelästert und darüber getratscht wird, ob der Nachbargalerist das Bild von Baselitz für 160 000 oder doch nur für 155 000 Mark verkauft hat?

Das globale Krisengefühl holt die sonst so gut gelaunten Galeristen und ihre Kunden ein. Schon bevor die Messe vorigen Dienstagabend eröffnet wurde, wirkte die Branche leicht verkatert. Denn wer konnte wissen, ob die millionenschweren Einkäufer auf dem milliardenschweren Kunstweltmarkt noch Lust haben würden, Geld auszugeben. Und ob sie überhaupt noch über Geld verfügen. Schließlich ließen die Anschläge in den USA zeitweise die Aktienkurse zusammenbrechen.

Es gibt zwar viele Sammler, denen selbst Rekordabstürze nichts anhaben können. Nur leben die meisten in Amerika. Rund 70 bis 80 Prozent der "wirklich wichtigen Kunden", sagt ein Galerist, kämen in der Regel aus den Vereinigten Staaten.

Schon in den vergangenen Jahren hätten die Veranstalter außer deutschen, belgischen und luxemburgischen Sammlern gern mehr US-Publikum herbeigelockt. Weil das wegen der großen New Yorker Herbstauktionen auf seinem eigenen Kontinent blieb, wurde der Termin der Messe in diesem Jahr nach vorn verlegt und die Laufzeit verkürzt. Doch wie viele Amerikaner steigen angesichts der regelmäßigen Terrorwarnungen in ein Flugzeug nach Europa, um mal eben Kunst einzukaufen?

Die jüngsten Londoner Auktionen - wo telefonisch auch aus der Ferne mitgeboten werden kann - galten als durchwachsen. Christie's etwa blieb auf seinem Highlight, einem Gemälde Max Beckmanns, sitzen. Viele Galeristen betrachten Köln als eigentliches Barometer für die Kauflust auf dem derzeit so unberechenbaren Kunstmarkt - auf dem noch im vergangenen Jahr diese sympathischen jungen Dotcom-Gewinnler gesichtet wurden, die angeblich nicht wussten, wohin mit ihren Millionen.

Aber dann entwickelte sich die New Economy für viele zum Pleitegeschäft, und nun beherrschen Attentäter, Anthrax und Afghanistan die Nachrichten. Ausgerechnet zu Beginn des Jahrtausends breitet sich Finde-Siècle-Nervosität aus. "Selbst Stammkunden", sorgt sich ein New Yorker Galerist, "haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie jetzt große Summen ausgeben."

Ihnen kann geholfen werden. Etliche Händler in Köln zauberten flugs hervor, was zum neuen amerikanischen Trauma und zur momentanen Top-Gun-Stimmung passt. Erstaunlich viele Bilder von Flugzeugen waren in Köln zu sehen, und außer Soldaten auch Fremdenlegionäre. Oder eine Art Gebetsteppich, den die russische Künstlergruppe AES 1996 fabriziert hatte. Im Zentrum triumphiert die Freiheitsstatue - aber mit einer orientalischen Burka verschleiert. Schreckensvision oder schlichter Weitblick?

Allein, die Vermarktung vermeintlicher Polit-Kunst wirkte manchmal fast schon penetrant: Wochen vor Messebeginn warb eine Berliner Galerie für eine Kunstharzplastik des in New York lebenden Koreaners Ik-Joong Kang. Die Skulptur will so etwas wie das Kunstwerk zum Tag des Terrors sein. Das vor allem deshalb, weil Kang einen Koffer auf die Skulptur montierte, den er am 11. September bei sich trug, als er mit Tausenden anderen aus dem Uno-Hauptquartier in New York evakuiert wurde. Die Form der Skulptur soll an die Hochhäuser von Manhattan erinnern, ein Text an den Korea-Krieg gemahnen; und dann heißt das Werk auch noch "Köln Pagode". Mehr Bedeutungsmix in einem Werk geht nicht: Weil das Objekt historisch und international so schön kompatibel ist, wollen die Galeristen 300 000 Mark dafür haben.

Es kam noch banaler. Ein österreichisches Künstlerduo hatte schnell eine Fotomontage der Skyline von Manhattan gebastelt und sich als "Twins" an Stelle der Zwillingstürme hineingeklebt. Der kleine Gag zum großen Desaster wirkt erschreckend flach, das Bild soll aber 4000 Mark pro Abzug kosten.

Im Kölner Kunstzirkus wurde zum Glück auch Niveauvolleres angeboten. An den Preisvorstellungen der Anbieter änderte sich ohnehin wenig - denn zum Glück, sagt der in Köln und New York ansässige Händler Michael Werner, "bleibt der Kunstmarkt ja irrational".

