VON ARIANE GRABHER
Feldkirch (VN) In den Kunstkontext
übernommene, industriell produzierte Standardmaterialien
beschäftigen den Vorarlberger Künstler Gerold Tagwerker seit
geraumer Zeit. Wie sich einzelne Themen über die Jahre in seinem
künstlerischen Werk etabliert haben, zeigt ein Rückblick in der
Galerie Sechzig in Feldkirch.
Der selbstverständliche Umgang mit selbstverständlichen
Materialien charakterisiert das Schaffen von Gerold Tagwerker
(geboren 1965 in Feldkirch, lebt in Wien). Unbelastet, was ihre
Rezeption anbelangt, werden Alltagsmaterialien wie Schleifpapier,
Klebebänder, Pressspanplatten, Millimeterpapier, beschichtete
Silberfolie u. a. just in dem Moment zum Kunstwerk, in dem sich der
Künstler entschließt, sie im Kunstkontext zu präsentieren.
Ausgewählt nach subjektiven ästhetischen Eindrücken, entfalten
Sandpapier und Lochscheiben jedoch erst gerahmt ihre auratische
Wirkung.
Wahrnehmungsqualität
Die Alltäglichkeit schwindet und macht einem neuen
Zusammenhang, einer neuen Wahrnehmungsqualität Platz, während
gleichzeitig aber auch die ursprüngliche Bedeutung noch mitschwingt.
Denn Schleifpapier bleibt bei diesen Kontext-Transformationen immer
noch Schleifpapier bei Tagwerker und als solches erkennbar.
Überlagerung und Transparenz, Regelmäßigkeit und Zufall, Fläche und
Tiefe, Bild und Material sind die Faktoren, an denen sich das Werk
von Gerold Tagwerker reibt.
Beschränkt auf bildhafte Arbeiten aus den vergangenen sechs
Jahren, klammert die aktuelle Ausstellung "Fundus-Materialien" in
der Galerie Sechzig sowohl die zuletzt entstandenen Fotoarbeiten als
auch die Objekte ganz bewusst aus. Stattdessen setzt Tagwerker auf
eine Auswahl von Arbeiten, die zum Großteil auf Reisen oder während
Auslandsaufenthalten in Paris, Rom, New York oder zuletzt in Chicago
entstanden sind. Zusammengestellt zu Ensembles, spielen die
einzelnen Arbeiten miteinander, bauen aber auch Spannung auf, wenn
sich gewisse Dinge an verschiedenen Stellen im Werk wiederholen.
Vom Kreis zum Loch
Dieses Durchgängige von bestimmten "Leitmotiven", wozu
z. B. das Motiv des Kreises (ausgeschnitten, abgedruckt, gestanzt
oder gebohrt) gehört, sorgt auch dafür, dass man sich in der
präsentierten Fülle völlig heterogener Materialien nicht verliert.
Wenn aus magischen Kreisen entmystifizierte Löcher werden, wenn die
ursprünglich als Unterlage gebrauchte Platte mit ihren kreisrunden,
sich überlagernden Abdrucken plötzlich selbst zum Kunstwerk wird und
sich hinter "Form Follows Function" das F-Wort, an das alle zuerst
denken, ganz dezent im Hintergrund verbirgt, dann spielen die
Arbeiten auf ihre unverfängliche Art auch mit der Wahrnehmung des
Betrachters. Der lockere Umgang, die Lust am ständig neu entdeckten
Material teilt sich auf unmittelbare Weise mit. Bei allem Reiz
dieser Präsentation, die auch selten Gezeigtes an den Tag bringt,
der Blick geht nach vorne: Und deswegen warten wir gespannt auf die
neuen, jüngst in Chicago begonnenen Fotoserien und Objekte.
Tagwerker zeigt, was auf Reisen entstanden ist.