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Kunstberichte
Der Kunstsammler Rudolf Leopold ist 85-jährig in einem Wiener Krankenhaus gestorben

Augenarzt mit Sammlerblick

Rudolf 
Leopold im Oktober des Vorjahres bei der Präsentation der Ausstellung 
"Edvard Munch und das Unheimliche" im Leopold Museum. Foto: 
Leopold Museum-Privatstiftung/apa

Rudolf Leopold im Oktober des Vorjahres bei der Präsentation der Ausstellung "Edvard Munch und das Unheimliche" im Leopold Museum. Foto: Leopold Museum-Privatstiftung/apa

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Rudolf Leopold trug die bedeutendste Privatsammlung zusammen.
Aufzählung Der Schiele-Kenner und Museums-Stifter scheute nicht die Konfrontation mit seinen Kritikern.

Wien. Der fatale Sturz in Mailand, der zum Auslöser mehrerer Operationen und zusätzlicher Komplikationen mit Herzschwäche führte, passierte zwar anlässlich einer Schiele-Ausstellung. Aber es war eine Stufe in der Nähe der "Pieta Rondanini" von Michelangelo, die dem wohl bekanntesten Kunstsammler der Zweiten Republik am Dienstag Vormittag zum Verhängnis wurde.

Rudolf Leopold war stets auf die Kunst konzentriert, und es ist somit sicher richtig, von einem "im besten Sinn Besessenen" zu sprechen, wie Kulturministerin Claudia Schmied es tut.

Seit den 50er Jahren sammelte der Augenarzt und erzählte gerne mit listigem Glanz im Auge von den 200 bis 500 Schilling, die damals Aquarelle von Egon Schiele kosteten. Er kaufte sie fast alle und war bekannt dafür, bei Auktionen oder in Galerien aufzutauchen und mit sicherem Griff die Rosinen aus dem Kuchen zu picken.

Öffentliche Vorwürfe

Dabei ging er selbst bei der sogenannten Mauerbach-Aktion mit dem Furor eines Süchtigen vor, nach Provenienzen fragte er nicht. Und er bekämpfte als privater Stifter auch vehement die Rückgabe von Bildern aus ehemals jüdischem Besitz, was ihm viele kritische Artikel und auch Angriffe seitens der politisch aktiven Künstlerschaft einbrachte: So hat die zweifache documenta-Beiträgerin Lisl Ponger ein spezifisches Foto zum Raubzug auf enteignete Gegenstände mit Hinweisen auf Leopold geschaffen. Mit der Jüdischen Kultusgemeinde lag er im letzten Jahrzehnt ständig im Clinch. Historiker und Juristen konnten aber die seltsame Doppel-Konstruktion der Stiftung, die 1994 in den Besitz der Republik übergegangen ist und der das Leopold Museum – samt Direktorenposten für den Sammler – zur Verfügung gestellt wurde, nicht knacken. Nach der Beschlagnahmung von zwei Schiele-Bildern in den USA verblieb die "Wally" als Streitfall in New York, eine Version der "Toten Stadt" kehrte nach dem Restitutionsprozess wieder heim. Die aufgeheizte Diskussionsbasis auf beiden Seiten sollte nun abkühlen und in abschließende Bahnen gelenkt werden.

Rudolf Leopold war der Verkauf seiner etwa 5000 Werke umfassenden Sammlung I ein Anliegen, da er nie oder nur durch Kredite "flüssig" war und lieber bescheiden lebte, als auf das Sammeln zu verzichten. Die Politik befand die Werke als "Schatzkammer des

20. Jahrhunderts" (Erhard Busek). Das trifft auf einen Großteil zu, aber nicht auf alles, was sich im Museum befindet. So war die permanente Aufstellung zuweilen mit Alltagsgegenständen wie Bauernmöbeln und Krügen gespickt, was einen Trend bedient. Dazwischen mehrere Albin-Egger-Lienz-Werke, die zum Teil auch aus ehemals jüdischem Besitz stammen: Alpenfolklore für alle.

Leopold hatte früh das richtige Gespür, was zukünftig angesagt ist: Als alle noch den Jugendstil verdammten, erkannte er ihn als zukünftigen Ausstellungs-Magneten. An die Öffentlichkeit wollte er die Werke immer bringen, deshalb ließ er sich auch auf den Kaufpreis von 2,2 Milliarden Schilling und Ratenzahlungen (ausgenommen Museumsbau und Stiftung) ein – und kaufte sofort weiter. Die Muehl-Ausstellung beweist es in diesen Tagen ebenso wie die davor präsentierte Barlach-Schau: Es gibt eine wieder sehr gut bestückte Sammlung Leopold II.

Wie es nun mit der Stiftung des Hobbykunsthistorikers, der so manchem Fachmann als Kenner überlegenen war, Fachleute aber durch seine Vorurteile auch unsinnig nervte, weitergeht, wird der Stiftungsbeirat entscheiden. Da das Leopold Museum schwerpunktmäßig eine zweite Österreichische Galerie ist, wird sich eine engere Kooperation mit dem

Belvedere nur schwer von der Hand weisen lassen, zumal wir in Zeiten des Sparens leben, das auch vor Sammlermuseen nicht Halt macht.

Printausgabe vom Mittwoch, 30. Juni 2010
Online seit: Dienstag, 29. Juni 2010 19:11:00

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