Rot glühende Berge, düstere Ebenen und knallgrüne Gräser hängen dicht beieinander: expressive, farbgewaltige Bilder, die impulsiv und intuitiv gemalte Landschaften zeigen. Herbert Brandl zeigt in der Albertina eine Auswahl seiner Monotypien – eine Drucktechnik, die im 17. Jahrhundert entwickelt wurde und die Brandl letztes Jahr für sich entdeckt hat. Anders als bei üblichen Verfahren entstehen mit dieser Technik nicht mehrere identische Bilder, sondern jeweils ein Original – daher auch der Name: „ein einziges Bild“. Das Motiv wird mit feuchter Farbe auf eine ebene Fläche – bei Brandl auf eine Acrylplatte – auf- und dann auf das Papier übertragen. So bestimmt nicht das Druckverfahren, sondern die Art und Weise des Farbauftrags das Bild.
Landschaftsmalerei galt als Kitsch
Entwickelt wurde diese Technik in derselben Zeit, in der auch die Landschaftsmalerei entstand – und sich unser Verständnis des Begriffs „Landschaft“ nachhaltig veränderte: Bis zum 17. Jahrhundert bezeichnete man damit die Gesamtheit der Bewohner eines Landes; „-schaft“ verweist auf eine organisatorische Einheit. Später engte sich der Begriff auf die ständischen Vertretungen ein, die sich im Landtag versammelten. Noch heute erinnern aus dem 16. Jahrhundert stammende Apotheken in Österreich an die frühere Bedeutung: die „Landschafts-Apotheken“ in Schwechat oder Baden ehemals von Landesständen betrieben.
In der Kunst tauchen Bäume, Berge und Flüsse lange nur als Schauplatz oder Kulisse einer erzählerischen Szene auf. Erst im 17. Jahrhundert in den Niederlanden wurden diese Bildelemente zum eigenständigen Bildthema. Damals war nicht mehr die Kirche, sondern das Bürgertum Auftraggeber und Käufer von Kunst. Im privaten Gebrauch waren einfache Motive wie Windmühlen oder Baumalleen, Wolkenhimmel oder wechselnde Lichtverhältnisse beliebt.
In jeder Epoche definierten die Künstler das Genre neu, im 19.Jahrhundert etwa spiegelt die Landschaft ein subjektives Erleben wider, im Impressionismus interessierten die Licht- und Farbspiele, im Realismus die oberflächliche Ansicht. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet die Landschaft unter Kitsch-Verdacht. Erst die „Jungen Wilden“ in den 1980er-Jahren eroberten sich das Bildmotiv mit ihrer expressiven, gestischen Malerei zurück. Damals begann auch der 1959 in Graz geborene Herbert Brandl seine intensiven Bilder, mit einem dicken Farbauftrag, aber noch vorsichtig abstrakt. Nur in seinen Zeichnungen wurde er schon früh gegenständlich, in der Malerei tauchten die ersten Landschaften um 2000 auf. Zur Biennale Venedig 2007 füllte er den österreichischen Pavillon mit 13 monumentalen Bildern von Bergen. Es gelang ihm, dieses tabuisierte Genre überzeugend wiederzubeleben.
In der Albertina schafft er einen weiteren Höhepunkt. Einmal mehr
wird deutlich, dass Brandl weder ein Abbild noch eine Interpretation
von Landschaften malt. In der Dichte der Motive, in den Variationen der
Farben und Formen sehen wir einen rein malerischen Kosmos. „Ich
entwickle Farbe aus der Farbe heraus und nicht aus der Form. An sich
handelt es sich bei meiner Malerei um Farbflecken oder Farbwolken, aus
denen sich eine Hauptfarbe entwickelt, die alles überflutet“, erklärte
Brandl einmal. Bei seinen über 100 Monotypien drängt sich die Vermutung
auf, dass wir es wieder mit einem neuen Verständnis von Landschaft zu
tun haben: Hier interessiert nicht mehr wie im 17. Jahrhundert das
Erforschen der sichtbaren Natur, sondern eine Auflösung unserer Welt in
Farbe, wie in einem seltsamen neurowissenschaftlichen Experiment.
Bis
9.Jänner. Weitere Ausstellungen Brandls: „Malfluten im gleißenden
Neonlicht“, 3. 11.– 8.1., Galerie nächst St. Stephan, Wien;
„Schmieragen“, 6.11.–9. 1. Galerie Elisabeth & Klaus Thoman,
Innsbruck.
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