VN Do, 15.11.2001

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Kultur 

Jener Moment, in dem Schleifpapier Kunst wird

Tagwerker in der Galerie Sechzig

VON ARIANE GRABHER

Feldkirch (VN) In den Kunstkontext übernommene, industriell produzierte Standardmaterialien beschäftigen den Vorarlberger Künstler Gerold Tagwerker seit geraumer Zeit. Wie sich einzelne Themen über die Jahre in seinem künstlerischen Werk etabliert haben, zeigt ein Rückblick in der Galerie Sechzig in Feldkirch.

Der selbstverständliche Umgang mit selbstverständlichen Materialien charakterisiert das Schaffen von Gerold Tagwerker (geboren 1965 in Feldkirch, lebt in Wien). Unbelastet, was ihre Rezeption anbelangt, werden Alltagsmaterialien wie Schleifpapier, Klebebänder, Pressspanplatten, Millimeterpapier, beschichtete Silberfolie u. a. just in dem Moment zum Kunstwerk, in dem sich der Künstler entschließt, sie im Kunstkontext zu präsentieren. Ausgewählt nach subjektiven ästhetischen Eindrücken, entfalten Sandpapier und Lochscheiben jedoch erst gerahmt ihre auratische Wirkung.

Wahrnehmungsqualität

Die Alltäglichkeit schwindet und macht einem neuen Zusammenhang, einer neuen Wahrnehmungsqualität Platz, während gleichzeitig aber auch die ursprüngliche Bedeutung noch mitschwingt. Denn Schleifpapier bleibt bei diesen Kontext-Transformationen immer noch Schleifpapier bei Tagwerker und als solches erkennbar. Überlagerung und Transparenz, Regelmäßigkeit und Zufall, Fläche und Tiefe, Bild und Material sind die Faktoren, an denen sich das Werk von Gerold Tagwerker reibt.

Beschränkt auf bildhafte Arbeiten aus den vergangenen sechs Jahren, klammert die aktuelle Ausstellung "Fundus-Materialien" in der Galerie Sechzig sowohl die zuletzt entstandenen Fotoarbeiten als auch die Objekte ganz bewusst aus. Stattdessen setzt Tagwerker auf eine Auswahl von Arbeiten, die zum Großteil auf Reisen oder während Auslandsaufenthalten in Paris, Rom, New York oder zuletzt in Chicago entstanden sind. Zusammengestellt zu Ensembles, spielen die einzelnen Arbeiten miteinander, bauen aber auch Spannung auf, wenn sich gewisse Dinge an verschiedenen Stellen im Werk wiederholen.

Vom Kreis zum Loch

Dieses Durchgängige von bestimmten "Leitmotiven", wozu z. B. das Motiv des Kreises (ausgeschnitten, abgedruckt, gestanzt oder gebohrt) gehört, sorgt auch dafür, dass man sich in der präsentierten Fülle völlig heterogener Materialien nicht verliert. Wenn aus magischen Kreisen entmystifizierte Löcher werden, wenn die ursprünglich als Unterlage gebrauchte Platte mit ihren kreisrunden, sich überlagernden Abdrucken plötzlich selbst zum Kunstwerk wird und sich hinter "Form Follows Function" das F-Wort, an das alle zuerst denken, ganz dezent im Hintergrund verbirgt, dann spielen die Arbeiten auf ihre unverfängliche Art auch mit der Wahrnehmung des Betrachters. Der lockere Umgang, die Lust am ständig neu entdeckten Material teilt sich auf unmittelbare Weise mit. Bei allem Reiz dieser Präsentation, die auch selten Gezeigtes an den Tag bringt, der Blick geht nach vorne: Und deswegen warten wir gespannt auf die neuen, jüngst in Chicago begonnenen Fotoserien und Objekte.

Tagwerker zeigt, was auf Reisen entstanden ist.




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