Salzburger Nachrichten am 7. Juni 2006 - Bereich: Kultur
Leben im "Transitzustand"

Die Not eines Menschen sei in Afrika keine Ausnahme, sondern Normalität, sagt der afrikanische Künstler Barthélémy Toguo im SN-Gespräch.

Gudrun WeinzierlSalzburg (SN). Barthélémy Toguo aus Kamerun ist einer der wenigen afrikanischen bildenden Künstler, die für ihre Arbeit international große Anerkennung finden. Seine erste Ausstellung in Österreich ist seit der Vorwoche in Mario Mauroners "Galerie Academia" in Salzburg. Gezeigt werden kleine sowie riesige Aquarelle in roter oder schwarzer Tusche (bis 30. Juni). Zu sehen sind apokalyptische Wesen oder verstümmelte Körper. Toguos Kunst ist afrikanisch, ohne unsere vorgefasste Meinung zu erfüllen.

Seit Ihrem Kunststudium in Grenoble und in Düsseldorf in den 90er Jahren bewegen Sie sich sowohl in Afrika wie in Europa und Nordamerika. Sie leben in Paris und in Bandjoun, der Heimat ihrer Eltern in Kamerun. Wie können Sie mit diesen Gegensätzen von Not und westlichem Wohlstand umgehen? Toguo: Das Leben ist voll von Notlagen, die Not eines Menschen ist kein Ausnahmezustand, sondern durchaus die Regel. In Afrika ist Not besonders sichtbar, Menschen wollen sie nicht sehen, weil sie sich ohnmächtig fühlen daran etwas zu ändern. Aids, Korruption, Hunger - ich weiß das ist nicht zu ändern, es wird fortdauern. Als Künstler, der in verschiedenen Kulturen lebt, kann ich auf meine Weise Lügen und Gewalt, Betrug, ökonomische und menschliche Ausbeutung aufzeigen. Ich baue seit einigen Jahren an einem Kulturzentrum in Bandjoun, das in wenigen Tagen eröffnet wird. Aber Kunst hat natürlich nicht die Priorität auf einem Kontinent, der derart geschwächt ist.

Das ganze Leben ist ein Reisen, das von einem Erlebnis zum anderen führt, Leben ist oft auch ein "Transitzustand", wo man nirgendwo dazugehört. Ob man nun weiß, schwarz oder gelb ist, ist dabei unwesentlich. Was ich täglich sehe und erlebe, setze ich in meine Kunst um, auch das ist ein permanentes Überschreiten von Grenzen. Ich thematisiere die üblichen Vorurteile, die vielen kleinen Geschichten der Demütigung, die man mit Ordnungshütern, beim Zoll, mit den Nachbarn usw. erlebt.

Wir leben in einem Zwischenzustand. Es wird versucht getrennte Welten, Nationen, Gesellschaften zu erhalten, dabei sind die Kulturen, Sprachen und Traditionen längst im Austausch.Sind Sie als angesehener Künstler im Alltag vor Rassismus verschont? Toguo: Mein Pass ist voll mit Stempeln. Einreise und Ausreise liegen oft nur wenige Stunden voneinander, weil mir die Einreise verweigert wird. Ich frage Sie, wem gehört diese Welt? Der Kolonialismus dauert an, nur die Praktiken der Kolonialherren haben sich geändert.

Waren können leicht über die ganze Welt bewegt werden, nur bei der freien Bewegung des Menschen wird es schwierig. Migration und Warenverkehr sind Themen, die in meiner Arbeit wichtig sind. Ich kann in einer Galerie eben noch gefeiert werden, ein paar Stunden später ist das freie Reisen behindert. Da wird erlebbar, dass das Schwarze das Böse oder Gefährliche ist, dem man den Zutritt verwehren will. Neben politischer Aussage und sozialer Kritik sprüht Ihre Kunst in anderen Werken von Leben, Erotik und Sex und einer seltsamen Traumwelt. Toguo: Liebe und Leiden, Lust und Schmerz, das ist normales Leben. Sexualität ist wichtig in meinem Werk, sie inspiriert, weil sie die Quelle des Vergnügens wie des Schmerzes ist, sie ist die Essenz, die Voraussetzung und Notwendigkeit der Beziehung zwischen Mann und Frau. Sexualität in einem Bild oder einer Installation darzustellen, ist eine Art von Landschaft zu kreieren, in der wir auch Furcht und Besorgnis, Qual und Abneigung vorfinden - und das beunruhigt uns.Ihre großen Aquarelle sind an den Ecken mit dem Spielkartensymbol Treff versehen, was bedeutet das? Toguo: Es könnte auch ein anderes Kartensymbol sein. Ich will hinweisen, dass meine Bilder - ob sie nun positiv und lebensbejahend betrachtet werden oder negative Emotionen daraus gelesen werden - das Leben spiegeln, wie ich es vorfinde. Das Leben betrachte ich als ein Spiel, das sehr schön, aber auch das extreme Gegenteil davon sein kann.