28.07.2003 16:03
Aufreger und Abenteurer
Ein
klitzekleiner Skandal im öffentlichen Raum und eine Dubuffet-Personale bringen
rund um die Festspieleröffnung Zündstoff nach Salzburg - Foto
Mit einer Skulptur der Kunstgruppe Gelatin wurde Salzburg noch
vor Festspieleröffnung zum Schauplatz eines klitzekleinen Skandals im
"öffentlichen Raum". Doch auch die Jean-Dubuffet-Personale im Rupertinum bürgt
für - gesicherten - Zündstoff.
Salzburg - Spur eines Abenteuers, von
wegen! Die rohen Papiermaché-Skulpturen oder die aus Styropor gefertigten
plastischen Arbeiten von Jean Dubuffet verdienen diesen Titel nicht. Vergleicht
man sie, welche im geschützten Raum des Rupertinum/Museum der Moderne Salzburg
unter diesem Subtitel stehen, mit dem Stehvermögen vor den Toren des
Museumsbaus, am Max-Reinhardt-Platz.
Die Abenteuerspur legt - manche
sagen: aufgelegt - die ewig pubertierende, listige und etwas ältere Boygroup
Gelatin, Österreichs Biennale-Venedig-Teilnehmer 2001. Eine Aufregung, im
doppelten Wortsinn, brachte von den Bürgermeistern an abwärts die Menge auf und
verschaffte Rupertinum-Chefin Agnes Husslein beste Publicity. Das wahre Theater
spielt sich auf der Straße ab. "Hat denn niemand noch Anzeige erstattet?",
erzürnt sich am Vormittag hinter der polizeilichen Absperrung eine Dame, deren
Hals durchgehend mit Klunkern abgedeckt ist.
"Da muss man eine Decke
draufgeben!" Dieses "Da" meint einen stattlich erigierten, ins Pink gehenden
Penis, der zu einer sehr modernen Interpretation eines Symboles männlicher
Macht, des Triumphbogens gehört.
Gelatins Arc de Triomphe formt ein
mindestens vier Meter langer Mann aus Plastilin. Dessen hölzerner Sockel dient
als Wasserreservoir und macht den Bogen zum Brunnen. Und es sprüht aus dem
Pi`ece de résistance. Shocking! Aufgefangen wird das Eau des Salzburger Manneken
Pis im Munde des ungelenken Triumphators. Salzburg lässt sich genau so
provozieren, und deshalb gerät die Sache etwas ins Öde auf beiden Seiten -
trotzdem lustig.
Auf der Skizze für die Behörden war das gute Stück noch
nicht oben gewesen. Marktstände: ja, vor dem Festspielhaus! Marktständer? Nein.
Sichtlich peinlich berührte Feuerwehrmannen bedecken das Ganze vom Hubkran aus
mit einer Planke, dazwischen fotografieren sich Schaulustige und Gelatin
gegenseitig. Ende offen.
Der gute alte Dubuffet (1901-1985) hätte hier
wahrscheinlich nur mit den Achseln gezuckt, er suchte Paralleluniversen jenseits
von Provokation. Konservativ, weil er von klassischer Malerei und Skulptur
ausging, modern und antitraditionell in der Umsetzung. Die 120 Leihgaben seiner
Rupertinum-Personale stammen nicht nur, wie 1995 in einer ausgezeichneten Schau
im Kunsthaus Wien, von der Pariser Fondation Dubuffet, sondern auch vom New
Yorker Guggenheim Museum, in dessen Dependance Bilbao die Ausstellung im Herbst
weiterwandert.
Chronologisch geht die Schau den Weg des Spätberufenen
nach - erst mit 41 entschloss sich der aus Le Havre Gebürtige zum Künstlertum,
orientierte sich anfangs an kubistischer Formgebung, an André Masson, Léger.
Abseits des angesagten Formenkanons entwickelte er eine heiter-anarchistische
Gegenwelt, die der Kunst von Geisteskranken, Kinderzeichnungen und
außereuropäischer Kunst Tribut zollte.
Flächiger Bildaufbau
Dubuffet, der ab 1945 auch diese Kunst sammelte und ausstellte,
verdankt man auch den Terminus "Art brut" sowie deren Wertschätzung. Stilistisch
meint das den eher flächigen, aus großen Farbformen zusammengesetzten
Bildaufbau, das gleichwertige Nebeneinander isolierter Einzelformen, das
Überzeichnen von Details. Der Künstler selbst sprach von "räumlichen
Partituren".
Wüsten- und Arabien-Fan Dubuffet, der in Paris und New York
arbeitete, experimentierte mit Materialien, wollte Natur realistischer als die
Natur nachbilden. Das Arbeitsmaterial, manchmal auch in dadaistischer Manier
etwa Schmetterlingsflügel, sollte psychische Prozesse unmittelbar übertragen.
In den Bildern der Serie Paris Circus und den Arbeiten der zwölf Jahre
währenden Serie Hourloupe aus den 60er-Jahren verschwinden die angedeuteten
Personen in einem Geflecht aus Linien. Bemalte Skulpturen aus Styropor, deren
Über-Utopie in Frankreich in der Cloiserie Falbala (Perigny-sur-Yerres)
verwirklicht wurde, weisen in ihrer Abstraktion auf das in einem eigenen
Stockwerk präsentierte, kraftvolle und im besten Sinne eigenwillige Spätwerk des
Künstlers.
Allen voran die Serie Mires, was einerseits Blickpunkt
bedeutet, andererseits, philosophisch, die Gestalt der Gegenstände, die in einem
Spiegel reflektiert werden. Also auch hier, auf den zweiten Blick,
kunsthistorisch natürlich schon Jahre verdaut, genügend Spuren für Abenteuer.
(DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.7.2003)