| Groß, schön, transparent | |
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Kunst braucht Platz. Woher nehmen und nicht neu bauen? Umbauen, genauer überdachen!
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Ins Historische Museum der Stadt Wien Wien pilgern bereits die
Studenten der benachbarten Technischen Universität ins Museum, um die
Glaskonstruktion des Architekten Dimitris Manikas zu studieren. Hatte er
doch die sensible Aufgabe, in den Oswald-Haerdtl-Bau, der zu den wenigen
heute erhaltenen Qualitätsbeispielen der Architektur der fünfziger Jahre
zählt ein Glasdach einzuziehen.
"Ganz wunderbar, dieses gewölbte Dach", sagt Suzanne Taverne und sie
meint nicht das Wiener Museum, sondern Norman Fosters
Überdachung des British Museum. Auch zu Fosters Dach werden die Studenten
pilgern, handelt es sich doch um das größte seiner Art. 8.000 Quadratmeter hat Sir Norman, der schon dem Berliner Reichstag die
Krone aufsetzte, überdacht. "Wir haben den größten überdachten Platz in
Europa geschaffen.", schwärmt die Direktorin. Zugleich ist der alte
Lesesaal des Museums, in dem sich unter anderem Karl Marx einen großen
Teil seiner Theorien über den Kommunismus ausdachte, mitten in diesem Hof
wieder zum Schmuckstück der ganzen Anlage geworden. Es kann der Beste nicht in Frieden...
Wenn Königin Elizabeth II. an diesem Mittwoch nach zweieinhalb Jahren
Umbauzeit den rund 2,25 Milliarden Schilling teuren und Hof eröffnet, dann
sollten eigentlich alle feiern. Schließlich überschlagen sich die
Architekturkritiker des Landes vor Lob für Fosters großen Wurf, spricht
beispielsweise Alice Rawsthorn in der "Financial Times" von einem der
"besten öffentlichen Räume" des Landes. Aber Ärger überschattet schon seit 18 Monaten das Gehämmere im
Britischen Museum, seit ein anonymer Anrufer die Bauherren über
Unfassbares informierte. Das neue große, etwas neoklassizistische
Südportal wurde nicht mit dem vertraglich vereinbarten Stein aus dem
englischen Portland gebaut, sondern mit französischem Kalkstein. Der
pensionierte Chef der Denkmalschützer, Sir Jocelyn Stevens, forderte
vergeblich den sofortigen Abbruch des Portals. Und auch in den letzten
Stunden vor der Eröffnung beschuldigte er die Verantwortlichen, die
Kontrollen vernachlässigt zu haben. Pomp and Glory Das Britische Museum, erstaunlicherweise immer noch kostenlos zu
besuchen, ist eine Stätte, die schon bei der Eröffnung im Jahr 1850 der
nationalen Größe geweiht war. Dort ist zusammengetragen, was britische
Forscher und Entdecker rund um den Globus fanden, einpackten und
mitnahmen. So sind - oft ohne die einheimischen Besitzer auch nur zu
fragen - exquisite Sammlungen beispielsweise altägyptischer, griechischer
oder asiatischer Kultur entstanden. Acht Architekten haben sich in den
vergangenen 150 Jahren immer wieder an diesem Allerheiligsten versucht.
Foster hat zweifellos die spektakulärste Veränderung eines ansonsten eher
bedeutungslosen Gebäudes geschaffen. Neue Nutzung Schon seit 1857 war der Innenhof rund um den Lesesaal mit seiner
gigantischen Kuppel zunehmend überdacht und als Bücherdepot genutzt
worden. Erst als 1998 die Bücher in die neue British Library umzogen,
konnte der Innenhof wieder als Hof gesehen und benutzt werden. Fosters
Dach bläht sich leicht zwischen Museumsmauern und Lesesaal auf: 3.312
Glaspaneele und 478 Tonnen Stahl vereinen sich zu einer überaus leichten
und beschwingten Konstruktion. Damit wird in einem Museum, das für
jährlich 100.000 Menschen geplant war und jetzt von 5,5 Millionen besucht
wird, vor allem dringend benötigter Platz für neue Sammlungen
geschaffen. Das Prachtstück ist freilich der in altem Glanz renovierte Lesesaal,
nach dessen Besuch Michail Gorbatschow 1984 sagte, Beschwerden über die
Existenz des Kommunismus sollten bitte an das Britische Museum gerichtet
werden. Anders als Karl Marx, der auf Platz A6 über die Weltrevolution zu
grübeln pflegte, brauchen jetzt Besucher erstmals keine Eintrittskarte
mehr. Der Saal, in dem auch Leo Trotzki, Mahatma Gandhi, Oscar Wilde und
George Bernard Shaw arbeiteten, steht nun allen Besuchern offen. Nach zwei umstrittenen architektonischen Projekten, dem Millennium-Dome
in Greenwich und Lord Fosters eleganter Themsebrücke, die noch am Tag der
Eröffnung für unbenutzbar erklärt wurde - scheint nun ein Londoner
Prachtstück gelungen zu sein. | ||||||