Ein Mumok-Direktor ist keine "Enzi"-Liege

von Paul Flieder  |  31. März 2010, 20:52
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Paul Flieder (Jg. 1953) arbeitet als Autor, Dokumentarfilmer und Opernregisseur und lebt in Wien; zuletzt erschien von ihm bei Residenz "Der Barbier von Bagdad". - Foto: Archiv


    Kein Freund von "Kommissionen": Paul Flieder

     

    Paul Flieder (Jg. 1953) arbeitet als Autor, Dokumentarfilmer und Opernregisseur und lebt in Wien; zuletzt erschien von ihm bei Residenz "Der Barbier von Bagdad".


Eine Widerrede zur Kritik am ministeriellen "Feudalismus"

Wir wählen Politiker, damit sie für uns entscheiden. Tun sie's, ertönt der Ruf nach Partizipation. - Eine Widerrede zur Kritik am ministeriellen "Feudalismus" bei der Bestellung der neuen Mumok-Chefin.

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Kulturministerin Schmied wird kritisiert, weil sie es gewagt hat, die Direktionsstelle des Mumok zu besetzen, ohne irgendwelche (oft selbsternannte) Experten, Fachjuroren, Kommissionsmitglieder, Beiräte et cetera zu fragen.

Dabei hat sie nur ihren Job getan, für den sie schließlich gut bezahlt wird. Und so ganz einsam wird sie nicht nachgedacht haben. Im Ministerium sitzen nicht lauter Idioten, und ein Telefon hat die Ministerin auch. Unterschwellig wird ihr eine Bevorzugung von Frauen vorgeworfen. Das ist etwas seltsam, denn schließlich sind der neue Staatsoperndirektor, den sie ausgesucht hat, und der Volksoperndirektor, dessen Vertrag sie verlängert hat, zweifelsfrei keine Frauen.

Die Kritik an ihrer "einsamen" Entscheidung für Karola Kraus wirft vielmehr ein bezeichnendes Licht auf die Selbstbedienermentalität in der Kulturszene. Bei Theatern zum Beispiel hat es sich tatsächlich eingebürgert, dass sogenannte Fachkommissionen den Politikern ihre Vorschläge für die Besetzung der Intendantenstellen unterbreiten. In diesen Kommissionen sitzen - erraten - Intendanten, sehr oft Funktionäre des Deutschen Bühnenvereins, auch in Österreich. Das ist ungefähr so, als würden die Vorstände von VW, Mercedes, Ford und Opel über den Chef von BMW entscheiden.

Diese Kommissionen achten auf zweierlei: Erstens muss der Kandidat zum eigenen Netzwerk gehören (ich inszeniere bei dir, du bei mir, wir beide bei ihm und alle drei gehen wir in die nächste Intendantenfindungskommission), und zweitens soll er auch nicht zu erfolgreich sein, vor allem nicht beim Einspielergebnis. Da könnten positive Ausreißer nämlich Fragen aufwerfen ...

Bezeichnenderweise sind in Österreich die Intendanten am erfolgreichsten, die genau so "freihändig" ausgewählt worden sind, wie man es Schmied jetzt vorwirft. Holender wurde nicht von einer Kommission nominiert, sondern von der damaligen Kulturministerin Hilde Hawlicek - und sie hat dafür viele Prügel einstecken müssen. Holender wurde dann der erfolgreichste Staatsopernintendant. Volksoperndirektor Robert Meyer musste ebenfalls nicht einer Jury vorsingen und manövrierte das Theater aus der Krise, in die es sein Vorgänger geritten hatte. Auch Roland Geyer wurde nicht von Experten abgeprüft, und das Theater an der Wien ist Weltspitze. (Dass er kein hohes Einspielergebnis erzielt, hängt mit der überalterten und kaum zu verbessernden logistischen Struktur des Hauses zusammen.)

Wie unverantwortlich dieses Abschieben auf Kommissionen ist, zeigt unter anderem das Salzburger Landestheater. Es gäbe mehrere abschreckende Beispiele, dieses wurde gewählt, weil die Vorgänge länger zurückliegen, schließlich will man ja mit so einem Artikel keinem Theater schaden. Da gab es bei der Wahl des Vorgängers des jetzigen Intendanten eine Kommission unter dem damaligen Bühnenvereinspräsidenten Jürgen Flimm. Der Dreiervorschlag an die Politiker beinhaltete Kandidaten aus Basel und Esslingen und den von Daniel Barenboim aus dem Amt gemobbten Intendanten der Berliner Staatsoper. Mit Paradeisern auf den Augen konnte man sehen: Für den Berliner wurde ein Job gesucht. Der Kandidat aus Basel zog am Tag des Hearings (wunschgemäß?) zurück, der Esslinger und der Berliner kamen. Der Berliner machte auf die Politiker einen unerwartet ungünstigen Eindruck, es wurde der Esslinger, der nicht einmal - obwohl in der Ausschreibung verlangt - ein Konzept mitgeliefert hatte und außer ein paar lächerlichen Rezensionen in schwäbischen Bezirksblättern nichts vorweisen konnte. Das Theater versank für fünf Jahre in Streit und absoluter Bedeutungslosigkeit.

