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Kunstberichte

Christoph Thun-Hohenstein, Leiter der Kreativ-Förderagentur Departure, über soziale Arten der Kreativität

"Das Design darf nie ein Selbstzweck sein"

Thun-Hohenstein:

Thun-Hohenstein: "Originalität und Schmäh." Foto: pess

Von Eva Stanzl

Aufzählung Zweite Ausgabe des Festivals Vienna Design Week.
Aufzählung 60.000 Euro Förderung "im Dienst des Menschen".

Wiener Zeitung: Mit "Speed Dating" für Designer und Experten der Kreativindustrie, "Passionswegen" durch Wiens Traditionsbetriebe und Programmen auch für Kinder geht die Vienna Design Week, deren Hauptsponsor Sie sind, in ihre zweite Ausgabe. Welcher Designbegriff soll bei dem Festival vermittelt werden?

Christoph Thun-Hohenstein: Design soll dem Menschen dienen und komplexe Inhalte verständlich darstellen. Ein prominentes Beispiel ist Apple, das die Bedienung von technischen Geräten spielerisch löst und dabei menschlichen Bedürfnissen gerecht wird — sonst würden sich die Geräte nicht so gut verkaufen. Also geht es nicht nur um die Gestaltung des Produkts, sondern auch wie der Benutzer damit umgeht. Designer haben einen anderen Zugang zu komplexen Situationen als Wirtschaftstreibende.

Zudem darf Design kein Selbstzweck sein. Wer etwas zu rein ästhetischen Zielen macht, produziert eher Kunst. Etwas hingegen im Dienst des Menschen zu entwerfen, ist Design. Egal ob ich Unternehmensprozesse, Produkte für die Generation über 60 oder ein Leitsystem für ein Museum entwerfe, Design hat eine soziale Komponente im weitesten Sinn.

Manche Designer fertigen ihre Entwürfe in limitierten Editionen, das Wiener Museum für Angewandte Kunst konzentriert sich gerne auf bildende Kunst. Was halten Sie von der Vermischung von Kunst und Design, wo die Gesetze des Kunstmarktes übergreifen?

Ich sage halb-scherzhaft, Design ist ein Schüler von Kunst, weil es Designs gibt, die vielen Kriterien von Kunst gerecht werden. Die Ansprüche sind jedoch bei Künstlern anders: Wenn Franz West seine Sofas macht, ist es Kunst über Design. Wenn aber Möbeldesigns in kleinen Auflagen über bedeutende Galerien verkauft werden, werden sie nicht zur Kunst bloß wegen der Kunstmarkt-Vertriebsmechanismen.

Um 1900 war Wien, wie heute London oder New York, eine Design-Hauptstadt. Könnte sich so etwas wiederholen, wenn man die Sparte lang genug fördert?

Das kann man so nicht sagen, denn die Zeit ist heute anders. Die Wiener Werkstätte um 1900 hat sich an früheren Repräsentationsidealen orientiert. "Modern" wurden die Objekte eher über die Gestaltung und die Materialwahl, nicht aber indem man neue Strukturen erfand wie beim Bauhaus. Nach den Brüchen der Geschichte wurde der Wiederanfang in den Sechzigerjahren hierzulande von Architekten und Künstlern dominiert. Erst seit den Neunzigerjahren gibt es in Wien wieder ein geordneteres Bekenntnis zu Design.

Die Strömungen sind eine Mischung zwischen Eleganz, Spaß, Originalität und Schmäh. Zudem setzt man sich mittlerweile auch wieder mit der Wiener Tradition auseinander, um Traditionsbetrieben einen zeitgenössischen Kick zu versetzen. Diese Positionen bestimmen den Diskurs, und könnten einen neuen Design-Schwerpunkt begründen. Die Herausforderung ist heute anders: Wir müssen nicht mehr ein eisernes System überwinden, wie die Protagonisten des Wiener Aktionismus in den 60er Jahren, sondern wir müssen in einer Atmosphäre der Freiheit darauf achten, dass nicht zu viel verloren geht.

Wie viel an Fördergeldern ist "Departure" die Design Week wert?

Ich weiß nicht, ob es üblich ist, diese Summen zu nennen.

Vielleicht interessiert es auch den Steuerzahler.

Was ich in Erinnerung habe, sind das heuer 60.000 Euro, plus einige Events. Das Ganze verschwimmt ein bisschen, weil wir uns selbst einbringen und unser Look Book Fest zum Abschluss der Veranstaltung geben.

Woran erkennen Sie den Effekt des Festivals?

Die Umwegrentabilität haben wir noch nicht gemessen, denn es gibt uns ja erst seit 2003. Doch der Effekt ist enorm, weil wir Aufbauarbeit leisten und ein Netzwerk schaffen.

Sie leiten seit einem Jahr die Förderagentur Departure. Seit 2003 wurden 10,7 Millionen Euro an Förderungen bewilligt, die – wie Sie sagen – ein Investitionsvolumen von rund 42 Millionen Euro nach sich ziehen. Woher wissen Sie das?

Die konservative Formel lautet Fördervolumen mal vier. Anders können wir das derzeit nicht messen, weil wir Projekte mit unterschiedlicher Laufzeit begleiten und noch nicht alle Gelder ausbezahlt sind. Man bekommt zudem die Fördersumme in Etappen nach Zwischenberichten.

Donnerstag, 02. Oktober 2008

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