Blüten-Ballett„At the beginning of something else“, so der Titel einer reizvollen AusstellungMehr als drei Jahre arbeitete sie an den Bildern für ihre erste
Einzelausstellung in der Galerie Blickensdorff. Das will etwas heißen in
schnelllebigen Zeiten. Dabei zehrt die Künstlerin von einem schnellen
Medium, der Fotografie. Doch der Manipulationsprozess am Computer dauert.
Bis Gerlinde Helm zu ihren Fotos gelangt, die nicht abbilden, sondern
fremdartige Bildwelten eröffnen, gehen andere mit Meterware schon von
Messe zu Messe. Nein, mit Ruff & Co. kann man die 38-jährige Österreicherin, die
eigentlich von der Bildhauerei kommt, nicht vergleichen. Bei ihr wird
nicht einfach pornographisches Material aus dem Internet heruntergeladen
und bearbeitet. Ihr Anspruch ist es, neue Strukturen zu kreieren,
verarbeitete Fotografie zu zeigen. Dass ihr kaleidoskopartiger Kosmos
durchaus auch ornamentale Fleischeslust suggeriert, spricht für ihr
schöpferisches Talent. Reproduzierend, die Realität einfangend, betätigt sich Gerlinde Helm
also nicht. Statt dessen setzen ihre digitalen Mosaikbilder die Fantasie
des Betrachters in Gang, der jede Arbeit schon deshalb lange anschauen
mag, weil sie keine Eindeutigkeiten oktroyiert. Da spreizen sich
Fingerchen an Luftballons, wiederholen sich die gespiegelten Muster und
ergeben ein blumiges Ballon-Blüten-Ballett voller Energie und
Farbenfreude. Diese der Abstraktion angenäherten „Kristallisationen“ basieren häufig
auf gestellten Motiven, die sie mit der Kamera einfängt. Bevorzugt: die
Ballonperformance im Stadtpark. Die in Berlin lebende Künstlerin
manipuliert Muster, die auch Erinnerungsmuster sind, die als sich
verändernde, beweglich erscheinende Formen das Universums spiegeln.
„At the beginning of something else“, so der Titel der reizvollen
Ausstellung, schließt dabei den Blick zurück immer ein. Wie unter dem
Mikroskop öffnen sich in den großformatigen Arbeiten Abgründe der
Mutterhöhle. Eiformen erinnern an jenes Stadium der menschlichen
Entwicklung, die am Anfang steht, an den Beginn von etwas Neuem,
Individuellen, das anders ist als alles andere. Die Preise der digitalen Fotografien liegen zwischen 950 Euro für ein
kleinformatiges Lamdaprint hinter Plexiglas und 6600 Euro für eine
zweiteilige, sich über Eck in den Raum ausdehnende Arbeit im Format von
120 x 270 cm. Die Auflage beträgt jeweils sechs Stück. Darüber hinaus sind
Videos der Künstlerin erhältlich. Galerie Blickensdorff, Gipsstr. 4, Mitte; bis 18. Januar. Di-Fr
14-19 Uhr. Sa 12-16 Uhr. Weitere Arbeiten im Schaulager der Galerie in der
Backfabrik, Prenzlauer Allee, Ecke Saarbrücker Str. 36 Artikel erschienen am Fr, 6. Dezember 2002 |
||||
| Artikel drucken | ||||
| © WELT.de 1995 - 2006 | ||||