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Quer durch Galerien

Patrioten ist nichts verboten

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!"Gott schütze Österreich!" Schon wieder? So hat doch schon einmal jemand unserer Heimat Hals- und Beinbruch gewünscht. Die invalide Dame auf dem Bild, mit gebrochener unterer Extremität und mit Krücken (aber zum Glück noch ohne Halskrause), muss demzufolge die personifizierte Alpenrepublik sein. Eine Allegorie also. Eine Anti-Ambulanzgebühren-Propaganda? Oder ist da eine ramponierte Maid (konkret: Silvia Steinek) Modell gestanden als "vom Transit überrollte Austria"? Blödsinn. Die verantwortlichen Künstler, Julius Deutschbauer und Gerhard Spring, waren einfach nur anlässlich der letzten Regierungsangelobung etwas besorgt. Und Patrioten ist nichts verboten. Nicht einmal die künstlerische Freiheit.
Galeristin Silvia Steinek blickt noch bis 18. Jänner auf die ersten 20 Jahre ihrer Galerie zurück (Himmelpfortgasse 22). Im Sortiment: Rainer, Ringel, Dubuffet usw. Oder einer meiner Lieblings-Y-Chromosome: der hemmungslos verspielte Selbstinszenierer Matthias Herrmann, eine liebenswerte Testosteron-Überproduktion und Sittlichkeits-Katastrophe. Auf dem Hirn hat er einen Zettel kleben: "Die Hölle war voll, also bin ich zurückgekommen." Und mit seinem glitzernden Kopfschmuck sieht er aus wie die Reinkarnation einer braven Opernball-Debütantin. (Aber es war halt nur noch der Körper eines Exhibitionisten frei.)
"Die tröstende Camera": eine therapeutische Institution wie der Körperverletzungs-Dummy namens Watschenmann. Ilse Haider gibt Menschen mit langer Reaktionszeit, denen also die Verbalinjurien immer dann versagen, wenn sie sie bräuchten, eine zweite Chance. Nämlich wenigstens vor der Kamera den Kragen so richtig platzen zu lassen. Da sind wirklich talentierte Spätzünder dabei. Etwa jener einspurige Verkehrssünder, der bei Rot in die Pedale trat und dessen Es nun den "Hütern des Strafzettels" nicht gerade bußfertig mitteilt: "Sie miassn damit fertig werden, wenn bei Ihnen der Amtsschimmel gewidert hat . . . gewiehert hat."
Als Totalabstinenzlerin (ich rauch nicht, ich trink nicht, ich hab kein Handy - und ich hab noch nie eine E-Mail geöffnet) nutz ich gleich die Gelegenheit, das Kellerlokal neben meinem Domizil verbal zu züchtigen: "Heats endlich auf mit eurem deppatn Zehn-Tequila-Sonderangebot! Auf die Speib-Action vua meiner Tia bin i wirkli ned haaß, auf die tägliche Morgengabe, die ausschaut wie a gefolterter Heringssalot." So. Fertig. Und was die alte Dame betrifft, die mich in American-Football-Manier brutalst aus der U-Bahn hinausgerammt hat und meinen entgeisterten Blick mit der höflich unschuldigen Frage quittierte: "A steigen Sie nicht aus?", bin ich freilich heute noch sprachlos.
Galerist Wolfgang Exner ("Die Leit sollen vü sehn") hat so ziemlich alle seine Schäfchen aufgehängt. Von A bis Zens. Bis 14. Jänner, Rauhensteingasse 12. Die unbemalteste Leinwand stammt von Eduard Angeli, dessen Pinsel bestenfalls dezent draufgehaucht hat. Auf den ersten Blick: A Frechheit, da is ja nix drauf auf der nackerten Jute. Aus der Ferne: der Lido, dem eigentlich nichts fehlt und der wie der Betrachter wunschlos glücklich ist.
Akos Birkás (bis 11. Jänner beim Knoll, Esterházygasse 29) ist ein passionierter Kopfjäger. Seine "Opfer" dürfen aber das, was sie oberhalb vom siebenten Halswirbel eventuell besitzen, bei sich behalten. Sie werden ja bloß gemalt. Diesmal kommen die Schädel sogar in kleinen, zudringlichen Rudeln daher. Und richten ihre kommunikativen, erwartungsvollen oder offensiv lächelnden Gesichter auf den Beschauer. Der fühlt sich gleich viel bekannter. Koloristisch und emotional höchst interessant durchkomponierte Bilder.

Erschienen am: 27.12.2002

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