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Quer durch Galerien

Ein Teppich im Trotzalter?

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Mode ist ein Stoffwechselprodukt. (Wie bitte?) Aber nur insofern, als der Stoffwechsel eine Modeerscheinung ist, kurz: ein Symptom der Kleidermode ist. Das, was man euphemistisch, nämlich sprachlich liebkosend "Stoffwechsel-Palais" nennen könnte, also die Kemenate, in der sich stoffwechselwillige Personen einzeln in Klausur begeben, wäre in dem Fall freilich nicht das - je nach Diskretion des Metabolismus - mehr oder weniger stille Örtchen, sondern die Umkleidekabine. Modemuffel, die die textile Abwechslung scheuen, und Menschen, die ein und derselben Unterhose über Wochen treu bleiben, haben dann theoretisch eine Stoffwechselstörung.
Apropos Stoff: Bis 24. April ist die Galerie nächst St. Stephan (Grünangergasse 1) im gewebtesten und genähtesten Sinne des Wortes ein Stoffgebiet ("Kunst Stoff"). Heimgesucht von sinnlich charismatischen Objekten. Etwa vom wild haarigen, barbarisch zerknautschten Zottelteppich von Rosemarie Trockel. Ein Teppich im Trotzalter, scheint es. Eine zur groben Insubordination fähige, ergo intelligente Lebensform (eine "typisch weibliche" Handarbeit, die revoltiert). Der Teppich würde sich wohl erst dann lammfromm flach hinlegen, wenn sich ein Rasenmäher oder Epiliergerät seiner annähme (der Samson- oder eigentlich Delilah-Effekt). Und das Verdienst von Gudrun Kampls "Adernkleid" ist es, das profan vitale, krass naturalistische Herz-Kreislauf-System erotisch aufzubereiten, indem aus den blutigen "Fäden", die sich forsch blutspendend durch den Körper ziehen, ein sexy Netzkleid aus Samt geworden ist und noch dazu die innere Schönheit einer Frau der Konfektionsgröße 38 dekorativ auf dem Boden schleift (ihre Organe nämlich).
Wie ein Liliputaner vor Gullivers Federball: Claes Oldenburg. (Man erinnert sich an seine schmeichelweiche und dementsprechend nachgiebige, also dem zweibäckigen Sitzdrang von unten her nicht viel entgegenstemmende Klomuschel, die sich trotzdem nicht einem Weichspüler im Spülkasten verdankt.) Gemeinsam mit Coosje van Bruggen hat er auch einen Federball "verweichlicht". Aber dennoch irgendwie formpotent in vegetabilische, verspielte Fangarme aufgelöst. Und irreal vergrößert. Und dass Herrentaschentücher das Potenzial zum langweilig abstrakten Minimalismus haben, beweist Cosima von Bonin, die die Fleckerln, die das Riech- und Niesorgan verherrlichen, aneinandergenäht hat (leider leidenschaftslos saubere). Tja, wie das Taschentuch eines Mannes, so seine Unterhose (oder wie war das?). Die Nase ist ja übrigens dann "zeugungsfähig", wenn sie einen Schnupfen lautstark in die Gegend ejakuliert. Verfeinert wird die lohnend aufregende Schau durch traditionelle Tücher.
Daro (bis 15. April in der Galerie Sur, Seilerstätte 7) ist einer von denen, die den Boden nicht auf dem Boden, sondern an der Wand haben (zumindest ein bissel). Denn der Kurde in Wien mit Erinnerungen an irakisch-kurdische Mauern und deren Botschaften hat zuerst ziemlich intimen Bodenkontakt, wenn er seinen Sand in den städtischen Filialen des Buddelns rekrutiert (auf Baustellen und in Sandkisten), den er dann mit Farbe mischt und lustvoll und innig, aber nicht übertrieben gatschig auf die Leinwand "pappt". Mauerbilder zwischen Vandalismus und Mitteilungsbedürfnis. Spannungsvoll ausgewogen. So wie Mauern eben sind.

Erschienen am: 02.04.2004

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