Kultur

Jahr für Jahr ein lustvolles Ärgernis

13.12.2007 | SN
Mist oder Kunst? Farce oder Bullshit? - Retrospektive aller Turner-Preisträger in der Tate Gallery London MAGDALENA MIEDL

magdalena Miedl London (SN). "Mind the crap!" (Vorsicht vor dem Mist!) schmierte Graffiti-Künstler Banksy einmal auf die Stufen der Tate Gallery in London. Dorthin begibt man sich jährlich zur Verleihung des Turner-Preises. Und Kunstkritiker Brian Sewell notierte: "Die jährliche Farce um den Turner-Preis ist im November mittlerweile so unvermeidlich wie das Krippenspiel zu Weihnachten."

Weil über Kunst selten so viel gestritten wird wie anlässlich des seit 1984 vergebenen Turner-Preises, zeigt die Tate Gallery London bis 6. Jänner eine Retrospektive der bisherigen 23 Preisträger. Für die Auszeichnung in Frage kommen britische oder in Großbritannien arbeitende Künstler unter 50 Jahren.

Gigantische Großformate, stille Konzepte und spektakuläre Installationen: Die Ausstellung ist ein abwechslungsreicher Schaugenuss quer durch alle künstlerischen Medien. Da sind ausdrucksstarke Malereien von Howard Hodgkin, fotografische Dokumentationen der Installationen von Rachel Whiteread und Filme von Künstlern wie Steve McQueen und Gillian Wearing. Damien Hirst, der mit seinen Arbeiten 1995 das größte Aufsehen in der Geschichte des Preises erregt hatte, ist mit "Mother and Child" vertreten, einer trächtigen Kuh und einem Kalb, in Formalin eingelegt und längs gespalten, so dass sich die Besucher zwischen die Hälften der Kuh begeben können.

Umstritten war der Preis von Beginn an. Das Prozedere der Nominierung von fünf Kandidaten und die Auswahl des Preisträgers durch eine Jury erregt stets Medien- und Publikumsinteresse. Die wettbegeisterten Briten riskieren immer wieder hohe Einsätze.

Der diesjährige Preis ging an Mark Wallinger. Zum ersten Mal ist die Ausstellung der Nominierten außerhalb Londons, in der Tate Liverpool, zu sehen. Wallinger erregte Aufsehen mit dem Video "Sleeper", auf dem er 154 Minuten lang als Bär verkleidet durch die leere Berliner Nationalgalerie irrt.

2002 schrieb Kulturminister Kim Howells in einem öffentlichen Besucherkommentar: "Wenn das hier das Beste ist, was britische Künstler produzieren können, dann ist die britische Kunst verloren. Das ist kalter, mechanischer, konzeptueller Bullshit." Der Kommentar schadete dem Preis nicht, sondern erhöhte nur die Aufmerksamkeit. Größtes Verdienst des Turner-Preises ist es jedes Jahr, die Frage nach dem Wesen der Kunst öffentlich zu machen.

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