| Salzburger Nachrichten am 23. November 2002 - Bereich: kultur
Bruch mit Traditionen
DER STANDPUNKT
MARTIN BEHR
Im dritten Jahr der Intendanz Peter Oswald hat sich ein zuletzt angedeuteter Wandel in der Konzeption des "steirischen herbstes" vollzogen. Das Festival für Gegenwartskunst bricht klar mit dem "Uraufführungswahn" (Oswald) aus der Vergangenheit und setzt stattdessen auf nationale wie internationale Kooperationen. Diese Verweigerung gegenüber einem "Deflorationszwang" (wieder Oswald) in der Kunst lenkt - gepaart mit der Tendenz, sich mit bewährten Namen zu umgeben - das einst über Provokationsakte und Sprungbrett-Funktion definierte Festival in neue Bahnen. Dagegen ist nichts zu sagen, würden nicht Begriffe wie "Wagnis" oder "Experiment" in Selbstdefinitionen und Festreden immer noch herumschwirren. Das Wagnis, Großprojekte etwa mit Zaha Hadid, Olga Neuwirth, Beat Furreroder, Elfriede Jelinek zu bestreiten, ist ein Geringes. Dem Publikum reinen Wein einzuschenken, will heißen, eine Ära als beendet zu erklären, tut Not. Zum heurigen Jahr: Positiv registriert werden kann, dass in der Bildenden Kunst-Präsentation die Qualität zugenommen hat, die Mitveranstalter - in der Vergangenheit oft Sorgenkinder - haben gute Arbeit geleistet. Dürftig fällt die Bilanz auf dem Sprechtheater-Sektor aus, ein exzellenter Akt (der dritte in Jelineks Prinzessinnendramen) auf der Haben-Seite ist sicher zu wenig. Ganz anders das Musiktheater, wo Salvatore Sciarrinos "Macbeth" dem "herbst" ein Glanzlicht beschert hat, bei Furrers "Begehren" im kommenden Jänner sollte wenig schief gehen. Für internationale Schlagzeilen hat die architektonische High-Tech-Wunderkammer "Latente Utopien" gesorgt, auch diese Schau atmet den Geist des neuen "herbst"-Machers. Löblich, wenn auch nur für Insider gedacht, die Symposien, ungewohnt uninspiriert das "herbstbar"-Flair. Der hohe finanzielle Aufwand für die "Utopien"-Schau sowie das Projekt "Helmut-List-Halle" hat anderwärtig Geld abgezogen, im öffentlichen Raum war der "herbst" nur spärlich präsent. Dass das Festival mit der Musikhalle eine Heimstätte erhält, ist ebenfalls ein Bruch mit der (Nomaden-)Tradition. Graz bekommt mit Peter Oswald und auch über das Projekt "Europäische Kulturhauptstadt" ein neues kulturelles Gesicht: Die "wilde" Avantgarde-Hochburg existiert nur noch in den Geschichtsbü-chern.
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