http://www.stuttgarter-nachrichten.de/

Bitte benutzen Sie die Druckfunktion Ihres
Browsers, um diese Seite zu drucken.


Zum Original-Artikel
 

Kultur

Artikel aus den
Stuttgarter Nachrichten
vom 11.06.2005

 


Viele vorsichtige Blicke zurück und manch harmloser Moment: Ein erster Rundgang auf der 51. Kunstbiennale von Venedig
"Das ist zeitgenössisch" - aber wenig mehr
 
Die Sonne scheint, aber es weht ein sanftes Lüftchen. Insofern können die Experten erst mal aufatmen bei dieser 51. Version der Kunstbiennale von Venedig. Vor zwei Jahren anlässlich der Jubiläumsschau litten alle unter einer außergewöhnlichen Hitzewelle und einer nicht enden wollenden Künstlerliste. Diesmal ist die Liste kleiner und die Übersicht größer. Das liegt vor allem an einem dezidierten Bruch der Tradition, denn zum ersten Mal in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Biennale halten Frauen das Ruder in der Hand.

VON THOMAS WULFFEN

Rosa Martinez und Maria de Corral sind ausgewiesene Experten und haben überzeugende Referenzen aufzubieten. Und dennoch bleibt das Ergebnis hinter den Erwartungen und Hoffnungen zurück. Das wird eklatant in dem Ausstellungsbereich "Die Erfahrung der Kunst" im Hauptpavillon der Giardini. Dieser Teil wird verantwortet von Maria de Corral, und sie scheitert zweifach. Weder gelingt es ihr, das komplexe Raumgefüge des Pavillons aufzulösen, noch überzeugt die Zusammenstellung. Da zeigen sich wieder die alten Trennungen zwischen Video und Malerei, und am Horizont erscheint ein neuer Konservativismus, den man so gar nicht für möglich gehalten hätte.

Besonders deutlich wird dies in einer Abfolge von Räumen, die hintereinander die Altmeister Francis Bacon, Philip Guston, Marlene Dumas und Antoni Tapies zeigen. William Kentridge bekommt wieder mal einen großen Auftritt unterm Dach, das diesmal offen liegt. Vielleicht sollte das als ein indirekter Hinweis darauf verstanden werden, dass die Frauen für ihre Ausstellungen weniger Finanzmittel zur Verfügung hatten als die Vorgänger. Darüber hinaus hatten sie auch für die Vorbereitung weniger Zeit, wenn man an den schon nominierten Nachfolger für die Biennale 2007 denkt, Robert Storr mit Namen. Der wird im Herbst erstmal ein Symposion zum Thema Biennale veranstalten. Und dann kann dort der neue Konservatismus diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund sind die guten Arbeiten wie jene von Candice Breitz umso überzeugender, verbindet sie doch in ihrem Beitrag Medienwirklichkeit mit eigenen Erfahrungen.

Wollte man sich nach einem Symbol für diese Biennale auf die Suche machen, so wird man fündig in den Arsenalen, in denen Rosa Martinez unter dem Titel "Immer ein bisschen weiter" ihre Sicht der Dinge ausstellt. Dazu gehört auch ein großer Kristalllüster, der erst beim Nähertreten sein Geheimnis verrät: Die Kristalle bestehen aus Tampons. So wird denn von vornherein deutlich, dass hier bewusst eine weibliche Perspektive eingenommen wird, betont noch durch die Tatsache, dass um den Kristalllüster Großplakate der Guerilla-Girls hängen. Ob Robert Storr diese schon kennt? Gut wäre es. Jedenfalls erscheint dieser Teil der Biennale aufgeräumt und übersichtlich. Neben den großen Namen wie Louise Bourgeois, Mona Hatoum und dem scheinbar unvermeidlichen Rem Kohlhaas finden sich auch unbekanntere Namen, aber letztendlich bleibt die Perspektive eine rückwärts gewandte. Die Ausstellung bietet eben keine Antwort darauf, wie sich der Feminismus vor der Folie von Globalisierung und terroristischer Bedrohung zu situieren sucht. Und Fabrizio Plessis Monsterskulptur am Eingang der Giardini ist an phallischer Bedeutungslosigkeit nicht zu übertreffen.

