Der Autor dieses Textes, ist einer der bekanntesten Kunstpublizisten Deutschlands. U.a. war der heute 76-jährige Hauptkustos der Nationalgalerie Berlin, Professor für Kunstgeschichte in München und Präsident der Sommerakademie Salzburg. Schmied ist seit 1995 Präsident der Akademie der Schönen Künste Bayerns.
Mit all dem, was in Wien vorhanden ist und inszeniert wird - nicht zuletzt auch im Museumsquartier - können die größten Hauptstädte der Bundesländer, wie Graz oder Linz, nicht mithalten. Einerseits verfügen sie nicht über die üppige Fülle des Angebots wie die Bundeshauptstadt. Andererseits ist ihr "Einzugsgebiet" sehr viel kleiner. Aber deswegen müssen sie, wie man sagt, "ihr Licht noch lange nicht unter den Scheffel stellen".
Mit weniger potenziellen Besuchern kalkulieren zu müssen beeinflusst gravierend den Kostenfaktor - und muss dem Mut, Neues zu wagen, schmerzhafte Grenzen setzen. Das Problem ist also: Wie kann man altbewährte, aber mit den Jahren ein wenig angestaubte Institutionen wieder aktuell und attraktiv machen, ohne in billigen Populismus zu verfallen (der auf die Dauer doch nichts bringen würde)?
Graz war 2003 Kulturhauptstadt Europas, Linz soll es in wenigen Jahren werden. Das ist ein anspruchsvoller Titel, der viele Besucher in die Stadt zieht, aber auch die Erwartungen fast ins Unermessliche schraubt. Graz hat die Herausforderung - alles in allem - mit Bravour bestanden. Zwölf Monate durfte man bedenkenlos über die eigenen Verhältnisse leben - und zufrieden sein, wenn manches blieb (wie das wunderschöne technische Wunderwerk des neuen Kunsthauses an der Mur) und man nicht (nur) in Erschöpfung und Schulden endete, wie von manchen vorhergesagt.
Graz sah sich also vor die Aufgabe gestellt (was in Linz in naher Zukunft auch der Fall sein wird): Was tun, wenn man europäische Kulturhauptstadt gewesen ist, und den einmal gewonnenen Anspruch und Status verteidigen und in eine permanent spannungsvolle Szene umsetzen will?
Die Antwort konnte nur lauten: sich nicht verzetteln. Gerade wenn es - auf dem Gebiet der bildenden Künste wie der Museen insgesamt - so viele dezentrale Spielorte gibt, in Graz selbst wie in der Steiermark im Ganzen, gerade dann ist eine koordinierende Planung vonnöten. Die Kräfte bündeln - in der Technik nennt man das den Synergieeffekt. Miteinander, nicht gegeneinander arbeiten.
Konkurrenz ist gut
Die Lösung, die für Städte wie Graz oder Linz die richtige ist, muss sich also grundlegend von der in Wien praktizierten unterscheiden. Dennoch wird auch hier ein gewisses Maß an Konkurrenz nicht schaden. Konkurrenz ist wie das Salz für die Suppe: ohne schmeckt sie fade, ein Zuviel freilich kann alles verderben.
In Linz war das Nebeneinander der Städtischen Galerie (Peter Baum) und des O.Ö. Landesmuseums mit Landesgalerie (Peter Assmann) jahrelang ein erfrischend lebendiges Moment. Nun hat die Städtische Galerie mit dem prachtvollen Neubau des Lentos-Hauses zwar seine Ausgangsposition verbessert, aber noch nicht die Strategie entwickelt, das allgemeine Interesse neben dem übermächtigen und höchst aktiven Landesmuseum (das jetzt, seiner zwölf verschiedenen Spielstätten wegen, im Plural anzusprechen ist - wir sollten also von den Landesmuseen reden) auf sich zu ziehen. In Graz war es lange das (keinesfalls immer konfliktfreie) Nebeneinander von Otto Breicha und Wilfried Skreiner, das die Kunstszene dominierte.
Beide hatten ihre unbestreitbaren Meriten. Otto Breicha zeigte im Kulturhaus der Stadt (das inzwischen zum Ort des Literaturhauses umgewandelt wurde) die österreichische Kunst nach 1945 von Fritz Wotruba bis zu Hermann Nitsch, von Arnulf Rainer bis zu Günter Brus. Wilfried Skreiner, der Direktor der Neuen Galerie im Landesmuseum Joanneum, engagierte sich für die Transavanguardia und die als "neu" apostrophierte Malerei der Achtzigerjahre wie für das grenzübergreifende Projekt "trigon". Das war damals eine höchst aktuelle Sache: die Randlage der Steiermark als ein Stück Mitteleuropa zu begreifen, den Eisernen Vorhang beharrlich ein bisschen durchlässiger zu machen, durch die beständige Einladung ungarischer, jugoslawischer (und italienischer) Künstler nach Graz.
Jetzt heißen die Kontrahenten Peter Pakesch - früher Direktor der Kunsthalle Basel - und Peter Weibel. Pakesch ist Intendant des Gesamtkomplexes Joanneum, dem auch das neue Kunsthaus eingegliedert ist. Ihm schwebt die Entwicklung eines interdisziplinär orientierten Museumsmodell vor - mit einem Aufwand von 40 Millionen Euro bis zur 100-Jahr-Feier des Joanneums im Jahre 2011. Weibel, einer der interessantesten österreichischen Künstler mit Wohnsitz in Karlsruhe, ist dort Direktor des ZKM und der Medienhochschule. In Graz wirkt er als Chefkurator der Neuen Galerie.
Profilierungswille
Das Ausstellungsbudget der Neuen Galerie ist mit rund 500.000 Euro erheblich
niedriger als das des schon durch seine Architektur faszinierenden Kunsthauses.
Da können Spannungen nicht ausbleiben. Sie sind ebenso in der Sache begründet
wie persönlicher Natur. Bedeutende Menschen lieben einander eben nicht
unbedingt, besonders wenn sie über ausgeprägten Profilierungswillen verfügen.
Trotzdem erscheint das Nebeneinander von Pakesch und Weibel ein Gewinn für Graz,
signalisiert es doch ein unablässiges Sprudeln attraktiver Ideen, die jenes Maß
an Unruhe in die Steiermark bringen, das dort wie überall gebraucht wird.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.6.2005)