Steckt "Kunstmafia" hinter Plünderungen?

Indizien deuten darauf hin, dass die wichtigsten irakischen Kunstschätze von organisierten Banden gestohlen wurden.


Die Plünderungen in irakischen Museen gehen nach Angaben von Kunstexperten weitgehend auf das Konto professioneller Banden. So sind für den Direktor des Islamischen Museums auf der Berliner Museumsinsel, Claus-Peter Haase, die Plünderer im Irakischen Nationalmuseum im Auftrag einer internationalen "Kunstmafia" vorgegangen. Die Täter hätten sehr genau gewusst, wo die kostbarsten Schätze gelegen hätten, sagt Haase. "Man hat ganz bestimmte Objekte gesucht und gefunden, wie mit einer Liste."

"Eklatanter Vandalismus"

Erstaunlich sei auch, "mit welch brachialer Gewalt selbst schwerste Tresore aufgebrochen wurden", in die Museumsmitarbeiter bei Ausbruch des Krieges die besonders wertvollen Schätze eingelagert hätten. Zutiefst befremdlich sei der "eklatante Vandalismus", der auch den Verdacht nahelege, dass hier bewusst eine falsche Spur gelegt werden sollte, meinte Haase.

Dass dies unter den Augen von Soldaten geschehen konnte, sei unfassbar. US-Soldaten hätten nach eigenen Aussagen für ein Einschreiten an diesem Ort zunächst "keine Order" gehabt, wie aus Fernsehberichten hervorgegangen sei, sagte Haase.

Auch "einfache Leute" unter den Dieben

Auch der israelische Archäologie- Professor Dan Bahat geht davon aus, dass die wichtigsten Stücke von professionellen Banden gestohlen wurden. Der Archäologe schlug im israelischen Rundfunk vor, über eine kurzzeitige Amnestie für Plünderer wenigstens an einen Teil der aus dem Irakischen Nationalmuseum in Bagdad gestohlenen Kunstwerke zu gelangen.

Teilweise hätten neben den organisierten Banden auch "einfache Leute" zugegriffen. "Vielleicht kann man diese durch eine zeitlich beschränkte Amnestie zur Rückgabe der Gegenstände bewegen", meint Dan Bahat.

Angebot und Nachfrage

Der Großteil der gestohlenen Kunstwerke wird nach Expertenmeinung auf dem internationalen Kunstmarkt wieder auftauchen. "Das zeigen unsere Erfahrungen auch aus dem ersten Golfkrieg", sagt die Geschäftsführerin des "Art Loss Registers" in Köln, Ulli Seegers. "Die Museen würden nicht geplündert, wenn es keinen internationalen Markt für die Gegenstände gäbe." Den Plünderern gehe es meistens schlicht und einfach um Geld.

42 Gemälde sichergestellt

42 Gemälde seien an der irakisch-jordanischen Grenze sichergestellt worden, berichtete ein Mitarbeiter des Zolls am Samstag in Amman. Die genaue Herkunft der Gemälde müsse noch geklärt werden. Die Zeitung "El Dustur" berichtete, die Kunstwerke seien bei aus dem Irak ausreisenden Journalisten beschlagnahmt worden.

Vorhersehbare Katastrophe

"Die Tragödie war vorhersehbar und hätte verhindert werden können", sagt der Kultur-Berater von US-Präsident George W. Bush, Martin Sullivan, und trat aus Protest zurück. Museums-Direktor Haase bezeichnete die Plünderungen als den "größten Schock, den ein Museumsmann erleben kann".

Als besondern Verlust würde der Berliner Museumsdirektor die Zerstörung der in Bagdad bisher vorhandenen sehr guten Dokumentation sämtlicher Grabungen im Irak werten. Dieses präzise Archiv existiere seit dem Ersten Weltkrieg und sei kontinuierlich weitergeführt worden.

Manche Stücke besonders gefährdet

Der israelische Archäologe Dan Bahat äußerte die Befürchtung, dass vor allem aus Edelmetall bestehende Gegenstände für immer verloren sein könnten. "Die wichtigsten Stücke sind ja so bekannt, dass sie praktisch unverkäuflich sind. Und es könnte sein, dass die Diebe alles einschmelzen, was aus Gold oder Silber gemacht wurde."

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