Bedrohungsszenarien haben wohl auch verhindert, dass ein Beitrag von Gregor Schneider realisiert werden konnte. Er wollte auf dem Markusplatz einen schwarzen Quader aufstellen lassen, was ihm nicht erlaubt wurde. Christoph Büchel und Gianni Motti sind mit ihrer Guantánamo Initiative in einem Container neben den eigentlichen Ausstellungsräumen untergebracht. Das Projekt dient dazu, Guantánamo wieder in Kuba zu integrieren. In den Räumen aber wabert, wallt und duftet es, als sollte einem Hören und Sehen vergehen, wo doch genau das Gegenteil verlangt wird. Der neue Trend ist der Erlebnisraum mit Wind, Rauch und Ähnlichem. Die passende Antwort dazu hat Olaf Nicolai mit seinem Beitrag "Die Tränen des Sankt Lawrence". Zwischen dem 8. und 13. August lässt sich am Sternenhimmel ein Schwarm fallender Sterne beobachten.

Genauso einfach und überzeugend funktioniert der deutsche Pavillon leider nicht. Vielleicht erzeugte die Zusammenstellung des Jungstars Tino Sehgal mit dem Ostjünger Thomas Scheibitz doch zu viele Erwartungen. Vor Ort lässt sich nun erleben, dass das Zusammenspiel leider nicht funktioniert. Tino Sehgal ist mit zwei Eingriffen vertreten: Im hinteren Raum wird der Besucher direkt angesprochen und soll frei und unmittelbar zum Thema Marktökonomie sprechen. Wenn er dieser Aufgabe gerecht wird, erhält er die Hälfte des Eintrittspreises zurück, Und als Besucher ist er in den Warenkreislauf integriert, den die Biennale als symbolisches Kapital ebenfalls betreibt. Bei dem anderen Eingriff ist der Besucher nur Betrachter und kann die Wärter vor den Arbeiten von Thomas Scheibitz tanzen sehen - mit den Worten "Das ist zeitgenössisch". Thomas Scheibitz aber findet keine Antwort darauf, er bleibt stumm. Das mag auch an der Ausführung der Arbeiten liegen, die in diesem Kontext wie zusammen-gezimmert aussehen. Eine gute Idee scheitert an der Ausführung.

Aber der englische Pavillon scheitert schon am Inhalt mit neuen Arbeiten von Gilbert & George. Annete Messager verspielt sich in ihrem Labyrinth zu Pinnochio und hat nicht die Schärfe, der ihren Beitrag zur letzten Documenta auszeichnete. Wäre da nicht der amerikanische Pavillon mit alten und neuen Arbeiten von Ed Ruscha, bliebe einem nur die Peripherie übrig. Aber die neuen Gemälde sind in entlarvenden Details so überzeugend, dass der Kritiker in diesem Fall dem alten Herrn die Honneurs erweisen muss. Ein alter Herr ist mittlerweile auch Muntadas, der mit seiner medienkritischen Arbeit den spanischen Pavillon bespielt. Ein Lehrstück für angehende Kuratoren. Und endlich, auf der Allee, die hochführt zum britischen Pavillon, findet sich eine kleine, aber wirksame Hommage an den verstorbenen Harald Szeemann, der die Biennale zu seiner Zeit neu erfunden hat. An der Außenwand des schweizerischen Pavillons findet sich das Straßenschild Viale Harald Szeemann. Die Widmung aber stammt nicht von den Organisatoren, sondern vom Schweizer Künstler Gianni Motti.

Damit befinden wir uns dann in der Peripherie, die ihre eigenen Überraschungen bietet. So sind dieses Mal zum ersten Mal die zentralasiatischen Länder dabei, zusammengefasst an einem Ort. Der rumänische Pavillon bietet unter dem Kurator Marius Babias und dem Wahlberliner Daniel Knorr unter dem Titel "Europa Influenza" ein besonderes Erlebnis an. Der leere Pavillon hat in einer Ecke des Raumes eine Tür, die buchstäblich nach draußen führt. So offenbart sich die Alltäglichkeit des ganz normalen Lebens der Bewohner der Serenissima, als stünde man als Betrachter vor einem Realfilm, der keine Trennung mehr zwischen Abbildung und Realität kennt. So lernt man in Venedig wieder mal: Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere.
 
11.06.2005 - aktualisiert: 11.06.2005, 06:17 Uhr

nach oben


© 2005 Stuttgarter Nachrichten online  |  Impressum  |  Leserbrief schreiben


URL dieser Druckversion:
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/detail.php/937949

Original-Artikel:
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/detail.php/937949