Die Künstlerin Louise Bourgeois ist in New York
verstorben
Subversive Weiblichkeit
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Referenzpunkt der Gegenwartskunst: Louise Bourgeois, hier mit ihrer
Skulptur "Eye to Eye, 1970". Foto: AP/Guggenheim Museum
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Von Brigitte
Borchhardt-Birbaumer

Die
eigenwillige Künstlerin fand erst spät breite Anerkennung.

Irritation durch ein vieldeutiges Werk.
New
York/Wien.Erst Mitte der 80er Jahre tauchte die 1911 geborene
Louise Bourgeois im europäischen Kunstgeschehen auf – aber dafür wird
ihr Werk bis heute in der Gegenwartskunst beachtet. Sie erlitt das
Schicksal vieler Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die sich politisch
wie feministisch engagierten: als ihre Skulpturen 1982 auf der documenta
in Kassel gezeigt wurden, war sie schon Anfang 70; im Jahr darauf
durfte sie den US-Beitrag für die Biennale von Venedig gestalten. Da
hatte sie bereits eine Retrospektive im Moma in New York hinter sich und
durch die Popularität ihres Environments "Destruction of the Father"
(1975) die Ehrendoktorwürde von Yale erhalten.
Mit ihrem "Confrontation Costume" und anderen Körperteil skulpturen
wie dem Latexphallus "La Fillette" (1968) ließ sie sich von bekannten
Fotografen wie Robert Mapplethorpe ablichten. "Body-Art" und Performance
interessierten sie ebenso wie die weiche Skulptur und die
Verwerfungsstrategien des Formlosen, das verunsichert und
Geschlechteridentitäten verschiebt, da bezog sich die gebürtige
Pariserin auf Sigmund Freud und Georges Bataille.
Kein Radikal-Feminismus
Allzu theoretisch war die Frau des Kunsthistorikers Robert Goldwater
aber trotz vieler eigener Texte nicht. Nach einem Studium in Paris,
unter anderem bei Fernand Léger, studierte sie am New Yorker Art
Students League und trat mit formal strengen Holzassemblagen, den
"Personages", 1941 im Umkreis der abstrakten Expressionisten auf. Mit
Robert
Motherwell und Ad Reinhardt war sie ebenso befreundet wie mit Le
Corbusier und Joan Mirò.
Wegen Demonstrationen gegen die Nationalsozialisten wurde die
Künstlerin in den 50er Jahren wie Marcel Duchamp oder Arthur Miller, für
den sie ein Buch illustrierte, als vermeintliche Kommunistin verhört.
Sie verbrachte viele Sommer in Italiens Marmorsteinbrüchen, auch
Carrara, wo 1981 die bekannte Skulptur "Femme Maison" entstand. Dass das
Werk eine Frau mit einem Haus über dem Kopf zeigt, symbolisiert
allerdings nicht nur weibliches Eingesperrt-Sein, sondern zugleich auch
ein Refugium. Immer wieder betont Bourgeois’ Œuvre das Vielschichtige,
Mehrdeutige, das Zwielichtig-Zwischengeschlechtliche. Im "She Fox"
(1985) wird selbst die Mutter phallisch: Wie die Sphinx wirken diese
ambivalenten Wesen bedrohlich, oft in gespenstische Zellen und Käfige
gesperrt – ein weiteres großes Thema der Raumkünstlerin. Auch der Grafik
und dem Textilen galt Bourgeois’ Aufmerksamkeit, war sie doch in einem
Teppichgroßhandel aufgewachsen.
Die Praxisnähe zum Material und zum Handwerk sowie ihre neuen Inhalte
vermittelte sie auch an Studierende. Durch die Versinnbildlichung
kreativer Produktivität durch die Schwangerschaft und die künstlerische
Würdigung bisher als obszön verworfener Körperteile ist Bourgeois in die
Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingegangen. Am
Montag starb sie 98-jährig in New York.
Printausgabe vom Mittwoch, 02. Juni 2010
Online
seit: Dienstag, 01. Juni 2010 17:39:06
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