Flimm war das alles so peinlich gewesen, dass er in einem Presse-Interview eine diesbezügliche kritische Frage mit einer dreisten Kindesweglegung pariert hatte: "Ich habe ihn nicht gewählt." Ein anderes köstliches Beispiel habe ich selbst erlebt. Ich arbeitete an einem Theater, an dem das Durchschnittsalter der Regiekollegen deutlich über sechzig war. Die Inszenierungen waren an Senilität nicht zu überbieten. Jeder fragte sich, warum engagiert der Intendant diese Leute? Des Rätsels Lösung: Die Alzheimertruppe saß in einer Kommission, die über die Besetzung einer Professorenstelle an einer Musikhochschule entschied. Die Besetzungspolitik hat sich ausgezahlt, wenn auch nicht fürs Publikum und die Studenten.

Es ist schon grotesk: Wir wählen und bezahlen Politiker dafür, dass sie für uns entscheiden. Wenn dann eine Kulturpolitikerin genau das macht, wird nach der Mitbestimmung geschrien. Zumindest von den übergangenen Insidern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.4.2010)

 

druckenweitersagen:
posten
12 Postings
01.04.2010 11:28
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Da fehlt einiges - nicht nur der Link zur Glosse von Frau Schurian… 1. Politiker sollen nicht für uns entscheiden, sondern für uns verwalten, wenn sie Minister sind. Das ist zu betonen, weil die Mitbestimmung der Bevölkerung bei uns im argen liegt.

2. Wir wählen zwar Politiker, aber nur zum Nationalrat. Die Exekutive wird nicht gewählt, sondern vom Kanzler bestimmt (& bestenfalls vom NR akzeptiert, der freilich über Listen gewählt wurde und dem Klubzwang unterliegt).
3. Es ist ein Widerspruch, wenn man im ersten Absatz meint, die Ministerin hätte niemanden gefragt, im zweiten darauf hinweist, daß sie es doch getan haben dürfte…
4. Das „Fragen“ einer Kommission heißt nicht, daß die Kommission bestimmt - meistens erstellt sie aber eine Liste, die Hilfestellung für die Ministerin bedeuten kann, vor allem wenn die Fachkompetenz derselben woanders beheimatet ist ;-).
5. Kritik ist und bleibt legitim - sowohl an Vorschlägen einer Kommission als auch an Entscheidungen einer Ministerin.

Wer kannte...

... Paul Flieder vor diesem Artikel?

suboptimal 
01.04.2010 10:53
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Gegenfrage

Muss man berühmt sein, um einen _in sich schlüssigen_ Text schreiben zu dürfen?
P.S.: Vielleicht will er ja nichts mehr werden in dem Inzuchtbereich, wo sich die Alzis selber hinaufloben.

standardabweichung
01.04.2010 09:25

wahrscheinlich ist der herr auch auf der fanliste der facebookseite des unterrichtsministeriums

01.04.2010 01:09
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Jetzt ist natürlich eine ehemalige "Bankmanagerin"


prädestiniert, für "uns" zu entscheiden.

Herr Flieder, glauben Sie wirklich, daß "wir" so blöd sind, um Grenzen von Netzwerken nicht zu erkennen?

Der "Berliner" war Ihr Freund und Dolder nicht..

...und wir Z(z)wei, sind im gleichen Jahrzehnt geboren...

KunstkommtvonKunst
01.04.2010 00:34
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Insider-Handel

Genau so läuft es im hehren Kunstbetrieb. Beziehungen und Seilschaften sind alles.

Religion Opium des Volkes? Marx kannte wohl kein TV
01.04.2010 11:43

Vorsicht!

Bei Frauen heißt das nicht "Beziehungen und Seilschaften" (weil das ist pfuigack, sowas gibt's nur bei Männern), sondern "Netzwerken" (und ist dann eine bewundernswerte Fähigkeit).

Renzo Pasolini
31.03.2010 23:48
Bleibt nur die Frage:

warum ist so ein Auskenner nicht selbst Minister?

FatFaceRicky
31.03.2010 23:40
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Interessanter Einblick in den Kultur-Betrieb.

31.03.2010 23:00
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excellent

die schlussfolgerung wäre auf viele andere politikbereiche zu übertragen

31.03.2010 22:13
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Gefällt!

Caroline Schmelz
31.03.2010 21:57
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trefflich!

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