Weil Werner lange genug erfolgreich im Geschäft ist, kann er auch zugeben, dass diese Messe für ihn "beschissen" begonnen habe. Eine bekanntermaßen finanzkräftige britische Sammlerin habe für eine Plastik nur 70 000 Mark geboten, obwohl das Werk 70 000 Dollar kosten sollte. Verkaufen wolle er zu solchen Preisen natürlich nicht. Der Markt, sagt Werner, habe insgesamt genug Stabilität. Weshalb er für eine Skulptur des modernen Klassikers Hans Arp 1,2 Millionen Mark verlangen konnte.

Ein wenig Zweckoptimismus schadet nie. Aber jeder Profi, sagt der Berliner Händler Thomas Schulte, stelle sich von vornherein auf schlechtere Jahre ein und darauf, dass jede Rezession Veränderungen mit sich bringe. Auch gute. Die Vermarktung immer jüngerer Künstler etwa sei in den vergangenen Jahren extrem gewesen. "Womöglich", spottet er, "ist jetzt endlich Schluss mit dem Krippenklau."

Gegen den eigenen Umsatz hat keiner etwas einzuwenden. Um so sehnsüchtiger wurde auf Großsammler wie den Unternehmer Harald Falckenberg gewartet. In Hamburg hat er riesige Fabrikräume in ein öffentlich zugängliches Kunstdepot verwandelt. Er habe, sagt Falckenberg, ein jährliches Budget, und das gebe er auch aus. Ganz sicher werde er nicht weniger und nicht anders sammeln als bisher. Doch falle die "Diskussion mit Galeristen um Zahlungsziele" durchaus leichter.

Spontane Kaufexzesse, ahnt auch der Händler Mathias Rastorfer, werden selten. Gefragt werde vorwiegend nach junger Kunst, die so günstig sei, dass man kein finanzielles Risiko eingehe, oder eindeutig Etabliertes, das auch mehr kosten dürfe.

Der junge deutsche Kunsthändler Leo Koenig ist gerade dabei, mit seiner Galerie aus dem Sperrgebiet im südlichen Manhattan wegzuziehen. Man müsse vorwärts denken, und "wer jetzt nicht die Ein- bis Zwei-Millionen-Dinger verkaufen will, kann nicht klagen". Bis 100 000 Mark, bestätigt ein anderer Händler, ist die Welt noch in Ordnung.

Gute Zeiten für Künstler wie den Polen Pawel Althamer, 34, der nicht mehr unbekannt und noch nicht ganz teuer ist. Sein tragisch-komisches Ensemble unbeholfen tanzender Drahtfiguren soll 48 000 Mark kosten. Es wirkt wie der hysterische Tanz der Durchschnittsbürger auf dem Vulkan oder zumindest wie der Tanzkurs auf dem Vulkan. Es überrascht schon deshalb, weil sonst überwiegend Malerei und Fotografie gezeigt wird.

Es erscheint mutig, dass viele Künstler offen zugeben, ahnungslos zu sein, wie sie angesichts der globalen Hysterie weiterarbeiten sollen.

Sie würde gern auf die Kriegs- und Krisensituation reagieren, sagt die aus Teheran stammende Fotografin Shirana Shahbazi, 27, die vorwiegend in Deutschland aufwuchs und inzwischen in der Schweiz lebt. Aber sie habe "keine Lust, jetzt plötzlich zur Exilkünstlerin auf krampfhafter Identitätssuche stilisiert zu werden". Auf ihren Fotos dokumentiert sie Menschen und Landschaften in Iran, einige Motive hat sie von iranischen Plakatmalern auf große Formate übertragen lassen. Sie zeigt eine Frau in der U-Bahn, ein Hochzeitspaar, insgesamt viel Normalität.

Die Arbeiten sind vor über einem Jahr entstanden. Sie wolle mit ihnen, sagt Shahbazi, Klischees unterwandern: "Im Kopf der Europäer hatten jahrelang alle iranischen Männer einen Bart, dann trugen alle Frauen im Iran angeblich Lippenstift und Nagellack. Jetzt laufen sie nur noch vollkommen verschleiert herum." Sie ärgere sich auch darüber, sagt sie, dass es für sie als Künstlerin jetzt "einen eigenartigen Bonus gibt", aus dem arabischen Raum zu stammen. Ihr Galerist mag nicht darüber klagen, dass das "Interesse an Shirana im Vorfeld der Messe enorm gewesen ist".

Ignorieren kann keiner der Händler das Panikgeraune. Im Oktober wurde in New York die Kunstmesse "Armory Show" abgesagt. Im Dezember sollte zum ersten Mal eine neue Messe für junge Kunst in Miami eröffnet werden. Mittlerweile fordern viele Galeristen, dass auch diese Veranstaltung gestrichen wird. Welche Versicherung, fragt ein Händler, akzeptiert es schon, "wenn ich Kunst in ein Krieg führendes Land transportiere?"

Auf der Art Cologne, die vergangenen Sonntag zu Ende ging, waren die Sicherheitsvorkehrungen streng, die Taschen der Besucher wurden penibel kontrolliert. Das aber vor allem beim Verlassen der Messehallen.

ULRIKE KNÖFEL


 


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